Süleimans Augenstern Tulpe - Schönheit des Orients

Der Sultan trug sie über dem Herzen, holländische Mijnheeren verschacherten die Tulpe in Wirtsstuben: vom Aufstieg und Niedergang einer schönen Orientalin.

Die erste in Europa aktenkundig gewordene Tulpe war ein ungeschlachtes Ding. Sie zeigte in keiner Weise, zu welchen Exzessen Männer fähig waren, um sie zu besitzen. Stämmig, mit hochrotem Kopf, der Stiel kurz, die Blätter wie Tentakeln, so porträtierte sie der Gelehrte Jakob Gesner 1557 im Garten des Augsburger Ratsherrn Herwarth. Hätte er geahnt, dass seine Zeichnung den Beginn einer großen Karriere markieren sollte, er hätte dem feisten Wesen vielleicht sympathischere Züge verliehen.

Tulipa accuminata
Tulipa accuminata
Doch so gleicht sie jenem Scheusal, das Jahr für Jahr mein Aprilbeet ruiniert. Grellrot und auftrumpfend, eine Domina zwischen ersten Mohnblättern, dem zarten Grün des Scheinhasels und den zierlichen Reifrock-Narzissen. Jedes Jahr reiß ich ihr nach einigen Tagen die Blüte samt Blättern aus. Aber die Tulpe will sich nicht unterkriegen lassen, sie erscheint im nächsten Jahr wieder und trotzt mir mit ihrem Überlebenswillen immer mehr Tage ab, an denen sie blühen darf, wo und wie sie will. Ein Sieg nach Punkten? Vielleicht.

Unser großes Gartenherz ist seltsam empfindungslos, wenn es um Tulpen geht. In Büchern über die Symbolik der Pflanzen fehlt sie meist, so, als habe sie nichts Eigenes mitzuteilen. In unseren Beeten dulden wir nur niedrige Wildtulpen, die aufgeblüht wie gestrandete Seesterne aussehen, oder weiße Lilienblütige, die sich bescheiden einfügen. Auf Bildern allerdings bewundern wir Eleganz und Exotik von Papageientulpen oder Darwinhybriden und wünschen sie uns in die Vase. Schnittgut ist die Blume geworden, für die Europas Fürsten Vermögen ausgaben, die Menschen zu Dieben werden ließ und die schon immer entschiedene Feinde hatte.

Voller Geringschätzung schrieb solch ein Misanthrop im Jahr 1655, die Tulpe sei mit Grund in keinem Apothekergarten zu finden, sie ernähre nicht, sie heile nicht, sie sei ganz und gar nutzlos. Den schlagendsten Beweis für ihr dubioses Dasein lieferte diesem Tulpenverächter der Name. Kein lateinischer Stammbaum legitimierte sie. Kein volkstümlicher Name zeugte von Zuneigung. Sie hieß im Deutschen und Holländischen Tulpe, im Englischen Tulip, im Portugiesischen Tulipa, im Italienischen Tulipano, und all diese Namen beruhen auf einem Irrtum. Denn Tulpe oder Tulipan, so glaubt man heute zu wissen, ist das Wort für Turban. Wer immer es war, der nach der fremden Blume fragte, die Türken als Schmuck ihrer Kopfbedeckung trugen, hatte die ganze Sache falsch verstanden, hatte statt der Pflanze, die die Türken Lale nannten, das Wort für den Platz notiert, an dem er sie sah.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Simon Puschmann