Herz-Blume Tränendes Herz - Dicentra spectabilis

Pochen diese Herzchen, wenn wir das Ohr ganz dicht an sie heran halten? Oder läuten sie wie Glöckchen? Die Phantasie schlägt Purzelbäume, wenn im Mai und Juni die Tränenden Herzen blühen.

Tränendes Herz

Herz neben Herz an die Wäscheleine geklammert: Das kann nur Verführungssucht und Koketterie bedeuten, das müsste die Pflanze einer Lolita sein, der jungen Wahlverwandten des Casanova. Aber wer kennt überhaupt noch die Sprache der Blumen? Weiß, dass Dahlien und Hortensien ihrer Empfängerin Gefühlskälte vorwerfen, dass Narzissen Selbstsucht anklagen, Anemonen um Vergebung bitten und Veilchen auf ein zähes Verfolgen einmal gesetzter Ziele hinweisen. In den Wörterbüchern der Blumensprache allerdings wird man das Tränende Herz vergebens suchen.

Es kam zu spät. Alle antiken Göttinnen und Götter hatten sich bereits ihre Wappenblumen ausgesucht. Der christliche Pflanzplan war auch schon fertig, und längst hatte sich das Paradies als himmlischer Kontinent vom diesseitigen Festland gelöst und war ins ewige Blau davongesegelt. Das Tränende Herz kam erst nach der Säkularisation im 19. Jahrhundert nach Europa, als Beute eines viktorianischen Pflanzenjägers, der im Auftrag der Royal Horticultural Society Chinas unermessliche Weiten durchforschte. Robert Fortune fand die Pflanze 1847 in den Laubwäldern der Insel Kushan.

In diesen Wäldern darf man keine stämmigen Buchen und keine dunklen Eichen vermuten. Stattdessen wachsen dort lavendelblau blühende Paulownien, spitzige Ahorne und Glyzinien mit dicken Blütenähren. Aus Bodenspalten dringt ein Rauch, der sich zu gräulich-grünen Blättern verfestigt. Wen wundert es, wenn an ihren Stielen rote Herzen baumeln, aus denen Tränen rinnen, weiß wie Perlen.

Derart wundersame Wälder kennen nur Menschen wie Alice aus dem Wunderland oder Vita Sackville-West. Voller Vergnügen erinnert sie sich an die Beete ihrer Großmutter, wo neben anderen altmodischen Blumen wie Maßliebchen, gefüllten Primeln und Aurikeln auch „Fliegende Herzen“ wuchsen. Sie drehte die Blüten um und zupfte sie in verschiedene Richtungen auseinander, um zu sehen, was aus dem roten Futteral zu Tage kam. Eine kleine weiße Ballerina war der hübscheste Fund. Öfter war es eine „Lady in the Tub“ oder „Jungfer im Bade“, wie die Pflanze volkstümlich in England oder Deutschland genannt wurde.

Auch solche Kinderzeiten sind vorbei. Erst kürzlich tauchte das Tränende Herz auf den Wunschlisten wieder auf, promoviert zu Dicentra spectabilis und nicht mehr allein, sondern mit Gefolge. Das Kraut aus der großen Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) und der Unterfamilie der Erdrauche (Fumaria) hat eine Reihe feiner Verwandter. Und unter ihnen hat der großartige Ernst Pagels in Leer eine kleine cremefarbene Dicentra oregana ‚Aurora‘ mit blaugrauem Laub ausgelesen, die sich auf schattigen Plätzen gut macht. Da, in humosem Boden, fühlt sich auch die niedrige Dicentra cucullaria wohl. Ihre Blüte aus zwei aufgepusteten Hörnchen sieht aus, als sei sie von der englischen Designgruppe Inflate erfunden, und sie hat zierlich aufgeschlitztes Laub – ein Schatz für jeden waldigen Frühjahrsgarten. Dicentra scandens ist eine gelb blühende, bedingt winterharte Form, die vom Juli bis zum Frost blüht und die zwei, drei Meter hoch klettert. Dafür eignen sich am besten Erbsenbusch oder andere lockere Pflanzgerüste.

Viele lieben das Tränende Herz, doch keiner ist ihm je so mit Haut und Haaren verfallen wie der Rose oder der Lilie. Die Pflanze gehört nicht zu den Leitstauden, wie der Gärtner mit der Nüchternheit eines Personalchefs sagt. Tränende Herzen sind eher so etwas wie der beste Kollege. Sie streichen die Schönheit der Päonien noch heraus, geben Farnen etwas Fröhliches und vermitteln zusammen mit Deutzien und Spireen die zartesten Frühlingsgefühle. Sie brauchen diese Gemeinschaft, denn ihr Laub zieht früh ein und hinterlässt kahle Flecken im Beet, wenn nicht Blätter von Japananemonen oder Hosta darüber wachsen. Tränende Herzen sind auch, was heute viel zu wenige nutzen, gute Blumen für die Vase, wunderschön mit Euphorbien und Gemswurz, wie die Pflanzenkennerin Marianne Beuchert empfiehlt. Sie lassen sich leicht vortreiben und werden geschnitten, wenn zwei Drittel der Blüten geöffnet sind. Im Garten können Tränende Herzen alt werden, wenn sie den richtigen Standort haben. Auf trockenen, sonnigen Plätzen mickern sie. Sie verlangen lichten Halbschatten und einen nahrhaften feuchten Boden. Wenn es mehr nicht ist …

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Stephan Abry