Blühende Leidenschaft Orchideen

Vom ernsthaften Botaniker bis zur jungen Braut: Alle erliegen dem Zauber der Orchideen. So gross ist der Erfolg, dass er ihrem Image schadet. Marei Karge-Liphard zeigt in ihrer Gärtnerei bei Lüneburg, wie sich Masse und Klasse vertragen.

Flügelwesen flattern, Glöckchen baumeln an Rispen, Schneeflocken wirbeln, seeanemonenähnliche Blüten recken Tentakel in Pastelltönen. „Und hier, das ist wohl eindeutig, woran das erinnert“, sagt Marei Karge-Liphard, während sie behutsam die Hand um die Blüte einer Coelogyne cristata legt. Deren fein gekräuselte Blätter bilden Lippen, die eine tiefe Öffnung umschließen. Ein Anblick, bei dem katholische Geistliche beschämt die Augen senken. Ebenso drastisch betont der Name „Orchidee“ den Sexus: „Orchis“ ist griechisch und heißt „Hoden“. In der Antike galt ein Sud aus den Blattverdickungen einiger Arten als Aphrodisiakum.

Der Orchideengarten Karge in Dahlenburg bei Lüneburg, den die 32 Jahre alte Gartenbauingenieurin führt, ist ein Wunderland, das von phantastischen Gestalten bevölkert wird: Scherenschnittkünstler könnten die Blüten geschaffen haben, fast vollkommen symmetrisch, in allen denkbaren Farben, Mustern und Formen. Heimisch sind wilde Orchidaceae vom Polarkreis bis zu den Tropen – Wüsten ausgenommen. Etliche ihrer Arten brauchen keine Erde, sondern klammern sich an Fels (Lipophyten) oder Rinde (Epiphyten) und gewinnen die nötigen Nährstoffe aus Luft und Licht.

„Orchideen faszinieren“, schwärmt die Expertin – eine Meinung, die weltweit Millionen teilen. Der Boom startete Ende des 18. Jahrhunderts, als die ersten exotischen Exemplare auf Handels- und Piratenschiffen über England nach Europa gelangten. Fürsten und reiche Bürger schmückten Räume und Revers mit den Blüten, spätere Massenimporte versorgten das gemeine Volk. Pflanzenjäger durchsuchten Regenwälder, Gebirge und Sümpfe nach immer neuen Mitgliedern der größten Pflanzenfamilie, zu der nur eine nennenswerte Nutzpflanze zählt: die Vanille. Die Sammelwut hat, neben dem Abholzen der Regenwälder, dazu beigetragen, dass Wildformen ausgestorben sind und viele der gut 30 000 bekannten Arten bedroht sind. Gehütet sind sie durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, das den Handel generell verbietet.

Heute befinden sich die „Orchideen- Nationen“ in Südamerika und im Fernen Osten. Aus Brasilien, Taiwan, Thailand und Japan stammen spektakuläre neue Hybriden und seltene Mutationen, die bis zu 25 000 Euro kosten. In Singapur findet vom 13. bis 20. November 2011 die „World Orchid Conference“ (WOC) statt, die wichtigste internationale Fach- und Besuchermesse. Eine bedeutende Rolle in Europa spielen nach wie vor England – in Archiven der Royal Botanic Gardens von Kew werden alle Arten und Hybriden registriert –, sowie die Niederlande und Deutschland, wo sich einige der international renommierten Fachbetriebe befinden. Marei Karge-Liphards Kunden reisen aus ganz Europa an, vor allem aus Skandinavien, Polen, Tschechien und den neuen Bundesländern.

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Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Angela Franke