Wie sieht ein moderner Cottage-Garten aus? Die englischstämmige Gestalterin ergänzt die gute Form des Schweizer Designs mit britischem Pflanzen-Know-how. TEXT Elke von Radziewsky FOTOS Angela Franke
Pottering around ist Jane Bihrs liebste Beschäftigung im Garten. Hier ein paar verblühte Dahlienblüten abschneiden, dort etwas Unkraut zupfen, vielleicht eine Staude umsetzen. Die praktischen Engländer haben das, was vielen Menschen Spaß im Garten macht, auf den Begriff gebracht: to potter around. Ein anderes Mal legt sie sich einen Tag oder eine Woche lang ins Zeug, schneidet Hecken, bis die Handgelenke brennen: „Für Schönheit muss man leiden“, weiß die in Bath geborene Landschaftsarchitektin.
Wenn es ein englisches Gärtner-Gen gibt, hat Jane Bihr, 48, es geerbt. Schon ihre Großmutter war eine „phantastische Gärtnerin“. Sie hatte alle Bücher von Gertrude Jekyll gelesen, war in Garden Clubs organisiert und kannte die hortikulturelle Prominenz ihrer Zeit persönlich. Die Mutter, verheiratet mit einem Berufsmilitär, der alle zwei Jahre an eine neue Dienststelle versetzt wurde, legte unverdrossen in jedem neu zugeteilten Wohnort wieder einen Garten an.
Jane Bihrs Interesse setzte zunächst bei den Pflanzen an. Sie studierte „Horticulture“. Themen waren Gemüsebau, Schnittblumen und Bodenkultivierung. Tagelange Wanderungen – „landauf landab“ – unter Anleitung eines „Agronomen“ trainierten sie, „die Augen zu gebrauchen“. Sie lernte, Unkraut schon im jüngsten Stadium auszumachen und mittels Grünnuancen Sämlinge des Wilden Hafers von denen des Weizens zu unterscheiden. Heute kann sie sich darauf „programmieren“, Landschaft auf den kleinsten Fehler hin zu mustern. Trotzdem, irgendwann merkte sie, dass sie „nicht in dem richtigen Fach steckte“. Landschaftsarchitektur wäre richtiger gewesen. Als Autodidaktin bildete sie sich mit Praktikums- und Arbeitsverträgen in den Büros der Avantgarde weiter, bei Preben Jakobsen in Cheltenham, England, dann bei Stöckli, Kienast & Koeppel in Wettingen in der Schweiz.
Sehen – fühlen – spüren, nennt Jane Bihr ihre Strategie, wenn es darum geht, eine Idee zu entwickeln. Sie sei nicht der „akademische Typ“. Was leicht den verkehrten Eindruck weckt, Jane Bihr ge-höre zu der gefühligen Spezies Gärtner. Tatsächlich sind ihre Entwürfe Folge der präzisen Ausbildung, sind passgenaue, auf Raum, Menschen und Landschaft kalkulierte Meisterstücke. Bei Jane Bihr kommt es auf Zentimeter an, auf Nuancen und richtige Begriffe. Ungenauigkeit weckt ihren Zorn.
Gutes Beispiel: der eigene Garten. 1986 ist die Landschaftsarchitektin in ein hohes, 1594 gebautes Bauernhaus in Kallern, im Kanton Aargau, gezogen. Vor seiner Schmuckfassade fand Jane Bihr Reste eines Bauerngartens vor. Er enthielt „Betonschüttplatten, leere Gemüsebeete, ein paar Blumen, einen Fliederstock und einen Aprikosenbaum“, angeordnet wie es üblich war: Blumen an den Rändern, Gemüse in der Mitte, alles auf knappen 9 mal 13 Metern. Weil Nachbarn erzählten, dass auf dem Fleck Erde bis 1970 noch die für Schweizer Bauerngärten typischen Buchshecken wuchsen und weil Jane Bihr ihre Wurzeln in England hat, erfindet sie eine „Mischung aus traditionellen regionalen Formen und dem englischen Cottage Garden“. Also: kein Rasen. Schmale Pfade. Die Räume dazwischen von kniehohen Buchshecken gerahmt. Die schlängeln sich vom Sitzplatz am Haus über den Boden wie Papierschlangen auf einem Silvestertisch. Man könnte in ihnen auch die aufgedröselte Fassung des traditionellen englischen Knotengartens sehen.
Die starke Form nutzt Jane Bihr als Setzrahmen für Blumenspiele. An einer Stelle gruppiert sie graugrüne und braun-rote Schattierungen mit Rosa viridiflora, Thalictrum minus aus den Alpenwiesen und einer wilden Hortensie, Hydrangea arborescens. An einer anderen kastanien-braune Iris und Hemerocallis ‚Brunette‘. Das ist bei dieser virtuosen Pflanzenkennerin keine simple Farbgärtnerei, sondern eher Beschränkung in den unendlichen Wahlmöglichkeiten, die die Natur bietet. „Um das Richtige auszuwählen, auch wenn das nur wenig ist, braucht man die ganze Palette.“
Dass noch viel, viel, viel weniger geht, beweist sie mit ihrem international berühmt gewordenen Hecken-Garten für die Pfarrerin Bettina Lukoschus Dinter in Muri. Außer zwei Meter hohen Segmenten, den sogenannten „Schiffchen“, aus Hainbuche gibt es dort nur noch wenige ausgesuchte Zwiebelpflanzen und ins Gras gesetzte Päonien. Gerade so viel, um dem botanisch nicht ganz Ahnungslosen einen Wink zu geben, dass es sich bei dem Stück Gartenwiese direkt neben der Feldmark um etwas Besonderes handelt.
Der Reiz des 600 Quadratmeter kleinen Grundstücks ist ein ungehinderter Blick über das Land bis zum Rigi, einem Bergmassiv in der zentralen Schweiz. Die Frage war: Wie lässt sich der Garten markieren, ohne den Eindruck von Freiheit zu opfern? Anders formuliert: Lässt sich ein Garten ohne Grenzen denken? Jane Bihr antwortet mit einem Hinweis auf die englischen Landschaftsparks, in denen pittoresk angeordnete Baumgruppen Blicke anziehen, lenken und unmerklich in die Natur hinüberführen. Sie übersetzt die Idee in Formschnitt-Figuren locker über eine Wiese verteilte Hainbuchen-Scheiben oder „Schiffchen“. „Rabatten oder so etwas“ wären sowieso nicht in Frage gekommen. Die Pfarrerin hat Chaos genug auf ihrem Schreibtisch, will sich in ihrer knappen Freizeit keiner Gartenfron unterwerfen, will lieber ausreiten und das Pferd auch mal am Haus stehen lassen.
Wenn es einen Garten für Faule gibt, dann ist es dieser. Hecken schneiden im Juni und noch einmal im Herbst; Wiese kappen, wenn das Laub der Zwiebelblumen eingezogen ist; einen Streifen vor dem Haus mit dem Rasenmäher frei halten. Mehr Einsatz braucht er nicht. Der Rest ist genießen.
Gunther Vogt
Was lieben Menschen an der Rhein-Idylle? Wie viel Landschaft braucht die Stadt? Der Großmeister der Schweizer grünen Garde ist eifriger Grundlagenforscher.
Blumenberge, Wildnis, Rote Erde: Jedes Projekt in Günther Vogts Atelier bekommt einen Kurztitel. Zwingend. Denn das Schlagwortgebot stellt sicher, dass für jedes Projekt eine zündende Idee gefunden worden ist. 2005 hat Vogt, für die von Herzog und de Meuron entworfene Allianz Arena in München die Außenanlagen gebaut. Das Projekt trägt das Code-wort „Mimesis“. Das heißt Nachahmung und ist das Gegenteil von Erfindung.
Erfindung ist, folgt man Günther Vogt, das große Problem für die Gestalter von Landschaft. Er ist 53 Jahre alt und lebt in der Stadt. „In meiner Nähe“, sagt er, „wächst kein Baum. Es gibt kein Grün. Woher soll da die Inspiration kommen?“ Eine Trickfrage, die an Vogts früheren Geschäftspartner Dieter Kienast erinnert. Mit funkelnder Rhetorik hatte der es verstanden, seiner Profession neben den Baumeistern Respekt zu verschaffen. Solange Dieter Kienast (1945–1998) lebte, stand Vogt in seinem Schatten. Heute glänzt sein Name, gehört er zu den in der Welt am meisten gefragten Gestaltern. In seinem Büro wird in Englisch kommuniziert. Regelmäßig ist er Partner von Architekten-Kollegen wie Herzog und de Meuron, Diener & Diener und Peter Zumthor, arbeitet gern und viel mit Künstlern zusammen, vor allem Dan Graham und Olafur Eliasson, und er lehrt seit 2008 als ordentlicher Professor an der Universität Zürich. Zu den Projekten seines Büros gehören Teile des ehrgeizigen Novartis Campus in Basel, die Plätze vor der Tate Modern in London, dem Fest-spielhaus in Bregenz und die Außenanlagen des FIFA-Hauptquartiers in Zürich.
Günther Vogt erläutert das grundlegende Dilemma seines Metiers meist mit einem Vergleich: Architekten, so Vogt, hätten ein Programm. Wenn sie ein Theater bauen sollen, wissen sie, dass es ein Foyer, Garderoben, eine Bühne und Toilettenräume braucht. Diese Art Programm fehle den Landschaftsarchitekten. Sie wissen nicht, wo sie ansetzen sollen, um einem Platz, einer Straße, einem Park eine Identität zu geben.
Um Antworten zu finden, fängt Vogt bei planerischen Überlegungen gern an einem alleräußersten Rand der Betrachtung an. Sucht er die Form für einen Park, beschäftigt ihn die Dendrochronologie, die Datierung von Bäumen mithilfe der Jahresringe. Restauriert er einen Platz, schaut er sich auf Satellitenbildern bei Google Earth die Bewegungen der Menschen an, die ihn passieren. Will er Euro-pas größtes Garagendach begrünen, kartografiert er die Flora der Umgebung.
Doch Detailforschung macht noch keinen Plan. Basis des Berufs bleibt die Landschaft. Die soll wieder hinein in die Städte. „Um sie zu verstehen, muss man sie erlaufen“, sagt Günther Vogt. „Fieldtrips“ nennt er Exkursionen mit seinen Mitarbeitern. Sie führten ihn in den englischen Lake District, „eine Landschaft schöner als der schönste Garten“, an die Burgen gesäumten Rheinufer und zu den großartigen Festungen des französischen Baumeisters Sébastien de Vauban (1633–1707). Erkenntnis der wandernden Landschaftsarchitekten: Beim Gehen richtet sich ihr Blick stets in die Weite, heftet sich entweder auf Burg, Fels oder Festung in der Ferne oder schweift, am Ziel angelangt, von dort ins Land. „Wir haben das to look at und to look out genannt“, sagt Günther Vogt.
Bleibt das Individuelle. Günther Vogt entwirft möglichst keine privaten Gärten mehr. Er lehnt ab, weil das Individuelle, das sie haben müssten und das er spannend findet, ihn zu viel Zeit kostet. „Man braucht Stunden, um zu fragen, zuzu-hören, auch ein bisschen zu provozieren.“ Wenn dann ein Garten entsteht, verlangen die Auftraggeber, dass er nicht gezeigt wird, und es ist so, als ob nie etwas geleistet worden wäre. Kein anderer künstlerischer Beruf wird dermaßen ins Anonyme verbannt.
Wie schön ist da die Allianz Arena. Sie ist öffentlich. Sie zieht Abertausende von Menschen an. Ihre Funktion, so Vogt, gleicht der, die früher Kathedralen hatten, wo man sich an Sonn- und Feiertagen trifft, in Festtagsstimmung und mit anschließender Landpartie. Vor der Arena liegt Europas größtes Parkhaus. Flach und leicht gebuckelt gleicht es einem riesigen fliegenden Teppich, der gerade landet. Schwimmfädenartige Wege überziehen das Dach, sie sollen die Besucherströme zu Spielzeiten entstauen. Zur Begrünung des Dachs wählte Vogt eine teppichartig niedrige Heidelandschaft. Reste davon sind noch in den umliegenden Industrielücken zu entdecken, und weiter draußen dehnt sie sich wie früher aus. Mit „Celebrate the context“, kontert Vogt das in den Neunzigern berühmt gewordene „Fuck the context“ der Architekten rund um Rem Koolhaas. Die Landschaft kehrt in die Stadt zurück.
Stefan Rotzler und Matthias Krebs
Ist Rasen Pflicht? Was sollen Hecken verbergen? Gegen die Sandburgenmentalität vieler Gartenbesitzer halten die Planer aus Winterthur Konzepte, die auf Wandel setzen.
Alle Schreibtische sind verlassen. Die Mitarbeiter sitzen vor dem Büro in der Sonne, strecken die Füße neben den samtigen Blattrosetten von Königskerzen aus. Im Schotter zwischen alten Bahngleisen wachsen Ginster und Lavendel. Die Stuhllehnen sind rot gestrichen.
Vor zehn Jahren haben Stefan Rotzler, 57, und Matthias Krebs, 45, ein Atelier in dem ehemaligen Speditionsgebäude der Sulzer-Maschinenfabrik in Winterthur-Töss bezogen, dem Paradebeispiel eines umgenutzten früheren Industrieareals. Vor den Bürofenstern wurden früher Züge mit den Dieselmotoren der Maschinenfabrik beladen. Heute markieren die alten Gleisanlagen einen Garten. In seinem trockenen heißen Mikroklima gedeihen Persische Seidenbäume und Feigen. Ein kantiges rostfarbenes Stahlbecken enthält auf Nabelhöhe ein kleines wassergerahmtes Buchsparterre.
Stefan Rotzler, der ältere der beiden Geschäftspartner, gehört per Geburt zum Schweizer Landschaftsarchitekten-Adel. Er war sechs Jahre alt, als 1959 die erste Schweizer Gartenbauausstellung, die „G59“, am Zürichsee stattfand. Direktor war sein Vater, der Kunsthistoriker Willi Rotzler. Er setzte den heftig umstrittenen Bau eines abstrakten Gartens von Ernst Cramer durch. Zehn Jahre vor den Anfängen der Land Art ließ Cramer auf einem circa 2500 Quadratmeter großen Grundstück fünf abstrakte, mit Rasen belegte Erdskulpturen aufschütten: einen stumpfen Kegel und vier Pyramiden, in der Mitte ein flaches Wasserbecken, dazu Sitzbänke aus aufgeschichteten Betontrittsteinen. Dieser „Garten des Poeten“ bestand nur wenige Wochen. Heute verehren ihn fast ausnahmslos alle avantgardistischen Landschaftsarchitekten als wichtigste Ikone der modernen Schweizer Gartenkunst.
„Magisch“, nennt das Matthias Krebs, der jüngere Partner. Schließlich existieren von dem Garten nicht mehr als acht mittelmäßige Fotos. Für jemanden, der aus einer soliden Handwerkerfamilie stammt, fällt so viel Hingabe schwer. Krebs’ Biografie ist eng mit der Geschichte des Arbeiterquartiers Töss in Winterthur verbunden. Sein Urgroßvater war Schlosser in der Maschinenfabrik, der Großvater Kaufmann, der Vater Lehrer. Matthias Krebs lernte Gärtner, bevor er bei Stefan Rotzler studierte. Quasi von der Schulbank weg wurde er Geschäftspartner seines Professors.
Neben Privatgärten, etwa fünf Prozent des Auftragsvolumens, gestalten Rotzler und Krebs Plätze, Promenaden, Parks und Parkplätze, Außenanlagen von Konzernen und Straßen. Ihre Aufga-be: „Die Identität des Ortes prägen und ihn beseelen, Funktionen sicherstellen und sie in Alltagsabläufe einbinden.“ Wenn sie ihre Arbeit lieben, verstehen sie sich als „Stadtraumgestalter“, geht’s schlecht, sind sie Sozialmechaniker. Zu ihren renommierten Projekten gehört das Lettenareal in Zürich, früher ein weltbekannter Drogenumschlagsplatz, heute ein Treffpunkt vor allem junger Züricher, wo man plauscht, sich sonnt und baden geht. Immer noch Lieblingsobjekt ist das Loki-Areal in Winterthur, in der Nähe ihres Büros. Es war eines der ersten Projekte. Um dem neuen Wäldchen, das sie dort pflanzten, die nötige Achtung zu verschaffen, haben sie die Baumstämme feuerrot gestrichen. Eine Mitarbeiterin nennt das Guerilla-Taktik. Farbe wurde unversehens und unbeabsichtigt zum Markenzeichen des Büros. Im Stadtgarten Dornbirn gibt es als „surrealistische“ Zutat südseeblaue „Horchrohre“. Wer das Ohr anlegt, hört das unterirdische Rauschen des Müllerbachs – ein Hinweis auf die Quelle der Energie, die den Wohlstand des Ortes erzeugte.
So viel bedeutsamer Inhalt fehlt in den privaten Gärten der beiden Partner. Stefan Rotzlers ist wild und spontan, im Wesentlichen eine Wiese, mit Holzdecks am Haus, im ausgehobenen Rund eines früheren Swimmingpools ein Grillplatz – von Entwurf keine Spur, es sei denn man nimmt die entschiedene Vorliebe für Rot bei allen Gartenmöbelbezügen als Styling-Absicht. „Planen ist mein Berufsalltag“, sagt Stefan Rotzler. Da müsse der Garten „Kompensatorisches“ leisten, sei eher ein Werkplatz, auf dem „fortwährend Neues dazukommt, während anderes verschwindet“. Unverändert bleiben Stefan Rotzlers Esel.
Sie stehen vor und neben dem Haus. Sie fressen alles ab. Ausgenommen den
Holunder. Rotzler registriert es, spinnt es aus. Es könnte der Ansatz werden für eine „Weiterentwicklung des Landschafts-raumes“. Esel, Wiese, Holunder: Garten entwerfen hat etwas mit Reagieren auf Gegebenheiten zu tun. Stefan Rotzler nennt das „die Kontextualisierung des Gartens in seiner Umgebung“.
Matthias Krebs hat seinen Kontext dicht beim Studio. Er wohnt im ehemaligen Arbeiterquartier Töss. Da sind hohe Hecken unüblich. Gut für Matthias Krebs, der die Burgenbauerei hasst: „Sichtschutz ist das Wichtigste und noch einmal das Wichtigste. Erst lässt man sich große Fenster bauen, dann soll der Garten die Freizügigkeit wieder absperren.“ Die Sucht der Zeitgenossen, sich einzukapseln und abzuschotten, verleidet ihm die Arbeit an privaten Gärten. Er hat seine 500 Quadratmeter je nach Himmelsrichtung mit einer lockeren Reihe Feigen, einem Geflecht aus Stechpalmen mit Kletterrosen oder Efeu mit Kletterspargel umgeben. Die Pflanzen riegeln den Hof nicht hermetisch ab, sondern bilden durch- und überschaubare „Filter und Puffer“.
Die umgeben einen Kieshof. Auch der ist eine Demonstration: die Alternative zur „Allherrschaft des Rasens“, dieser erstarrten „bürgerlichen Form“, die gerade für kleine Gärten unpraktisch ist – empfindlich, teuer, arbeitsaufwendig. Möbel und Kübel, spielende Kinder, Gäste: Alles, was Nutzen hat, zerstört die Grasnarbe. Kies hingegen ermöglicht, was die Winterthurer Planer favorisieren: den „Garten in Bewegung“.
Guido Hager
Was macht den Garten zum Erfolg? Ein Märchen, das erzählt, oder eine Stimmung, die beschworen wird. Für spektakuläre Entwürfe nutzt der Züricher Mittel der Kunst.
Guido Hager liebt Gartenarbeit, vor allem die einfachen Tätigkeiten: „Kieswege harken und Rasen mähen.“ Allerdings ist der eigene Rasen winzig klein, hat gerade mal 13 Quadratmeter. Doch viel mehr dürfte es nicht sein. Der 52-Jährige führt ein Büro mit 35 Mitarbeitern, pendelt zwischen Zürich und Berlin, wo er auch eine Wohnung hat. Seine Baustellen befinden sich in Deutschland, Österreich, Libyen und in der Schweiz. Einen festen Fuß hat er noch heute in der Gartendenkmal-pflege, mit der seine Karriere begann. Seine Spezialität: vorhandenes Altes zeitgenössisch ergänzen, so wie im barocken Rechberggarten in Zürich, in den er statt historisierende Buchsbaumparterres moderne Blumenstücke einfügte (siehe A&W 4/00).
Weltberühmt wurde Hager im Sommer 2008 mit dem sogenannten Tankstellen-Garten, den er für den Galeristen Jörg Judin in Berlin Schöneberg baute, dort, „wo Huren und Zuhälter ihren Geschäften nachgehen“. Judin, ein Landsmann und seit je Gartennarr, träumte von einem Ort für Hunde und Perlhühner, aber nicht draußen, sondern mitten in der Stadt. Das Grundstück dafür fand er auf einer verlassenen Shell-Tankstelle aus den 50er-Jahren. Guido Hager verwandelte die Flächen um Zapfanlage und Werkstatt in ein chinesisch-italienisches Märchen über Sommer und Winter, gefüllt mit dem Duft von Harz und Lilien, dem Rauschen des Bambus. Viel leuchtendes Shell-Rot, 50-jährige Kiefern, Blumeninseln im Kies rund um das restaurierte Flugdach und ein Super-Spa für die Krähen und Elstern, die in der Metropole nach Wasser suchen, erzeugten plakative Bilder, die in Magazinen rund um die Welt erschienen.
Die Inspiration für das Vintage-Werk hatte sich Guido Hager aus einem seiner Lieblingsfilme geholt. In Federico Fellinis „Giulietta degli spiriti“ von 1965 spaziert die Heldin in einer Szene allein durch einen lichten Pinienwald, irgendwo nahe der See. Die Baumkronen bilden ein hohes Dach, Sonnenstrahlen blitzen durch die Nadeln. Die Luft umschmeichelt Giulietta wie ein wärmendes Tuch. Es herrscht „pure Freude, du willst nur noch irgendwo Eiscreme holen – das ist Sommer“, sagt Guido Hager. So sollte der Garten sein: emotional, auf jeden Fall mit Bedeutung aufgeladen. „Es reicht nicht zu sagen, man will einen Rhododendron-, einen Rosen-, Rasen- oder Schattengarten. Was es braucht, ist eine Dramaturgie.“ Schon bei Dieter Kienast, bei dem Guido Hager studierte, lautete das Motto: „Gärten müssen Geschichten erzählen.“
Als Wunsch seiner Klienten hat er „Sehnsucht nach Idylle“ diagnostiziert, das Verlangen nach einem Ort, „an dem man sich gehen lassen kann“. Solche Träume erfüllt mit Glück schon eine wilde Wiese, wie die am Ufer des Flusses Limmat, die sein Künstlerfreund Beat Zoderer besitzt und wo sich „wunderbar feiern und grillieren lässt“. Was will er mit einem designten Garten, wundert sich Guido Hager, als Zoderer ihn urplötzlich um einen Entwurf für sein Grundstück bat. Der Planer beschränkte sich auf Minimales.
Den Anfang machte der Rest einer Installation Beat Zoderers: ein im Kreis geführter Handlauf. Hager nutzte ihn um, indem er ihn als Rahmen um ein Magnolienwäldchen setzte. Zum Kreis kam ein Quadrat als quer in den Garten gestellte Kulissenwand und ein Strich in Form eines sechs Meter langen Sitzbalkens am Wasser. Sparsame künstlerische Gesten. „Protestantische Ruhe“ nennt das der Künstlerfreund. Viel mehr ist nicht nötig. Unter Umständen.
In Guido Hagers eigenem Garten geht es „piekfein“ zu. Der Mini-Rasen ist „heftig gedüngt, aerifiziert und vertikutiert“. Das muss so sein, damit trotz der Kleinheit „Ruhe und Größe“ gewahrt ist. In den umlaufenden Kieswegen wuchern dafür Veilchen, Primeln und wilde Akelei, wie sie wollen. Ein Seerosenkanal begrenzt das Rasenbeet. Nach dem dritten Anlauf ist es ihm gelungen, endlich „die unglaublich zickigen Türkenbundlilien“ im Staudenbeet zum Bleiben zu bringen. Eine immergrüne Balustrade aus wolkig geschnittenem Buchs rahmt ihm den Ausblick hinüber zu den tiefer gelegenen 100-jährigen Villengärten. Es sind gelassene, reife Schönheiten. Seiner steckt noch voller Ansinnen und Ehrgeiz, ist keine 20 Jahre alt. „Gärten dauern lange“, sagt Guido Hager. Er sieht das als Vorteil.