Pflanzenporträt Heide - Symbolpflanze des 20. Jahrhunderts

Dat moor is brun, de heid is brun. Kein anderes Gewächs hat so viel Geschichte in so kurzer Zeit gemacht wie die Heide. Nicht die Rose, nicht das Veilchen.

Lüneburger Heide

Es ist ein lustiger Busch mit vielen braunen Zweigen, die wiederum zierlich mit allerkleinsten Blättchen bekleidet sind, schreibt Hieronymus Bock, einer der drei Väter der Botanik und der, der am genauesten hinschaute, über das „Heyden blümlin“. Das ist im Jahr 1546. Das Blümlein lebt in großen Matten, bedeckt Landstriche, durch die Schäfer ihre Herden treiben. Das wenige, was auf dem kargen Boden wächst, beißen die Heidschnucken weg. Hier und da schaut bleicher Sand hervor. Calluna vulgaris, lateinisch für die gemeine Besenheide, ist eine Ausbeuterin, Spezialistin im Herauslösen letzter Nährstoffreserven.

Arm, leer, „eine öde dürre Strecke“, lässt Karl Philipp Moritz 1785 seine Romanfigur Anton Reiser stöhnen. Mehr ist die struppige Gegend bis ins 19. Jahrhundert nicht. „Dat moor is brun, de heid is brun.“ Kein früher Besucher spürt etwas von dem Schaudern, dem tiefen Gefühl, das um 1900 Menschen packt, die aus Hamburg oder Bremen in die Natur fahren: „Stimmung bis in die kleinste Fingerspitze“, schreibt die Malerin Paula Modersohn-Becker, als sie ihr Worpswede entdeckt. Da steht über der Heide schon ein emotionales Sturmgebiet. Langsam, über ein Jahrhundert hinweg, hat es sich aufgebaut.

Den Anfang machen die Botaniker. Pflanzengeographie, das ist die Wechselwirkung von Kraut und Erdoberfläche, heißt ihre neue Disziplin. Alexander von Humboldt hat sie um 1800 in Südamerika formuliert: Region der Palmen, der Flechten, der Moraste und so fort. Der botanische Garten von Breslau legt als einer der ersten landschaftliche Vegetationsbilder an, sogenannte Pflanzenphysiognomien. Nachdem Geobotaniker die Wissenschaft auf fremden Kontinenten erprobt haben, fällt ihr Blick ins eigene Land.

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Michael Fitzthum