Der Pariser Galerist Pierre-Alain Challier handelt mit Multiples – Kunstobjekte in limitierter Auflage. Doch In seinem Wohnatelier wirken sie alle einzigartig.
TEXT UND PRODUKTION Eva Müller-May FOTOS Stephan Abry
Zweimal am Tag wird das Fischlein gefüttert. Eine Prise morgens, eine abends, und das Wasser stets gut gefiltert – mehr braucht der blasslila Schleierschwanz nicht, um seinen Dienst als Teil eines Kunstwerks zu verrichten. Er schwimmt in einem Kopf aus transparentem Plexiglas, ist mal Auge, mal Mund oder Ohr: eine „funktionelle Skulptur“, wie die New Yorkerin Nicola L. ihre Arbeiten nennt, die in der Tradition der Pop-Art und der Pariser Nouveaux Realistes stehen. Halb Objekt, halb Aquarium, ist dieser „Fishtank“ weder nur dekorativ noch wirklich radikal, außerdem in einer Auflage von 30 Stück erhältlich – und damit beispielhaft für das Programm der Pariser Galerie von Pierre-Alain Challier.
„Die Künstler, mit denen wir arbeiten, sollten ein Sendungsbewusstsein haben,“ sagt der Galerist. „Aber ihre Arbeiten müssen auch über einer Konsole mit Blumenstrauß funktionieren.“ Ein Satz, der so nüchtern ist, wie Challiers Stimme klingt, und kaum in Einklang zu bringen ist mit den Räumen, die er sich im Galerienviertel Marais in einer alten Fabrik für Türbeschläge eingerichtet hat: Auf 450 Quadratmetern, verteilt auf vier Etagen, findet sich Nicola L.’s Fisch-Kopf ebenso wie eine Herde bunter Ziegen des belgischen Künstlers William Sweetlove. Eine verkohlte Violine von Arman, in Plexiglas gegossen, trifft auf eine Serie Aktaufnahmen des Fotokünstlers François Rousseau. Es gibt Fotografien der „Nest“-Installationen und Malereien des deutschen Landart-Pioniers Nils Udo und genau 7000 Tonkugeln, die sich über den Boden ergießen und dem Besucher im zweiten Stock geradezu entgegenstürzen: „De l’infime à l’infini“ („Vom Winzigen zum Unendlichen“), eine Arbeit des Poeten und Bildhauers Jean-Luc Parant. Es ist das Universum eines wirklich Kunstversessenen – es ist eklektisch, überbordend und von exquisiter Qualität. Und das, obwohl fast kein Objekt ein Einzelstück ist.
Pierre-Alain Challier, 31, schmale Gestalt, breite Bildung, perfekte Manieren, verkauft Multiples. Er ist damit zum „Petit Prince“ der elitären Pariser Kunstszene geworden, wie ihn ein Magazin nannte. Nach dem Studium der Kunstgeschichte an der École du Louvre und dem Institut Supérieure des Arts sowie der Arbeit bei ein paar Galerien wurde er mit gerade 24 Jahren Artdirektor des legendären Pariser Kunsthauses „Artcurial“. Dort hatte man 1975 das „Prinzip des multiplen Originals“ entwickelt. „So sollte einem breiteren Publikum ermöglicht werden, Werke von hochklassigen, zeitgenössischen Künstlern zu einem angemessenen Preis zu erwerben“, erklärt Challier. Man Ray, Sonia Delaunay oder Arman gehören zu den über 80 Künstlern, die für Artcurial in 34 Jahren in limitierten Auflagen von 25 bis 250 Stück Bilder, Fotografien oder Skulpturen schufen, statt der sonst üblichen acht. „Ohne qualitativ minderwertiger zu arbeiten“, sagt der Galerist und hebt kurz die Stimme, so dass man ahnt, welche Leidenschaft sich hinter dem sachlichen Auftreten verbirgt.
Er hatte schlaflose Nächte, als die Artcurial-Edition mitsamt ihres Kunstfundus’ 2006 aufgelöst werden sollte, weil das Haus sich auf Auktionen und Kunstbücher konzentrierte: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Geschichte zu Ende sein sollte. Auch die Künstler wollten die Zusammenarbeit fortsetzen.“ Es gelang ihm, das Geld aufzutreiben, um den Fundus aufzukaufen. Er entdeckte die Räumlichkeiten im Marais und auch gleich den Architekten, der sie umbauen konnte: Christophe Pillet. Der inszenierte das Erdgeschoss als „schwarze Box“, in der die Kunst mit Lichtspots in Szene gesetzt wird. In den oberen Stockwerken beließ er es bei Naturlicht und weißen Wänden. Hier arbeitet Pierre-Alain Challier seit 2007 mit zwei Assistentinnen – und hier lebt er auch.
Direkt an die Galerie grenzt seine kleine Wohnung, in der sich das Kunstuniversum nahezu nahtlos fortsetzt in einem Mix aus modernen Objekten und antiken Möbeln. Ein Louis-XV.-Sessel ist zu einer Lampe von Tom Dixon platziert, ein japanischer Paravent neben einer Christus-Interpretation von François Rousseau. „Eigentlich träume ich von einem minimalistisch weißen Kokon – mit weißen Wänden und einem weißen Kanapee, auf dem ich sitze und lese“, sagt Alain Challier und lacht. „Aber so zu wohnen schaffe ich einfach nicht!“ Stattdessen holt er ein Objekt und ein Möbelstück nach dem anderen aus dem Lagerraum. Das englische Ledersofa aus dem 19. Jahrhundert musste sogar über das Fenster in den ersten Stock gehievt werden, weil es nicht durch den engen Flur passte. „Es ist etwas überdimensioniert, aber ich mag es gern bequem.“ Sogar seinen Esstisch arrangiert er für seine Gäste kunstvoll: Tafelgeschirr von Giacomo Balla, Figurinen von Man Ray und die Köpfe „Cyclades“ aus Marmor von Cocteau, aus den Anfängen von Artcurial.
„Der eine muss Fußball spielen, der andere singen. Ich bin eben kunstbegeistert“, sagt Challier. Die Faszination begann schon in seiner Kindheit, obwohl sein Heimatdorf Ribaute-les-Tavernes in der Provence nur gut 1300 Einwohner hat und seine Familie dort seit fünf Generationen die Schlachterei besitzt. Doch seine Eltern haben seine Neugier stets gefördert, und zudem hatte er eine „sehr aufgeschlossene Großmutter“. Einer ihrer Freunde war Pierre-André Benoît, ein Buchillustrator und Drucker. Er hatte mit Picasso, Braque und Picabia gearbeitet und bibliophile Schätze besessen, in denen der junge Pierre-Alain stundenlang schmökerte. Wann immer er kann, fährt Challier heute in seinen Heimatort, wo er das alte Pfarrhaus gekauft hat, und gärtnert an den Wochenenden. „Nichts tut mir so gut, wie die Hände in Erde zu stecken. Das bringt mich zur Einfachheit des Seins zurück.“ Danach kehrt er „moralisch gestärkt“, mit einem Korb hausgemachter Wurst, Pasteten und frischem Gemüse zurück nach Paris.
Das Pendeln zwischen den beiden Welten mag erklären, warum es dem Galeristen so ernst ist mit der Demokratisierung der Kunst. Das erscheint mutig in einer Zeit, in der Spekulanten den Kunstmarkt bestimmen. Doch die Finanzkrise sorge dafür, dass die traditionellen Sammler, die etwas von Kunst verstehen, wieder die Preise bestimmten, glaubt er. Auch wenn die trotzdem manchmal maßlos sind: Als kürzlich die Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé für 373,5 Millionen Euro versteigert wurde, war unter den Losen auch eine Karpfen-Skulptur aus Harz und Blattgold, die François-Xavier Lalanne für Artcurial 250 Mal gefertigt hatte. Sie erzielte 120 000 Euro. „Vor sieben Jahren kostete das Stück 2500 Euro, und wir taten uns schwer, alle zu verkaufen.“