Kobold im Blumenbeet Akelei

Sie ist keinem Ort treu, streunt zwischen Farnen am Waldrand, sonnt sich auf Wiesen. Die Akelei gehört zu den wilden Blumen des neuen Gärtnerns – und hat dabei eine spannende Geschichte.
Akelei

Kurz nach Mittag, wenn die Tirolerin Gitti Müller die Gäste ihres Landhauses Alpensonne versorgt hat, kommen ihre liebsten Schützlinge dran. Wald- und Gebirgsblumen, die sie, wo nur Platz ist, in Beeten, Töpfen, auf den Balkonen, hütet. Gitti Müller ist eine Alquilegiaholic, eine glühende Akeleisammlerin und damit Mitglied einer der kleinsten Blumensekten, die es gibt. Bei ihr wachsen alle, egal ob es Zuchtsorten oder die „manchmal noch schöneren Zufallssämlinge“ sind. „Akeleien sind eigenwillig“, sagt sie. Sie liebt ihre Art, „Unordnung in die Ordnung“ zu bringen.

Die Akelei hat nie zu den großartig Gefeierten gehört, war weder eine der Salondamen unter den Blumen wie die Lilie noch Medaillenkandidatin auf Zuchtwettbewerben wie das Stiefmütterchen. Und doch gab es in der tausendjährigen Blumengeschichte Zeiten, in denen sie eine besondere Rolle spielte.

Einer ihrer größten Verehrer war der Renaissancekünstler Hugo van der Goes. Auf seinem berühmtesten Werk, der Anbetung Jesu durch Josef, Maria und die Hirten (Portinari-Altar), bereitete er der Blume die Bühne. Van der Goes liebte es, Kunstfertigkeit zu demonstrieren, Kragen und Ärmel, Damast und Seide in Licht und Schatten zu rücken. Dazu platzierte er, ein Ausweis scheinbarer Bescheidenheit, vorn am Bild rand, ein Wasserglas mit einer tiefblau blühenden Akelei. Man darf diese Wahl nicht für selbstverständlich halten. Wer Blumen mochte, kannte auch im 15. Jahrhundert Mohn, Fingerhüte und wilde Orchi deen. Aber es ist die Akelei, die sich die Nürnberger Silberschmiede für ihre Buckelpokale, die sogenannten Akeleibecher, als Vorbild nahmen. Sie ist es, die der erste Naturalist unter den Malern, Albrecht Dürer, ebenso wie Hase, Veilchenstrauß und Wiesenstück porträtierte.

Trotzdem verebbte das Interesse an ihr, als das Sammeln von Blumen Mode wurde und Kaufleute, Fürsten und Bischöfe sich ausladende Bücher von ihren Schätzen anfertigen ließen. Nur in wenigen dieser Florilegien taucht die Akelei auf, meist seltsam zerzaust, zur Monstrosität verwandelt. Die große Show teilten sich im Barock die Orientalen, Tulpen, Hyazinthen und Kaiserkronen, während sich die Akelei auf ihre Wald- und Wiesenplätze zurückzog. Dort ließ sie sich Jahrhunderte später von neuen Naturliebhabern wiederfinden.

Zu den Tricks der Akelei gehört, dass sich alle Arten untereinander kreuzen, egal ob sie nun aus China, Kanada, Europa oder Kalifornien stammen. Diese Mischhochzeiten sind der Grund dafür, dass sich Wissenschaftler in Havard ausgerechnet mit ihr beschäftigen. Sie fasziniert die Dynamik der Pflanze, die flexibel ist wie kaum eine andere und damit ein Paradebeispiel für ökologische Koevolution. Hummeln und Bienen bestäuben sie in Europa, und der gekrümmte Honigsporn ist relativ kurz. In Amerika sind es auch Kolibris und Schwärmer mit so langen Rüsseln, dass Aquilegia longissima zwölf Zentimeter lange Sporne ausbildet. Im Schwarm gepflanzt sehen ihre hellgelben Blüten aus wie schwirrende Mini-Kometen.

Wahr ist, dass wer Akeleien für ihre pausbäckigen Blüten liebt, als Gärtner besonders aufmerksam sein muss. Denn aller Zauber ist dahin, sobald er die in den 80er-Jahren als ‘Nora Barlow’ berühmt gewordene Sonderform in seine Beete lässt, denn sie verdirbt jeden. Nora Barlow hat keine Sporne. Sie gleicht einer pompös gefüllten Strohblume. Ihren Namen verdankt sie Nora Barlow, der Enkelin von Charles Darwin, einer famosen Frau, die 104 Jahre alt wurde, Genetik in Cambridge studiert hatte und sich mit dem Hybridisieren von Pflanzen beschäftigte. Sie fand in ihrem Garten die sternartige Akelei, die sie nicht mochte, und überließ sie einem geschäftstüchtigen Gärtner. Die von ihm verbreiteten ‘Black, Blue’ und ‘Bordeaux Barlows’ kreuzen sich mit anderen Akeleien im Garten, und bevor man sich versieht, blühen nur noch Noras struppige Bastarde.

Da hilft nur rigoroses Zurückschneiden der Sonderlinge, die aussehen, als hätten sie „ihre Finger in die Steckdose gesteckt“, so der Akelei-Experte Robert Höck. Der Tiroler Landsmann von Gitti Müller besitzt 70 Wildformen, dazu Hunderte von Mischlingen, mit Vorliebe solche, die mit ihren Blüten „einen Meter hoch über dem Beet tanzen“. Für ihn ist die Akelei die Galionsfigur des modernen naturnahen Gartens. Einer der Gestalter wahnsinnig macht, der nicht „stabil wie ein Standbild“ ist, sondern funktioniert wie die Blackbox der Wissenschaftler, als etwas, in das man ohne fixe Erwartung Komponenten einfüllt und sich von den Ergebnissen überraschen lässt.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach