GARTEN: DAS SCHWEDISCHE MODELL

 

Sommerblüten statt Hecken-Einerlei, Küchenbeete gegen Gräser-Monotonie: Schweden setzt die Trends im Garten. Vor allem in Göteborg mit seinen vier großen Parks, in denen die Mitarbeiter Pflanzenexperimente in eigener Regie machen können. Ein Besuch bei der grünen Avantgarde.


TEXT Elke von Radziewsky FOTOS Robert Fischer
 

Rigmor Celander trägt die weißen Haare zum Pferdeschwanz gerafft. Rosa Lippenstift belebt den Teint. Viel Aufhebens macht die Chefgärtnerin nicht von sich. Dabei war sie es, die vor gut zehn Jahren den Botanischen Garten Göteborg als Usprungsort einer revolutionären Pflanzenmode berühmt machte und damit Schweden zum neuen Reiseziel für Gartenliebhaber.
Auch ohne Rigmor Celander ist dieser botanische Garten einer der schönsten der Welt, dramatisch in die Felsenlandschaft gebettet, eine seltene Kombination von Natur und Pflanzensammlungen. Doch ohne Rigmor Celanders Projekt wüssten das nur Menschen mit einem speziellen botanischen Interesse. Die frühere Sozialarbeiterin hat Beete mit einjährigen Sommerblumen angelegt, nicht gerade die Stars einer botanischen Sammlung, aber etwas für den Blumenfreund. Bis zu 70 verschiedene nimmt sie in ein Beet, experimentiert mit Farben – lauter Rot, nur Weiß oder Grünblütiges –, sondiert Themen. Dieses Jahr probiert sie zum Beispiel aus, was zu Engelstrompeten passt. Pflanzt Schleierkraut, Löwenmäulchen, Rasenschmiele und allerhand anderes. Rigmor Celander schrieb ein Buch über diese Art des Gärtnerns. Das Buch wurde ein Bestseller.
Genauso wie von den Sommerblumenbeeten kann man von dem japanischen Waldgarten schwärmen, den Felsgarten rühmen, die Wild-Dahlienrabatte preisen oder die Begonien- und Orchideenkollektion bewundern. Es ist der fast private Charakter, der diesen botanischen Garten besonders werden lässt. Denn all diese Teile sind liebevoll gepflegte Projekte einzelner Mitarbeiter. Man könnte es das schwedische Modell nennen: eigenverantwortlich bearbeiten sie ihre Aufgaben. „Manchmal weiß ich nicht mal genau, was sie sich gerade Neues ausdenken“, sagt Rigmor Celander, „plötzlich entdecke ich im japanischen Garten eine lange gewundene Felsentreppe, die hinauf ins Dickicht führt – und sie ist großartig.“
Schon einmal, vor gut 200 Jahren, ging von Schweden eine Gartenmode aus, die ganz Europa erfasste. Initialzündung war ein System, das der ordnungssüchtige Botaniker Carl von Linné (1707–1778) erdachte, um alle wilden Pflanzen zu erfassen. Botanisieren, herbarisieren, Pflanzen-Exkursionen unter gelehrter Führung wurden Zeitvertreib der gehobenen Gesellschaft. Statt wie früher seltene Hyazinthensorten pinselten Porzellanmaler einfache Trollblumen oder Wilde Möhren aufs Prachtservice. Natur und Garten wurden Konversationsthemen. Und der Schwede Linné galt den Zeitgenossen als so bedeutend wie Shakespeare.

Wie Ruhm wirken kann, erlebt heute Ulf Nordfjell. Er ist einer der aktuellen schwedischen Gartenprominenten und wurde endgültig zum Star, als er mit seinem Linné-Garten auf der Chelsea Flower Show 2007 die Goldmedaille gewann. Den neuen Nimbus setzte der Landschaftsarchitekt ein, um ein zweites hortikulturelles Glanzstück in Göteborg aus dem Dämmerschlaf zu wecken: den Gartenbauverein (Trädgårdsföreningen), einen elf Hektar großen Park, 1842 zur Förderung der Gartenkenntnisse der Stadtbürger gegründet. Das 19. Jahrhundert hindurch präsentierte er Musterbeete, Gewächshäuser für Pfirsiche, Ananas, Orchideen und mehr. In der Saathandlung – heute befinden sich in der imposanten Holzarchitektur eine Gartenboutique und ein Café – konnte man Gemüse- und Blumensamen erstehen. Bestseller waren „Vogelfutter und Rasensaat“, weiß Ulf Nordfjell.
Als er zur Revitalisierung des zentral gelegenen Parks gerufen wird, war davon wenig übrig. Wie an vielen Orten hatte „Low maintenance“ der pädagogischen Vielfalt den Garaus gemacht. Doch die Aura des Goldmedaillen-Mannes öffnete den Stadtvätern das Portemonnaie. Er stellte eine internationale Truppe von Gestaltern zusammen, jeder ein Held auf seinem Gebiet: Piet Oudolf, berühmt für naturnahes Gärtnern in formalen Heckenarchitekturen, und Jacqueline van der Kloet, Zwiebelpflanzen-Profi, beide aus Holland. Dazu Heiner Luz aus Deutschland, Spezialist für Staudenwiesen. Jeder dieser Experten hat in seiner Partie des Parks eine Probe seines Könnens abgegeben. Es entstanden Gehölzpflanzungen, Staudenrabatten und ein Rosengarten – 2000 moderne Sorten –, der mit den schönsten in Europa wetteifert. Doch das Schmankerl für Gartenkunstliebhaber sind die viktorianischen Teppichbeete, die wie Spitzendecken auf dem Rasen rund um den grandiosen Glaspalast liegen. Der schwedische Garten-Professor Rune Bengtsson hat dafür mit kriminalistischer Energie die Blüten- und Blattschmuckpflanzen ausfindig gemacht, die um das Jahr 1900 gebräuchlich waren. Studenten haben eine moderne Kaktusversion dazugestickt.

Frisches Kraut in alten Beeten: In Gunnebo Slott folgt Chefgärtner Joakim Seiler dieser Strategie. Das kleine klassizistische Schloss, anderthalb Autostunden von Göteborg entfernt in Mölndal gelegen, gilt als ein Paradebeispiel des gustavianischen Stils – eine reine Holzarchitektur bis in die steinimitierenden Balustraden. Das Außergewöhnliche: Der Architekt Carl Wilhelm Carlberg (1746–1814) hat nicht nur das Schloss, sondern auch den Garten mit seinen Wirtschaftsgebäuden angelegt. Dieses Ensemble ist Herrschaftsgebiet von Joakim Seiler. Doch sein Faible sind die Küchengärten, die früher zu jeder Gutswirtschaft gehörten – auch in Gunnebo. Küchengarten modern heißt für Joakim Seiler: ökologisch. Es gibt wenige, die Fruchtfolgen besser verinnerlicht haben als dieser Gärtner, der in anderer Umgebung als Popstar durchginge. Aber es heißt auch: ästhetisch experimentell. Neben klassische, mit Gänseblümchen und Stiefmütterchen gerahmte Salatfelder setzt er welche, in denen er alle Regeln der Kunst bricht, als da wären: „Man soll nicht zu viele panaschierte Pflanzen setzen, denn das macht nervös, man darf es nicht mit Rot übertreiben, das wirkt depressiv, und gehäuftes Gelb erzeugt Übelkeit.“
Joakim Seiler lacht darüber. Er sammelt Rot, massiert Gelb, gibt alte Streifenmuster auf, formt Keile und Splitter und Zacken aus Thymian, Majoran, Estragon und knackigem Gemüse. Das Ergebnis: ein Würz-Teppich, dessen Ertrag im Gunnebo-Restaurant auf den Tellern landet und dessen Charme die amerikanische Konzept-Künstlerin und Garten-Avantgardistin Topher Delaney derart begeisterte, dass sie sich letztes Jahr von Pop-Gärtner Joakim Seiler zu einer separaten Aktion nach Gunnebo locken ließ (A&W 5/2008).

Seit knapp zehn Jahren jettet David Schofield, Landschaftsarchitekt aus Blackburn bei Manchester, alle paar Wochen nach Göteborg und eilt schnurstracks in den Liseberg Park, berühmt für „Balder“: eine der grandiosesten, komplett aus Holz gebauten Achterbahnen der Welt. In der Mitte von „Balder“ steht, umrauscht von den stürzenden Wagen, ein Sommerhäuschen-Idyll mit Garten: Symbol der für die Schweden wichtigen Mittsommerzeit und der Besonderheit von Liseberg Park. Denn dieser 20 Hektar große und mitten in Göteborg gelegene Park ist der grünste Vergnügungsgarten Europas. Doch anders als Disney World schickt er seine Gäste nicht auf Fantasy-Tour nach Mexiko, Wildwest oder China, sondern in die schwedische Natur – inszeniert von einem Engländer: dem Spezialisten für Theateraufbauten und Konstruktionen besonderer Art, David Schofield. Er war am Bau von Balder mit Lauben-Idyll im Zentrum beteiligt. Er hat ein Gischt sprühendes Wildwasser gebaut, bei dem ein Heer von Pumpen im Untergrund die Strudel in Bewegung hält. Die knorrigen Fichten und Eichen kamen aus norddeutschen Baumschulen. Und weil ein Amüsieretablissement auf Kontrast und Sensation setzt, steht nicht allzu weit von dem „Colorado“ genannten Wildwasser entfernt ein mit Schlangen besetzter und von Efeu berankter Pavillon des Kopenhagener Meisterfloristen Tage Andersen.
Deko, Trend, Avantgarde oder Kitsch? Es ist alles zusammen und Zeichen dafür, warum die Schweden im Garten die Nase vorn haben. „Stil interessiert mich nicht“, sagt Ulf Nordfjell, „ich will gärtnern.“
 



 


 
 
 
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