ANTONIO CITTERIO: DER ERNEUERER DER MODERNE

 

Es gibt eigentlich nichts, was er noch nicht gestaltet hat. Von der Türklinke bis zur Leuchte, vom Sofa bis zum Sideboard, vom Bett bis zur Badserie hat der italienische Designer eine eigene Welt geschaffen. Mit der eleganten Formensprache seiner Objekte, Interieurs und Architektur hat er eine neue Moderne kreiert.

Text: Jan van Rossem
Porträts: Francesco Astori
Produktion: Cecilla Fabiani

Mitten in Mailand, via Cerva. In der vierten Etage seines siebenstöckigen Bürohauses (davon drei unterirdisch) hat Antonio Citterio sein geräumiges Büro: hell, übersichtlich, sparsam mit eigenem Design möbliert, Fremdwerke nur drei, am Fenster eine Liege des sehr verehrten Charles Eames, am Schreibtisch die Tolomeo-Leuchte von Designer-Freund Michele De Lucchi, eine Kreidezeichnung auf Leinwand, eingespannt in einem rustikalen Eisengestell Kunst von Julian Schnabel. Citterio sitzt am ausgedehnten Tisch. Er zieht mit ruhiger Hand kerzengerade Striche auf einem Skizzenblock.

Signore Citterio, unseren herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung A&W-Designer des Jahres 2002 ...

Grazie!

... Sie hätten sich doch wohl auch selbst gewählt, oder?

Wieso?

Weil Sie sich in Ihrem Studio und zu Hause (siehe A&W 4/98) fast nur mit eigenen Kreationen umgeben. Finden andere Designer vor Ihren Augen keine Gnade?

Doch, doch. Aber ich gestalte Produkte immer so, als würde ich sie für mich machen. Nur wenn sie mir wirklich gefallen, kommen sie auf den Markt. Na ja, und dann kann ich sie auch gleich bei mir einsetzen.

Also nicht nur im übertragenen Sinne wie für Sie gemacht?

Stimmt. Es gibt noch einen anderen Grund für mich, eigenes Design zu benutzen. Ich kenne die innere Logik der Möbel. Ich weiß ja, was ich mir dabei gedacht habe. Und wofür ich sie entworfen habe.

Innere Logik der Möbel. Damit sind wir bei einem seiner Lieblingsthemen gelandet. Der Quintessenz seines Schaffens. Citterio definiert sich und seine Entwürfe nicht durch Aufsehen erregende Modelle, sondern durch stringente und hoch funktionelle Möbel. Bei ihm folgt die Form zwangsläufig der Funktion, er erforscht das Wesen und das Wesentliche des Objekts so lange, bis sich die Gestalt daraus fast von allein ergibt.

Oft ist das Entscheidende bei seinen Entwürfen auf den ersten Blick nicht zu erkennen, nicht zu sehen, und es fällt auch beim Benutzen kaum auf. Wie bei dem Besucherstuhl “Visavis³, den er für Vitra gemacht und sechsfach um seinen großen Tisch gruppiert hat. Citterio steht auf und lässt sich in einen der Stühle fallen, die einem so vertraut erscheinen, als hätte es sie schon immer gegeben. Es gibt auch Hunderte von Variationen. Der kleine Unterschied bei dieser Interpretation eines klas- sischen Freischwingers ist die Rückenlehne aus Polypropylen, in die die Armlehnen integriert sind. Dieser Effekt macht den Stuhl einfach bequemer als herkömmliche Besucherstühle. Citterio wippt und schaukelt, was der Stuhl hergibt, um zu beweisen, was zu beweisen ist. Dieser Stuhl kann auch in längeren Konferenzen genutzt werden. So einfach ist das. Oder?

Worauf kommt es Ihnen an, wenn Sie ein Produkt designen?

Das Wichtigste ist die Definition der Aufgabe: Warum soll ich das Produkt machen? Warum brauchen wir dieses Produkt. Was soll es leisten? Was ist seine Funktion?

Und was kommt dann? Was passiert zwischen Papier und Produktion?

Man kann das Produkt nicht mal eben zeichnen und dann produzieren. Und man hat niemals gleich am Anfang die endgültige Idee. Design ist Teamwork. Man muss verschiedene Experten hören, sich über alle Aspekte informieren. Um z. B. ein Krankenhausbett zu gestalten, muss ich mich mit der Beweglichkeit der einzelnen Komponenten, mit Mikroklima und vielem mehr auskennen. Sonst kann ich kein vernünftiges Produkt schaffen. Man muss zuhören können. Und dann Entscheidungen treffen. Es gibt nicht nur einen Weg.

Da spricht der Manager. Citterio verlässt sein Büro, um neue Entwürfe seiner Mitarbeiter zwei Stockwerke tiefer zu begutachten. Er ist ein Pendler zwischen den Ebenen. Unentwegt durchstreift er die sieben Etagen des Studios. Überall wird er gebraucht, sein Wissen, sein Gespür, seine Entscheidungen. Ein Designer, findet Citterio, braucht beides:

Managerqualitäten und Kreativität, eine “poetische Leidenschaft³, nennt er das. Und eine Nase, denn ... manchmal setze ich mich auch über den Expertenrat hinweg. Manchmal rieche ich die Lösung. Ich rieche, dass es geht, wie ich es mir vorstelle. Auch wenn die Ingenieure sagen, so ginge es nicht. Wenn ich diesen Geruch in der Nase habe, gehe ich nicht von meiner Meinung ab. Und wenn es Jahre dauert, bis ich jemanden finde, der das technische Problem lösen kann.

Das klingt ja ziemlich besessen?

Das ist für mich der entscheidende Weg, mich dem Problem zu nähern. Ich ändere immer nur winzige Details, das Winkelmaß einer Verbindung Grad für Grad, die Konturen millimeterweise. Und während dieses Prozesses finde ich dann die richtigen Antworten. Hoffentlich.

Und wenn nicht?

Dann gibt es keinen neuen Citterio-Stuhl. Ich muss doch nichts mehr beweisen. Nicht mehr alles auf den Markt bringen.

Das kommt vor?

Oh ja, oft. Den Stuhl “Visavis³ habe ich vor vielen Jahren gemacht. Ich habe versucht, einen neuen zu entwerfen. Aber ich hatte bisher keine zwingende Idee. Keine, die wirklich zu einer Verbesserung geführt hätte. Wenn ich nicht ein Problem lösen muss, wird das Objekt nicht gut. Was nicht gut ist, verkauft sich schlecht. Also was soll das? Ich habe schon zu viele Produkte gemacht.

Das hört sich ein bisschen nach Abschied vom Design an. Er wird doch nicht ... Nein, er wird natürlich weiter designen. Er ist viel zu neugierig (sein Lieblingswort), sagt er. Es drängt ihn nach wie vor, andere Wege zu gehen, neue Prob-leme für Lösungen zu suchen. Außerdem drängen ihn seine Auftraggeber. Citterio ist bei den Unternehmen beliebt wegen seines Engagements um Perfektion und natürlich, weil sich sein Design gut verkaufen lässt. 35 Mitarbeiter beschäftigt er in seinem Mailänder Studio, fünf in seinem Hamburger Büro, mit ihnen realisiert er unzählige Entwürfe für Firmen wie Artemide, B&B Italia, Flos, Flexform, Hackman oder Vitra.

Und das, obwohl sich seine Produkte nicht gerade durch eine auffällige Handschrift auszeichnen. Es gibt Merkmale, das schon: einfache geometrische Formen, eine konstruktive Klarheit und optische Leichtigkeit, aber nichts wirklich Markantes, nichts so Wiedererkennbares wie sein eigenes Outfit: das langärmlige helle Polohemd, ganz zugeknöpft, aber lässig über der Hose getragen, und der seit Jahren nahezu unveränderte Bürstenschnitt, vielleicht etwas länger heute, weniger streng.

Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, dass sie Design von Citterio besitzen. Stört Sie das?

Überhaupt nicht. Meine Arbeiten sind nun mal nicht expressiv.

Warum nicht, wo andere Designer doch gerade dadurch glänzen, dass sie erkennbares Design liefern?

Ich will nicht meine Persönlichkeit mit meinen Produkten ausdrücken.

Woran könnte man einen Entwurf von Citterio doch erkennen?

Nicht an einer formalen Handschrift. Eher am Prinzip der Reduktion.

Das gute alte "less is more³?

Ja, aber nur im Sinne eines sinnvollen, das heißt eines zwangsläufigen Weglassens. Meine Reduktion muss im Dienste der Funktion stehen.

Das hört sich ja kompromisslos an. Kann man sich das noch leisten?

Ich mache keine Kompromisse. Was nicht bezahlbar ist, nicht realisierbar, das will ich auch nicht. Also habe ich auch kein Probleme damit, keine Kompromisse zu machen. Was nützt ein phantastisches Produkt, das man nicht verkaufen kann?

Utopien nachzuhängen kann man ihm nicht vorwerfen. Er ist Pragmatiker sachlich, vernünftig, unspektakulär. So wie seine Entwürfe. Er möchte, dass sein Design zeitlos ist. Ist es. Wie die Werke seines Vorbildes Charles Eames ("Eames hat die richtigen Lösungen gefunden. Sie waren damals richtig, sie sind es heute³).

Auf diese Weise ist Citterio mit seinen Möbeln und Objekten ein Gesamtentwurf gelungen, der ein modernes Leben und Wohnen beschreibt. Er gestaltet geradlinig, aber keinesfalls kühl, er vergisst auch nicht die romantische Komponente eines Sofas und entwirft doch ein reduziertes, zeitloses Stück (wie sein mit dem international bedeutenden italienischen Designpreis "Compasso d¹Oro³ ausgezeichnetes Modell "Sity³). Seine Gestaltung ist innovativ, ohne mit der Tradition zu brechen, seine Formensprache entspringt einem Gefühl für diskrete Eleganz und Behaglichkeit. Citterios Werk steht nicht zuletzt für das, was man unter modernem italienischem Wohndesign versteht.

Es scheint, als befruchten sich bei Ihnen Design, Architektur und Raumgestaltung gegenseitig. Haben Sie beim Entwerfen eine Vorstellung von dem Raum, in dem die Möbel eingesetzt werden sollen?

Keinen konkreten. Dieses Büro gab es noch gar nicht, als ich einige der Stücke entworfen habe. Aber ihre Funktion und ihre Position im Raum habe ich immer vor Augen.

Und umgekehrt? Inwieweit spielt das Interieur bei Ihren architektonischen Planungen eine Rolle?

Ich glaube unbedingt an die Harmonie von Hülle und Innenraum. Ich plane so, dass ich von innen ausgehe, von den Funktionen der einzelnen Zimmer und Bereiche, und das Haus dann beinahe zwangsläufig Gestalt annimmt. Das ist wie beim Design.

Warum ist Ihnen der Innenraum so wichtig, Sie sind doch Architekt?

Weil ich weiß, was ich mit dem Raum machen will. Das ist hier Tradition.

Mailänder Architekten sind meist auch Experten für Design und Interieur.

Aber es gibt Architekten, die nichts von Raumnutzung verstehen. Die planen ein Schlafzimmer ohne Wand (wo soll der Schrank hin?) und ohne Tür (keinen Sinn für Intimsphäre).

Mit sonorer Stimme legt der 55-Jährige seine Prinzipien dar. Prinzipien, die er schon in einem frühen Stadium seiner Karriere hatte. Schon Ende der 70er-Jahre hatte er seinen Stil gefunden und manifestiert. Antonio Citterio konnte damals schon auf eine relativ lange Laufbahn zurückblicken. Mit 13 Jahren (!) entwarf er seine ersten Prototypen, mit 18 erhielt er bereits eine Auszeichnung für ein Schranksystem. Sein Werdegang war durch seine Herkunft begünstigt. Sein Vater besaß eine Möbelwerkstatt in Meda, wo die meisten Hersteller von Rang und Namen ansässig sind. So kam der Junge früh in Berührung mit Möbeln und Designern.

Wollten Sie nie etwas anderes werden als Architekt und Designer?

Eigentlich nicht. Obwohl ich in Bologna auch mal Psychologiekurse belegt habe. Aber nur zwei Monate lang. Das war mir nicht greifbar genug. Ich habe schon als Fünfjähriger in der Fabrik meines Vaters eine kleine Werkbank bekommen, an der ich auch mit Holz arbeiten durfte. Ich wollte schon immer etwas mit den Händen machen. Und der Geruch von Holz hat mich nicht mehr losgelassen.

Sein Faible für Praktisches, Konkretes wird besonders deutlich, wenn man das zweite Untergeschoss seines Büros in der Mailänder City betritt, das er im Jahr 2000 fertig gestellt hat. Hier hütet Citterio besondere Schätze, Modelle seiner Projekte, es stehen im Regal halbmeterhohe Freischwinger aus blauem Schaumstoff, auf einer Kloschüssel wird ein neuer Deckel probiert vorerst aus Styropor. Hier präsentiert er seinen Bau am Hamburger Hafenrand im Miniaturformat aus Pappe. Wenn er die Gebilde vorführt, geschmeidig umkreist, spürt man eine fast zärtliche Beziehung zu den Modellen.

Pappmodelle wirken antiquiert im Zeitalter von Computersimulationen. Was reizt Sie daran?

Ich brauche etwas Dreidimensionales. An den Modellen kann man alle Probleme auf einmal erkennen.

Gilt das für jedes Ihrer Projekte?

Ja, mit Zeichnungen und Computerbildern kann ich nicht so viel anfangen. Modelle sind mein Instrument zum Verstehen.

Hat diese Vorliebe mit Ihrer handwerklichen Ader zu tun?

Bestimmt. Ich habe lange die Modelle sogar selbst gebaut. Aber man verliert leicht den Überblick über das Projekt, weil man sich in seine Arbeit am Modell verliebt.

Es gibt genug Projekte, auf die er sich gleichzeitig konzentrieren muss, Läden für Cerruti, Valentino und Ungaro, mehrere Fabrikgebäude, er ist involviert in U-Bahn-Projekte in Mailand und Rom und nach wie vor intensiv beschäftigt, moderne Wohnwelten zu bereichern. Viel Zeit bleibt da nicht für Frau (die kalifornische Architektin Terry Dwan) und Kinder (Tochter zwölf und Sohn neun), mit denen er vor allem das gemeinsame Frühstück genießt, etwas ausgedehnter als das übliche italienische.

Sind Sie stolz auf Ihr Werk?

Stolz eigentlich nicht. Ich bin glücklich, zum Beispiel über mein Office. Aber die Dinge, die ich mache, sind für mich normal. Nichts Besonderes. Bei manchen Arbeiten von Kollegen denke ich manchmal: Warum ist dir das nicht eingefallen?

Zum Beispiel?

Die "Tolomeo"-Leuchte meines Freundes Michele De Lucchi hätte ich gern entworfen. Bei solch gelungenen Objekten denke ich dann manchmal: Mensch, da hatte einer ganz plötzlich die geniale Idee, den Geistesblitz hätte ich auch gern mal. Dabei weiß ich doch, dass Design auch bei anderen harte Arbeit ist.


 
A&W Designer des Jahres 2002

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