Queen Lily Lilien - Königin unter den Gartenblumen

Im sächsischen Leisnig züchtet Holger Kühne Lilien. Der Königin unter den Gartenblumen trainiert er größeres Durchhaltevermögen, spektakuläre Farben, Standfestigkeit – und, wenn er fehlt, Duft an.

Neben der Haustür ragt eine Lilie empor, fast mannshoch, 28 Blüten, cremeweiß mit einem Hauch Aubergine, strotzend vor Pracht und Gesundheit: ein Gewächs, das sich neben einer gewöhnlichen Lilie ausnimmt wie Arnold Schwarzenegger neben David Bowie. Diese Superblume ist die Visitenkarte von Holger Kühne, Hobbyzüchter im sächsischen Leisnig: „Eine Gartenlilie muss mindestens 20 Knospen haben, was soll ich sonst mit ihr“, sagt er. Holger Kühne ist Naturwissenschaftler. Ihn interessiert nicht, wie eine Lilie im Beet wirkt – eine Königin mit imposanten Trompetenblüten über einem Teppich aus Wildblumen, ein Schwarm safranfarbener Laternen über hohen Farnen – er beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, die ihm unterschiedliche Chromosomensätze bieten: Ist er nur dreifach, produziert die Pflanze kaum Samen. Ist er vierfach, sind Stängel, Blüten und Blätter besonders robust. Holger Kühne ist Vorsitzender der Europäischen Liliengesellschaft. Er kennt viele der wichtigen Spezialisten weltweit. Wenn nicht Auge in Auge, so doch mindestens vom E-Mail-Austausch. Regelmäßige Computerstunden gehören zum Züchten dazu. Per Internet findet er Kreuzungspartner für seine Pflanzen. 180 Mitglieder versammeln sich in der Liliengesellschaft, ungefähr 50 davon züchten. Deutschland ist ein gutes Lilienland. Noch besser ist Polen, da gibt es zwei Gesellschaften, in Tschechien sogar drei.

Narben abdecken

Der Züchter deckt nach der künstlichen Bestäubung die Narbe ab. Die Pollen hat er vorher entfernt.

Die Lilie ist die älteste aller Gartenblumen. Schon 1600 vor Christi malten die Bewohner des lange versunkenen Knossos zipfelige Lilientrompeten auf ihre Gefäße. Ausgräber haben die Scherben gefunden. Damals und auch noch viele Jahrhunderte später kannte man in Europa nur eine weiße Lilie, Lilium album oder Lilium candidum. Man hielt sie für etwas Rares, machte sie zum Symbol der Reinheit Mariens. Heute weiß man: Lilien sind in gut hundert Arten über die ganze nördliche Hemisphäre verteilt. Sie wachsen an den unterschiedlichsten Standorten. Und noch immer finden Botaniker neue Arten – ein Beweis für ihre hohe Anpassungsfähigkeit.

Jeder kann die Prachtblume halten. Lilien sind winterfest, brauchen zum Überleben lockeren Boden, mögen volle Sonne und vertragen auch Halbschatten. Sie werden im September gepflanzt. Drei bis fünf Jahre halten sie es an einem Platz aus, dann sollte man sie teilen und umsetzen. „Sie bleiben kräftig, wenn man sie wie Gemüse düngt“, sagt der Züchter, also stickstoffreich mit Kompost, Hornspänen oder Blaukorn. Das gilt für alle Gartenlilien, nicht für die Wildformen. Ihre Zwiebeln faulen, wenn sie zu viel Stickstoff aufnehmen. Abends gegen 20 Uhr verströmen besonders orientalische und Trompetenlilien einen intensiven Duft. Ein Grund, sie im Topf auf die Terrasse zu holen. Sie gedeihen, wenn man zwei Regeln beachtet: Das Gefäß sollte nicht in der prallen Sonne stehen. Und im Herbst wird das Substrat gegen eine neue Mischung aus Erde, Sand und reifem Kompost oder Hornspänen ausgetauscht.

Weil nur die orientalischen und Trompetenlilien duften, arbeitet Holger Kühne daran, es auch den anderen beizubringen. Seit zwanzig Jahren züchtet er. Drei Lilien hat er in dieser Zeit mit Namen registrieren lassen. Nicht mehr, weil er meint, dass nur die ungewöhnlichsten einen Namen verdienen: „Alles andere ist Mischung.“ Seine letzte Züchtung heißt ‚Milden Red Ball‘, ein Hybrid der rot blühenden Pantherlilie mit turbanähnlich hochgeschlagenen Blütenblättern und einer Zeichnung, die an die Flecken im Fell des Raubtiers erinnert. ‚Milden Red Ball‘ ist robuster als die Wildform, vermehrt sich leicht und verträgt lehmigen Boden, was die meisten Lilien nicht tun. Ein weiteres Vorhaben ist eine rot blühende Trompetenlilie. „Tomatenrot wäre völlig neu, denn der Farbstoff ist in den Trompeten natürlich nicht vorhanden.“ Zu dunklem Kirschrot hat er sie schon gebracht. Das ist zwar noch weit vom Ziel entfernt. Aber: „Ich bin echt dran“, sagt der Sachse.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Jürgen Holzenleuchter