Er bekam 1997 den ersten A&W-Mentor-Preis von Italiens Designlegende Achille Castiglioni. Heute ist der 41 Jahre alte Münchner selbst ein international gefragter Gestalter. Seine Entwürfe stehen in Museen. Er hat es lieber, wenn sie benutzt werden. Denn er schafft Alltagsprodukte, denen er Wesentliches abverlangt: Schlicht, aber schön sollen sie sein. Konstantin Grcic ist
A&W-Designer des Jahres 2007. Text Barbara Friedrich
Fotos Robert Fischer
Produktion Thomas Elmenhorst
Konstruktion beginnt bei Konstantin Grcic mit “Bildern im Kopf“, ist wesentlich für seine Entwürfe. “Mein Denken funktioniert strukturell. Würde ich einen Baum gestalten, würde ich ihn nicht wie ein Bildhauer aus einem Volumen herausarbeiten, sondern Ast für Ast aufbauen“, erklärt der 41-jährige Münchner. Schon als Kind baute er mit Lego- und Fischer-Spielzeug, zerlegte, setzte neu zusammen; erforschte, was geht.
Organisation ist elementar. “Was mich auf die Palme bringen kann, ist, wenn mein Konstrukt der Zeitplanung durcheinanderkommt.“ Nicht aus Pedanterie aus Ärger über sich selbst. Der viel gefragte deutsche Designer ist Vielflieger und hat oft das Gefühl, Zeit zu vergeuden. Schon deshalb lebt er bescheiden in einem 60er-Jahre-Haus am Stachus. “Ich mag keine kaputtsanierten Altbauwohnungen in den Szenevierteln.“ Er “wohnt“ auch nicht wirklich. Wenn er nicht unterwegs ist, weilt er am liebsten in seinem Büro-Atelier in der Schillerstraße: Hinterhof-atmosphäre, Ordnung im kreativen Chaos, fünf Mitarbeiter, alle an “Pallas“-Tischen, überall Modelle, Prototypen und Materialien zum Experimentieren. “Ich komme um acht, eine Stunde vor dem Team.“ Das besteht nur aus langfristigen Mitgliedern. Grcic will und kann nur mit vertrauten Menschen arbeiten.
Nützlichkeit ist notwendiges Prinzip für ein Grcic-Produkt. Von “One offs“, von Unikatstücken für Galerien, hält er nichts. Zumindest nicht für seine eigene Arbeit. “Als Industriedesigner darf es einem nicht um Kunst gehen!“ Schließlich hat er sich für diesen Weg entschieden. Nach der Schule und einer Schreinerlehre “Studium war nicht so mein Ding“ entdeckte er am Royal College of Art in London das Design als Berufsbild für sich. Nicht zuletzt, weil Jasper Morrison, der englische Verfechter des Minimalismus im Design, sowie Vico Magistretti, einer der berühmtesten Gestalter Italiens, seine Lehrer waren “und mich in meiner Art, die Dinge zu vereinfachen, bestärkten“. Die Mentoren wurden ein Meilenstein seiner Karriere wie Italiens Altmeister des industriellen Designs Achille Castiglioni. Aber dazu mehr unter C.
Stühle, Schönheit, Selbstzweifel. “Warum machst du immer wieder Stühle, werde ich oft gefragt. Antwort: Wir machen Dinge, für die wir beauftragt werden und Sitze sind so interessant zu gestalten, weil sie so körper- nah geformt werden.“ Deshalb findet KGID, Konstantin Grcic Industrial Design, wie er sein Büro nennt, immer wieder ungewöhnliche, überraschende Lösungen.
Der “Chaos“-Stuhl zum Beispiel, der in Form und Funktion ein bisschen irritiert, oder der “Chair One“, das Skelett einer Aluminium-Struktur. “Ästhetik ist nicht nur Form“, erklärt Grcic. “Sie ist auch eine wichtige Funktion. Die Dinge müssen schön sein, um gerne benutzt zu werden!“ Dann schränkt er ein: Nicht vollkommene Schönheit meine er, nicht den “Goldenen Schnitt“. Schön sei, klar, subjektiv. Er liebe Schönheitsfehler, totale Perfektion sei langweilig, wie so ein blondes Supermodel oder nicht? Konstantin Grcic denkt tiefgründig, grübelt, zweifelt. “Das ist wohl Teil meines Entwurfsprozesses, den ich mir immer hart erarbeiten muss“, gesteht der stets schwarz gekleidete Kreative, der Jil Sander-Anzüge mag, seine IWC-Fliegeruhr überm Pulloverärmel und eine runde schwarze Hornbrille auf der prägnanten Nase trägt. Grcic wirkt intellektuell und schüchtern. “Eine gewisse Qual gehört zur Erzeugung von Qualität.“
Tradition verbindet Grcic mit seinem Zuhause. “Bei uns gab es Antiquitäten neben Plastikmöbeln der Siebziger, an den Wänden hing zeitgenössische Kunst meine Mutter ist Kunsthändlerin; und mein sehr viel älterer Vater, der Jurist war, sammelte Zeichnungen des 18. Jahrhunderts.“ Seine Schwester Tamara wird Künstlerin; er geht bei einem Möbelrestaurator in die Lehre. “Bei Antiquitäten faszinierte mich schon immer der handwerkliche Wert, nicht konservative Nostalgie. Ich will nichts festhalten.“
Arbeit und Leben sind ihm eins. Das hält Grcic doch fest. Bei den Künstlern, die er durch seine Mutter kennenlernte, hat ihn das früh fasziniert. “Der Beruf als Erfüllung, keine Trennung von Alltag und Freizeit.“ Die Schreinerlehre ist ihm bis heute “elementar wichtig“, weil er dort erst lernte, wie man lernt und wie man seine Fähigkeiten richtig einsetzt. “Ich war da früher extrem unsicher.“
Normen muss der schon seit 1991 ein Jahr nach seiner Ausbildung am Royal College of Art und anschließender Mitarbeit im Studio von Jasper Morrison mit seinem Büro selbstständige Designer zwangsläufig akzeptieren. Aber er versucht, im Dialog mit den Herstellern und deren Technikern den Spielraum bei Vorschriften und Fertigungsmethoden auszuloten, um neue Produkte zu gestalten. Den Kleiderbügel mit eingebauter Kleiderbürste, eine Leuchte, die man überall mit hinnehmen kann, oder Gefäße aus Ton, deren Griffe sich wie ein Handschuh nach innen stülpen: Grcic zeigt subtilen Humor.
Technik und Technologie sind wichtige Antriebskräfte für seine Kreativität. “Mich interessiert: Wie funktioniert was?“ Er ist froh, Kunden zu haben, die seiner Experimentierfreudigkeit Nahrung geben, mit ihm neue Wege gehen. Ihn eine Kollektion Tische gestalten lassen, für die er dünne Stahlbleche in harte Winkel biegt einfach, pur, schön. Oder für die er einen ganz leichten Barhocker in Plastik, mit weichen Kanten, aus einem nahtlosen Stück, denken darf mit der Laser-Sinter-Methode. Immer neugierig, was geht.
Innovation ist okay. “Aber Design muss nicht zwanghaft neuartig sein“, sagt er, “auch Verfeinerung ist Gestaltung.“ Ein Glas, einen Abfalleimer, einen Kugelschreiber, den Regenschirm kann man ja nicht wirklich neu erfinden. Die aus Grcics Büro haben aber ein gewisses Etwas. Zum Beispiel der Schirm fürdas japanische Unternehmen Muji. “Wir haben die Farben vorgegeben, den Griff ein Stück verlängert und ein Loch hineingestaltet. So können die Japanerinnen sich ihre kleinen Anhänger dranmachen, zur Identifizierung der einfach als Schmuck, wie am Handy.“
Nachhaltigkeit und gutes Design sind für ihn reziproke Werte. Er sucht “sufficiency“, das Angemessene. “Es geht nicht um ,immer mehr', sondern um ,besser', ,genauer'.“
Genauigkeit passt zu Grcic. Schlampiges Arbeiten und Nachlässigkeiten sind ihm ein Gräuel. “Ich will Perfektion, auch wenn das Ziel nicht ganz erreicht wird.“ Wer für ihn arbeitet, muss sich hundertprozentig einsetzen. Von 9 bis 19 Uhr. “Aber dafür keine Wochenendarbeit“, erklärt der Chef. Für ihn gilt das nicht. Er sitzt dann gern im Büro an Details. Um einem neuen Bürostuhl eine spezielle Linienführung zu geben, kam er auf die Idee, einen Damenstrumpf über das Grundgerüst zu spannen. “Die Elastizität macht diesen eleganten Schwung an der Rückenlehne möglich. Den vermessen wir nun und füttern die Daten dem Computer.“ Nichts bei KGID entsteht nur per CAD, alle Produkte werden als Prototypen gebaut. “Ich muss die Dinge mit den Händen spüren.“
Radikalität erfordert Haltung. “Früher habe ich nur in Massenproduktion und Serie gedacht, wollte einfache, schöne Dinge gestalten, die industriell in hoher Auflage zu einem guten Preis produziert würden.“ Mittlerweile hat auch er erkennen müssen: “Die Demokratisierung des Designs geht eigene Wege.“ Denn: “Qualitätsanspruch lässt sich selten mit der realen Nachfrage vereinen.“ Und: “Die Dynamik des Marktes schafft Begehrlichkeiten, die man nicht wegdenken kann.“
Castiglioni, der Altmeister italienischen Industriedesigns, der dem jungen deutschen Kollegen 1997 den A&W-Mentor-Preis vermachte, hat ihn unbewusst fürs Design begeistert. In den späten 80ern bekam er den Katalog einer Castiglioni-Retrospektive. “Da sah ich einen Menschen, der in der Arbeit aufging, bis ins hohe Alter neugierig war, und glücklich: ein erstrebenswertes Leben.“ Persönlich lernten sich beide erst '97 kennen.
Ikonen des Designs wie sein Vorbild zu schaffen, kann man nicht planen. Wenn es gelingt, macht es ihn “happy“. Die “Mayday“-Leuchte ist so ein Produkt, der Barhocker und “Chair One“ und er hat noch vierzig Jahre vor sich, um Castiglioni nachzueifern.
Cici hat Achille ihn genannt. “Er konnte „Gridschidsch“ nicht aussprechen,da gab er mir einfach seinen eigenen Kosenamen. Weil „Dschidschi“ irgendwie ähnlich klingt.“
Leben und Werk
Konstantin Grcic wurde
1965 in München geboren. Nach einer Lehre und Tischlerausbildung am Parnham College in England studierte er von
1988 bis 1990 Design am Royal College of Art in London. Von
1990 bis 1991 arbeitete er im Studio Jasper Morrison und gründete gleich danach in München sein eigenes Designbüro KGID, Konstantin Grcic Industrial Design. Das entwirft seither Möbel, Leuchten und Gebrauchsgegenstände für führende europäische Hersteller wie Classicon, Driade, Flos, Iittala, Lamy, Magis, Moormann, Moroso, Plank, SCP und Thomas/Rosenthal.
1997 würdigte Italiens Designlegende Achille Castiglioni den jungen Kollegen mit dem A&W-Mentor-Preis. Im Oktober
2000 war Grcic "Guest of Honour" für die Interieur Biennale in Kortrijk/Belgien.
2001 wurde seine Leuchte "Mayday" für Flos in die ständige Sammlung des Museum of Modern Art aufgenommen und erhielt den "Compasso d'Oro", den bedeutendsten Designpreis Italiens und der Welt. Seit
2003 entwickelt Konstantin Grcic eine neue Linie von Küchengeräten für Krups.
2005 erschien im Phaidon Verlag eine 240-seitige Monografie über sein Werk.
2006 wurde er durch eine große Einzelausstellung im Haus der Kunst, München, geehrt.
A&W präsentiert:
Kölnischer Kunstverein, Hahnenstraße 6, 50667 Köln; Eintritt frei; täglich von 11 bis 22 Uhr