ACHILLE CASTIGLIONI: DER GRANDSEIGNEUR

 

Er hat das Design unserer Zeit entscheidend geprägt, gilt Generationen von Gestaltern als Vorbild. Der Mailänder Achille Castiglioni wurde für sein beeindruckendes Lebenswerk 1997 zum ersten A&W-Designer des Jahres gekürt. Dieses Porträt erschien in A&W 1/97: Achille Castiglioni verstarb im Dezember 2002.

Text: Wolfgang Nagel
Fotos: Uli Weber

Klick. Klein und unauffällig liegt er in der Hand. Ein simpler, weißer Schnurschalter, dem man nichts Besonderes ansieht. Millionenmal wurde er produziert, in vieler Herren Länder tut er zuverlässig seinen Dienst, und niemand, nicht einmal ein Designexperte, brächte das Plastikteil mit dem Namen seines Schöpfers in Verbindung: Achille Castiglioni. Dabei ist der Schalter Castiglionis ganzer Stolz. Der Grand Old Man des italienischen Designs, der so viele innovative Lampen entworfen hat, der berühmt ist für sein Ausstellungsdesign, der in Fragen der Gestaltung seiner Zeit stets weit voraus war ­ er greift zu dem unscheinbaren Lichtschalter, wenn er nach seinem Lieblingsobjekt gefragt wird. Der ist eben alles, was ein Designprodukt im Idealfall sein kann: perfekt in der Handhabung. Unaufdringlich und nicht minder perfekt in der Formgebung. Ein dienstbarer Geist für den Benutzer, kein Originalitätsbeweis seines Erfinders. Eben typisch Castiglioni. Der 78-jährige Mailänder entspricht damit so gar nicht dem durch Trends und Moden ramponierten Bild des Designers in der Öffentlichkeit. Über fünf Jahrzehnte hinweg widerstand er allen Versuchungen des Zeitgeistes und schuf eine Vielzahl weltbekannter Produkte. Für sein beeindruckendes Lebenswerk zeichnet ihn A&W Architektur & Wohnen mit dem Preis A&W-Designer des Jahres aus, der am 24. Januar 1997 zum ersten Mal verliehen wird (siehe Kasten).

Gestalter verschiedenen Alters und unterschiedlicher Stilrichtungen nennen ihn gleichermaßen als Vorbild. "Wir alle brauchen unseren Helden. Castiglioni ist für mich einer der größten", sagt der britische Architekt Norman Foster, und Altmeister Ettore Sottsass bekennt: "Castiglioni hat mich gelehrt, nicht an der Oberfläche zu verharren, nicht nur die Vorderseite der Dinge zu betrachten, sondern um sie herumzugehen; denn was man von hinten sieht, ist oft ganz und gar nicht erfreulich." Für den Tschechen Borek Sipek war Castiglioni eine "fortwährende Inspiration", und Philippe
Starck schrieb ihm, stellvertretend für seine Generation: "Ohne Dich wären wir nichts."

Bei aller Wertschätzung ist es nicht einfach, dem Phänomen Castiglioni auf die Spur zu kommen. Der Designer geizt mit Selbstauskünften. So wie er sich Strömungen und Gruppierungen stets verweigert hat, hält er nichts von großen Theorien und persönlichen Manifesten. Auf eine ernsthafte Frage antwortet er meist mit einem Scherz. Seine eigene Arbeit zu interpretieren überlässt er
den Kritikern. Das einzige Credo, auf das er sich festlegen lässt, heißt: "absolute Freiheit".

Wer ihn in seinem Mailänder Studio an der Piazza Castello besucht, wo er seit mehr als einem halben Jahrhundert arbeitet, betritt die Höhle eines obsessiven Sammlers. An den Wänden der hohen Altbauwohnung im Parterre stehen Regale mit sorgfältig registrierten Büchern, davor ausladende Tische. Und überall wo sich Platz bietet, auf Regalen, in Nischen und Vitrinen: unzählige Objekte ­ eigene Entwürfe, Prototypen, Werkzeug, Spielsachen, Nippes. Seit Studententagen hortet Castiglioni ganz gewöhnliche Alltagsgegenstände, Produkte des anonymen Designs. In ihnen sieht er die
"Ergebnisse menschlicher Intelligenz" aufbewahrt. Ohne diese Sammlung ist sein Werk nicht zu verstehen.

Im Gegenzug zu den meisten Menschen hat Achille Castiglioni das Band zu seiner Kindheit niemals abgeschnitten. Während andere, wenn sie älter werden, das Spielzeug in eine Kiste packen und nie mehr anrühren, spielt Castiglioni noch mit 78 Jahren. Er bewahrte sich den Blick für die kleinen Dinge, seine Augen leuchten voller Entdeckerlust. Er ist getrieben von ursprünglicher Neugier und hat die Gabe, über Kleinigkeiten staunen zu können, nicht verloren.

Achille Castiglioni wurde am 16. Februar 1918 in Mailand geboren, als jüngster von drei Brüdern. Der verrückteste war Livio, Jahrgang 1911, der sich für Radiobasteln und Amateurfunk begeisterte. Der folgsamste und fleißigste war Pier Giacomo, geboren 1913, der hervorragend zeichnete. Achille war der verspielteste und "derjenige, der immer alles durcheinander brachte".
Alle drei waren fasziniert von der Technik ­ und ganz selbstverständlich auch von der Kunst. Denn ihr Vater Giannino war Bildhauer ­ er schuf das linke Tor des Mailänder Doms, auf dem die Geschichte des Hl. Ambrosius dargestellt ist ­ und leidenschaftliches Mitglied der Mailänder Boheme. Castiglioni: "Zuerst haben wir natürlich meinen Vater nachgeahmt. Aber je älter wir wurden, desto weniger mochten wir sein Arbeiten."

Aufregender als die altmodische Kunst ihres Vaters, der fest im 19. Jahrhundert wurzelte, fanden die Söhne die Entwicklung der Moderne: Künstler wie Lucio Fontana und Giacomo Manzú, oder Architekten wie van de Velde, Le Corbusier, Gaudí, Neutra, Terragni. Die Castiglioni-Brüder studierten Architektur, Achille promovierte 1944 und trat dem Studio seiner Brüder bei, das diese 1938 an der Piazza Castello eingerichtet hatten. Livio ging ab 1952 eigene Wege (er starb 1979), mit Pier Giacomo, seinem intellektuellen Gegenpart, arbeitete Achille bis zu dessen Tod im Jahre 1968 so eng zusammen, dass am Ende keiner mehr sagen konnte, was wer zu einem Entwurf beigetragen hatte.

Die späteren Erfolge lassen die Mühen des Anfangs in der Rückschau vergessen. Für die ersten 15 Jahre weist das Werkverzeichnis der Castiglionis gerade mal ein gutes Dutzend Produkte aus, darunter einen Staubsauger, eine Jugendkamera, eine Türklinke ­ aber auch sechs Lampen. "Wir mussten nehmen, was sich bot. Architekturaufträge zu bekommen war so gut wie unmöglich. Am ehesten konnte man sich als Designer über Wasser halten. Also haben wir nachgedacht über neue Formen des Wohnens. Wir leisteten viel Forschungsarbeit, die nicht unmittelbar Früchte trug."

Trotzdem machten die Castiglionis keine Abstriche von ihren Ambitionen. Sie schrieben die klare Formensprache der Moderne kompromisslos fort. Die Quintessenz all ihrer Überlegungen zogen sie 1957 in ihrem Beitrag zu der Ausstellung "Farben und Formen im Haus von heute" in der Villa Olmo in Como. Auf nicht mal zehn Quadratmetern inszenierten sie ihre Vision vom modernen Wohnen und schufen nicht etwa einen total durchgestylten Raum, sondern ein fröhlich-lässiges Sammelsurium von alten und neuen Möbeln, Artikeln für den täglichen Bedarf ­Papierkorb, Fernseher, gusseisernes Wasserbecken ­und eigenen Prototypen. Funktionalität ging ihnen vor Ästhetik, Benutzbarkeit fanden sie wichtiger als ein elitäres Ambiente.

Castiglioni: "Warum gefallen den Menschen denn die italienischen Plätze so sehr? Die schönsten bestehen aus Häusern, die in verschiedenen Epochen gebaut wurden. Was macht ein Wohnzimmer schön? Schön wird es durch die vielen Elemente."

Die Reaktion der Designszene: pures Unverständnis. Je mehr Jahre jedoch verstrichen, desto stärker wurde die Vision Wirklichkeit. Der Gedanke des legeren Stilmix setzte sich in der Wohnwelt durch, Entwürfe aus der Villa Olmo wie der Treckersitz-Hocker "Mezzadro" und der sattelförmige Telefonhocker "Sella" gingen 14 beziehungsweise 26 Jahre später bei Zanotta in Produktion.
Gerade an diesen beiden Möbeln lassen sich wesentliche Merkmale für Castiglionis Arbeitsweise ablesen: einerseits die Reduktion, das Streben nach der minimalen Form; und zum anderen das spielerische Mittel der Zweckentfremdung, das als "Ready-made" bereits von einem Duchamps oder Picasso in die Kunst eingeführt worden war. "Wir wollten in eine neue Dimension vorstoßen, indem wir Objekte schufen, die aus zweckentfremdeten Teilen zusammengesetzt sind", erläutert Castiglioni das Prinzip, Neues aus Bekanntem zu kombinieren. Er nennt es die "Transformation von Massenartikeln", der er in vielen Entwürfen treu geblieben ist. Der Aufstieg des italienischen Designs in den 60er-Jahren brachte auch den Castiglioni-Brüdern Aufträge und Anerkennung. Zwischen 1960 und 1967 gewannen sie viermal den Compasso d¹Oro, den Oscar der italienischen Gestalter. Mit ihren Leuchten brachten sie es zu wahrer Meisterschaft. "Man muss beim Entwerfen alle  Vorstellungen von einer vorhandenen Form ablegen": Nichts belegt diesen Satz Castiglionis besser als die Vielzahl neuartiger Leuchten, nirgendwo fand sein Sinn für technische "Clous" ein so dankbares Feld.

Bereits 1955 zeichneten die Castiglionis den ersten Deckenfluter ("Luminator"), mit "Arco" schufen sie ein Mittelding von Hänge- und Stehlampe, mit "Parentesi" eine stufenlos verstellbare Leuchte, die an einem Seil zu schweben scheint, und mit "Frisbi" eine raffinierte Hängeleuchte, bei der eine an drei dünnen Drähten befestigte Plastikscheibe gleichzeitig Blendschutz und Reflektor ist.
Gemeinsam ist all diesen Objekten, dass wir sie mit einer gewissen Verblüffung, ja, mit einem Anflug kindlichen Staunens betrachten. Wir sind erheitert, wenn wir dem Prinzip auf die Schliche gekommen sind. Und, wichtiger noch: Wir sind nie enttäuscht, weil wir nicht das Gefühl haben, einem simplen Gag aufzusitzen. Zweckentfremdung heiligt nicht alle Mittel. Jede von Castiglionis Finessen hat ihre Funktion. Nutzloses verdient nach Castiglionis Meinung gar nicht erst entworfen zu werden, Nützliches aber muss nicht getragen und ernst daherkommen. Es darf getrost ein Quäntchen Humor zeigen ­ ganz wie sein Schöpfer.

Dieses Prinzip immer wieder realisiert zu haben, bei unterschiedlichsten Entwürfen: Das ist das eigentlich Charakteristische, das Castiglionis Arbeiten auszeichnet, nicht ein "Stil" im Sinne einer persönlichen Formensprache. Es ist die Methode des Entwerfens, die zu unverkennbaren Ergebnissen führt, nicht ein ästhetisches Prinzip. Fragen nach seiner Ästhetik weicht Castiglioni darum  auch systematisch aus.

Der Kettenraucher zieht dann noch heftiger an seiner Zigarette und will schon wieder aufspringen, um neue Objekte für sich antworten zu lassen. Doch damit kann er die Frage nicht aus der Welt räumen, warum seine Objekte ästhetisch überzeugen. Denn sie sind ja nicht praktisch und pfiffig allein, sondern durchaus bewusst gestaltet und schön anzuschauen. "Na gut", kapituliert Castiglioni schließlich, "es wäre natürlich verkehrt, den Nicht-Künstler zu spielen." Doch welche Form genau er einem Objekt gäbe, das sei wohl doch so etwas wie Intuition, das könne er nicht in Worte
fassen. "Vielleicht haben wir",­ er antwortet für seine Brüder mit "im Umgang mit Formen und Proportionen doch einiges von unserem Vater mitbekommen."
Sagt¹s und springt nun doch auf, um eine verformte Cola-Dose hervorzukramen, die er einem Schwarzen für zwei Dollar im New Yorker Central Park abgekauft hat. Die Außenwand ist rundum senkrecht aufgeschlitzt, das Ganze ein bisschen gebogen, gedreht, gestaucht, ein Teelicht hinein ­und fertig ist der Lampion. Castiglioni strahlt wie ein Kind: "So raffiniert und so einfach  das gefällt mir."
Es könnte ein Stück von ihm sein. Es ist ein Stück von ihm.


 
A&W Designer des Jahres 1997

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