Neu entdeckt Revuegirl im Frühling: Hyazinthen

Sie ist bunt, vulgär und reichlich überparfümiert: Das hat die Hyazinthe viele Freunde gekostet. Schuld an der überspannten Erscheinung waren Männer. Jetzt wird sie neu entdeckt.

Sie sagen, die Hörnchen der wilden Hyazinthen seien schon fingerlang, schreibt Colette. Im Alter sehnt sich die französische Schriftstellerin in den Wald, dorthin wo Tausende von blauen Glöckchen duften. Ihr krankes Bein fesselt sie ans Haus. Eine weiße Zimmerhyazinthe leistet ihr Gesellschaft. Die Dichterin will dankbar sein – „der Duft“ – und kann doch nur gegen die im „Sitzbad geborene“ sticheln, deren „dicker wasserverstopfter Stängel an der Schnittstelle geifert wie eine Schnecke“ und deren Glöckchen „weiß sind wie Pfefferminzpastillen“. Hat sie überhaupt noch etwas gemein mit ihren wilden, zarten Artverwandten? 1948 erschien Colettes Porträt der Zimmerhyazinthe mit denen über Maiglöckchen, Anemone, Narzisse und Kamelie in dem Band „Pour un herbier“. Da hat die Hyazinthe ihre beste Zeit schon lange hinter sich.

Wie die Tulpe gelangt sie im 16. Jahrhundert aus Konstantinopel nach Italien und erobert sich dann in Etappen Deutschland, Österreich und Holland. Die erste bekannte Adresse ist Torgau an der Elbe. Dort blüht sie 1561 im Garten eines Arzneihändlers. Wenige Jahre später wächst sie bei einem Apotheker in Meißen, kommt 1573 zu Carolus Clusius, dem mit Blumensammlern quer durch Europa vernetzten Botaniker. Der gibt 1576 Zwiebeln an den hessischen Landgraf Wilhelm IV. weiter. Die Jahreszahlen machen einen Rhythmus deutlich. Drei oder vier Jahre dauert es, bis die Hyazinthen an einem neuen Platz auftauchen. Das entspricht in etwa der Zeit, in der aus winzigen Brutzwiebeln neue blühfähige Knollen heranwachsen.

Nach dem langsamen Anfang kommt die Sache im 17. Jahrhundert schnell in Schwung. Hyazinthen mutieren leicht, bilden sogenannte Sports, ändern Farbe und Blütenform. 17 verschiedene Sorten zählt der Autor eines Blumenbuches 1613, im Jahr 1767 sind es dann 590. Die Zucht wird zum Massengeschäft. Berlin ist ein Zentrum. Auf den sandigen Feldern im Südosten der Stadt, dort wo Lichtenberg liegt, arbeiten die umsatzstärksten Anbauer Europas. 4,5 Millionen Zwiebeln jährlich werden um 1820 herangezogen. Die Hyazinthe passt nur zu gut ins Bild biedermeierlicher Ordnung und Pflege.Karl Gutzkow, der frühsozialistische Autor, beschreibt es: Das Stillleben aus blauen englischen Nadelpapieren, Nähkissen und Fingerhüten, der gelbe Vogel im Messingbauer, ein „Teppich, der jedes Auftreten mildert“ und „die Hyazinthe im Treibglas am Fenster“ verbreiten „jene Behaglichkeit, die das Gemüt ergreift“

Seite 1 : Revuegirl im Frühling: Hyazinthen
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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry