Mit Schwert und Blüte Die Pracht der Gladiolen

Prächtig, dabei ein bisschen steif; elegant, aber auch ziemlich Kapriziös: Gladiolen waren die Blumen der Stars in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. In legeren Zeiten wurden sie bei uns schnell vergessen. Wer ihnen dennoch verfällt, reist weit - nach Tschechien, England oder in die Niederlande.

Könnten Gladiolen singen, die Töne kämen spitz und ziemlich hoch heraus, so als ob sie etwas quälte. Die offenen Blüten gleichen weit aufgerissen Vogelschnäbeln, man kann ihnen tief in den Rachen blicken. Etwas Überdrehtes steckt in ihnen, und die Farben provozieren es: Brandrot, Wisteria-Blau, Apfelbäckchenrosa, Vanillegelb. Alles dabei. Auch Rüschen an den Rändern, die die Blütenform in Petticoats verwandeln. Dame Edna, der berühmte australisch-britische Transvestit, führt „Glads“ mit sich wie Charlie Chaplin seinen Regenschirm. Und Glads-Schwenken gehört zur Zeremonie, wenn sie von der Bühne tritt, denn, so Dame Edna: „Es gibt nichts Erhebenderes als Massen von Gladiolen.“ Definitely non-U, nicht upperclass, nennt die ungarische Baroness und Autorin des Gartenklassikers „Green thoughts“ Eleanor Perenyi Gladiolen. Ihr Argument: aufgedonnertes, protziges Auftreten. Blüten, die bis zur Unkenntlichkeit der Art verändert sind, fleischig, wächsern, monströs, manche könnten ebenso Stockrosen sein, bliebe ihnen nicht die Eigentümlichkeit, dass sie leiterartig auf einer Seite des Stängels angeordnet sind.

Zweihundert Jahre Züchtungsgeschichte haben Gladiolen in Kunstfiguren verwandelt und ihnen das Gartenleben vermiest. Ihre Blüten sind schwer. Wohin mit Diven, die immer betrunkener in der Rabatte stehen, je mehr Knospen aufgehen? Je stolzer die Gärtnerin, desto entschiede- ner finden Gladiolen bei ihr keinen Platz. „Lass sie in der Vase stehen“, sagt Helen Dillon, eine Autorität aus Irland, deren Beete bis in die Blattspitzen kontrolliert sind. Wer sich bei ihr nicht fügt, fliegt auf den Kompost.

Hans Auinger jedenfalls, der einzige österreichische Sammler der Schwertblume, tut, was die irische Gartenama- Zone sagt. Und das seit jeher. Denn für ihn sind Gladiolen die schönsten Vasenblumen überhaupt, schöner noch als Dahlien und elegant wie keine andere. Für seine Sträuße und um die Blüten zu fotografieren – „die Zeichnung im Schlund ist so etwas Schönes“ – umhegt er eine Kollektion von 800 verschiedenen Gladiolen. Ein an Stäben in Kniehöhe über den Boden gespanntes grobmaschiges Netz „zwingt die Stängel zum senkrechten Stehen“. So wachsen sie in Reih und Glied, alle zehn Zentimeter eine Knolle. Jedes Jahr legt er sie an einer anderen Stelle seiner Parzelle Ackerland aus - das ist wichtig, denn Gladiolen dürfen nicht zweimal hintereinander am gleichen Ort stehen. Seit über zwanzig Jahren fährt der Sammler jedes Jahr im April nach Tschechien, über 700 Kilometer hin und zurück, um sich dort bei zwei Großzüchtern in der Nähe von Prag neue Sorten auszusuchen. „Frisches Blut“, wie er sagt.

In Tschechien, Polen, Amerika, Kanada, Indien und England wird enthusiastisch gezüchtet, werden Shows organisiert, helfen Liebhaber Neulingen beim Start ins eigene Gladiolen-Gärtnern, unter anderem die rührige British Gladiolus Society (britglad.com). Bei ihr gelten die Knollenblumen als „hot area in the horticultural world“. Neue Farbkombinationen, noch mehr Knospen, Duft, Winterhärte: Das Wetteifern um die schönsten Blüten ist ein freundschaftlicher Sport. „They make me happy“, sagt Nigel Coe, ein Züchter von Siegerblüten. Er erklärt das Geheimnis erfolgreicher Gladiolengärtnerei als „tlc, tender loving care“ – eine ständige, umsichtige Fürsorge. Sagt es und zieht voller Zuneigung sanft den knospenbesetzten Stängel durch die Hand, nachdem er ihn an einem Bambus-Stab fixiert hat. Mit kleinen Wattebällchen bugsiert er die Blüten in die richtige Position.

Glückliches England. In Deutschland ebenso wenig wie in Österreich und in der Schweiz ist kein Spezialgärtner, kein Spezialist in Sicht. Versprengte Liebhaber wie Hans Auinger finden kaum jemanden, mit dem sie ihre Leidenschaft teilen können. Das liegt nicht am Boden, nicht am Klima, nicht an der Kenntnis. Denn einst arbeiteten einige der besten Züchter in Bad Köstritz oder in Stuttgart. Auch Max Leichtlin (1831 bis 1910) in Baden-Baden gehörte zu ihnen. Seine Adresse galt als „das Zentrum in der intelligenten Gartenwelt Europas“. Er brachte neue großblütige Hybriden hervor – und verkaufte sie in die USA, wo aus Gladiolus leichtlinii die grandiose Gladiolus childsii wurde. Nichts davon ist hier heute mehr zu finden.

Könnte es sein, dass bei uns Extravaganzen verpönt sind? Wenn ja, erinnert das ans 18. Jahrhundert. In der Zeit der Aufklärung verloren gefüllte Blüten und extreme Zuchtformen ihren Wert. Bizarre Tulpen, pompöse Kaiserkronen: Plötzlich galten sie gegenüber den botanischen Formen als manieriert, typisch für überholte barocke Zeiten. Gefeiert wurde das Natürliche. Die Schwertblume leistet jedoch beides, sie ist Show-Glad und Naturschönheit.

Vielleicht die einzige Frau, die Gladiolen züchtet und sich dabei auf natürliche Formen spezialisiert hat, ist die Holländerin Hermien Challa. Sie lebt in der Nähe von Arnhem, wo sie seit 1984 die Siegwurz, so ein alter Name, veredelt. Jahrzehnte tat sie es so gut wie unbemerkt im Auftrag einer internationalen Blumenzwiebelfirma. Die Ziele waren Pilzresistenz und viele große Blüten, die sich – gut für die Vase – gleichzeitig öffnen und lange halten. Auch neue Farben wie „Signalrot, Eidottergelb und strahlendes Weiß, die mögen die Männer am liebsten“. 2003 fing die Holländerin an, auf eigene Rechnung zu kreuzen. Seither sortiert sie makrozephale Exemplare aus und behält die kleinen, wildähnlichen, die nicht so steif sind, sich fürs Beet eignen, mit Thalictrum, Gräsern und Phlox zusammengehen und an denen sie die feinsten Farben hervorzaubert: samtig dunkle Rottöne, tiefes Pink, Euphorbiengelb – und helles Grün. Denn das ist eine Farbe, die sich einfügt. „Frauen bevorzugen das“, sagt Hermien Challa.

 

Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Jonas Unger