ROSS LOVEGROVE: DER BIO-LOGIKER

 

Der Waliser Ross Lovegrove wurde zum A&W-Designer des Jahres 2001 gewählt, weil seine Projekte Natur und Technik vermählen, weil er Produkte mit haptischem Lustgewinn entwickelt, weil seine Träume und Visionen liebenswert ­ und ein Zeichen für das 21. Jahrhundert sind. 

Text: Barbara Friedrich
Interview: Barbara Friedrich und Rolf Menke
Porträts: Uli Weber

Der Name rollt auf der Zunge und hört sich an wie ein PR-cleveres Pseudonym ­ Ross Lovegrove. Klingt sexy. Wer so heißt, hat das Zeug zum Star in der Tasche. Lovegrove (auf Deutsch: Liebeswäldchen) hat es im Blut. Für ihn gilt wirklich "nomen est omen", denn Lovegrove ist einer, der den Wald liebt ­ und neben ihm die Natur per se, die er mit seiner Arbeit thematisiert. Der britische Designer, 47, ist Absolvent des Royal College of Art und seit ein paar Jahren schillernde Persönlichkeit der internationalen Designer-szene. Optisch unverwechselbar, markant wie ein gutes Markenzeichen, ist sein Erscheinungsbild: weißes, schütteres Haar, von wenigen schwarzen Streifen durchzogener Graubart ­ mal voll und akkurat getrimmt, mal nur Kinn und Oberlippe schmückend. Die verblichene Haarfarbe täuscht, Augen und Hände verraten es: Lovegrove ist ein großer Junge, einer der vor Energie brennt, der Kunden, Kollegen und Journalisten mit seiner Liebe und Leidenschaft für "organische Formen", "menschliches Design", für eine "bessere Welt durch die Schönheit von Dingen, die sinnlich sind" beeindruckt.

Was Ross Lovegrove gestaltet, ist nie eckig, kantig, kalt, rational-funktional. Er fügt der Zweckdienlichkeit seiner Entwürfe stets Formen zu, die Gefühle freisetzen, die Lust auf Anfassen machen und eine Augenweide sind. Der in den 90er-Jahren viel gepriesene "Minimalismus" ist ihm suspekt. Er sieht ihn als modische Attitüde von Puristen, die nichts mit der menschlichen Natur zu tun hat (auch wenn sein Kollege Jasper Morrison als Minimalist Karriere gemacht hat). "Die Natur kennt doch keine geraden Linien, sie definiert sich nicht durch coole Ästhetik und Ausschluss von emotionaler Wärme." Lovegrove denkt bei "Weniger ist mehr" eher an "Dematerialismus": noch weniger Material, noch leichter, noch bio-logischer. Eigentlich sehnt er sich nach der Möglichkeit, Produkte quasi organisch wachsen zu lassen. "Und was der menschliche Geist sich vorstellen kann, wird irgendwann möglich sein", weiß er. Einstweilen setzt er seine Visionen mit heute Machbarem um, formt Sessel, die ihren Be-Sitzer umarmen, und superleichte, die ein Kind hochheben kann; kreiert eine Kamera, die sich Hand und Fingern anschmiegt und die Form eines Auges hat; lässt Gartenleuchten wie natürliche Pilze aus dem Boden wachsen und speist sie mit Solarzellen. Aber am liebsten schwärmt er von einer Uhr, die das Thema Zeit fühlbar, erlebbar macht; von einem Strohhalm, der verseuchtes Wasser filtern und so ein Problem in der Dritten Welt lösen kann ­ und von seinem Auto, das er schon vor Jahren futuristisch entmaterialisiert als transparente Eierschale in sein "Sketchbook" geskribbelt hat. PS, Hubraum, Stundenkilometer: Das spielt bei diesem Mini keine Rolle, es soll den Menschen bei seiner Mobilität liebevoll umhüllen wie eine zweite Haut: weich, warm, archaisch (unweigerlich drängt sich das Bild eines Fötus in der Gebärmutter auf). In Dutzenden von Notizbüchern hält Ross seit Jahren mit schnellen Strichen seine Visionen fest, macht Ideen zeichnerisch sichtbar, die dann erst viel später realisiert werden. Warum nicht auch irgendwann sein Traumauto?!
Lovegrove, als Sohn eines Marine-Offiziers in Cardiff aufgewachsen, war schon als Kind von der Phantasie getrieben, "einmal was Besonderes" zu erfinden. Kein Wunder, dass "Superman" seine Lieblingsfigur war. Bevor er seinen "Master of Design" am Londoner Royal College of Art erwarb, studierte er am Polytechnikum in Manchester. Das hat ihn als "Ingenieur" unter den Designern geprägt und zeichnet ihn aus. Als in den frühen Achtzigerjahren Italiens "Memphis"-Bewegung das Gestaltercredo "form follows function" in Frage stellte und Jungdesigner in ganz Europa der bunten Form-Revolution huldigten, ging Ross Lovegrove zu Hartmut Esslingers Industriedesign-Schmiede Frog design nach Altensteig im tiefsten Schwarzwald. Aus der Zeit mit den Designfröschen hat er ein paar ungute Erinnerungen und respektable Deutschkenntnisse behalten. Er erzählt die Geschichte von einer nach Apfelsaft aussehenden Flasche Apfelessig, im Supermarkt gekauft und stundenlang gekühlt, die er an einem Sommerabend in seiner spießig eingerichteten Bude an die Lippen setzte ­man hört heraus, dass sie stellvertretend für seine Einsamkeit "am Ende der Welt" steht. Nach knapp anderthalb Jahren in der deutschen Provinz zieht Ross nach Paris, wo er mit Philippe Starck und Jean Nouvel zur Gruppe "Atelier de Nîmes" gehört und für Knoll International arbeitet. Lovegrove, der nicht den Eindruck hinterlässt, als mache er gern, was andere wollen, gründet schon 1988 im Londoner Stadtteil Notting Hill mit seiner Frau Miska, einer Architektin, das Designbüro "Studio X".

A&W: Ihr Studio ist die pure Baustelle mit Erdaushub, Schutzplanen, vernagelten Türen.Wären Sie eigentlich lieber Architekt?
Ross Lovegrove: Das Studio soll größer werden. Wir graben schon sehr lange und haben 980 Tonnen Schutt unter unserem Haus rausgeräumt, um zusätzlichen Raum zu gewinnen. Das macht im Moment jeder hier in Notting Hill, weil der Grund so teuer geworden ist. Aber es stimmt. Ich glaube, jeder Designer träumt davon, auch mal etwas zu entwerfen, das groß genug ist, um hineingehen zu können. Architektur reizt mich sehr, und ich würde gern all mein Wissen von Industrieprozessen beim Bauen einsetzen. Architekten haben dieses Wissen nicht. Ich habe auch schon ein
Projekt, ein Traumprojekt, und doch ganz real. Eine Villa in Portugal, die ich zu 100 % aus Keramik bauen soll. Bad, Küche, Möbel, alles keramisch, bis in die gewölbte Dachkuppel. Ich würde auch gern Häuser aus Fasern bauen oder aus sehr billig herzustellenden Plastikziegeln, in die man Wasser füllt. Das Haus müsste eine Hülle wie eine organische Haut haben. Ich möchte industrielle Prozesse und mein Know-how über Natur zusammen-bringen, weil ich glaube, dass darin unsere Zukunft liegt.

A&W: Ein dritter Weg: Statt Überfluss- oder Verzichtsgesellschaft lieber die Ressourcen kreativer nutzen?
R.L.: Rein rational könnte man sagen: Die Zukunft muss und wird bescheidener sein; aus Verantwortung gegenüber unserer Umwelt ist "Lowtech" einfach ethischer. Ich zweifle aber daran, dass das funktioniert, weil der Mensch nun mal so ist, wie er ist. Deshalb liegt für mich die Chance eher im Vorantreiben von Forschung und der Entwicklung neuer Materialien und Technologien.

A&W: Softe, organische Formen, aber massenproduziert aus innovativen Werkstoffen?
R.L.: Dass es nur noch so wenig organische Formen um uns herum gibt, ist ja nur eine Folge der industriellen Herstellungsprozesse. Wenn die sich ändern, weil sie intelligenter werden, dann bedeutet Massenproduktion nicht mehr automatisch rationale und rationelle, maschinenbestimmte Formen. Sie können mit geradlinigen Werkzeugen sehr wohl auch organische Formen produzieren.

A&W: Kunststoff ist für Sie kein Anti-Natur-Symbol?
R.L.: Mich fasziniert die Fusion. Warum soll nicht Holz in eine gegossene Kunststoffform hineinwachsen? Prinzipiell habe ich überhaupt nichts gegen Kunststoffprodukte. Schauen Sie sich die Material-Evolution an: Vor hundert Jahren war noch alles aus Holz, vor 50 Jahren alles aus Metall, heute läuft alles auf Plastik hinaus. Und es muss auch darauf hinauslaufen. Man kann Plastik sehr effizient einsetzen. Die Trennlinie läuft woanders. Wir können Plastik als eine Art Massen-Billigfutter verwenden oder mit Achtung und Respekt einsetzen. Und das eine ist nicht viel teurer als das andere. Alles, was man braucht, sind Leidenschaft, Ernsthaftigkeit und Zeit. Plastik kann wunderbare optische und haptische Eigenschaften haben, kann transluzent, leuchtend, schillernd sein. Ich mag, was Philippe Starck mit Plastik gemacht hat, aber er irrt in einem Punkt. Plastik muss weich sein, nicht hart, eher wie eine künstliche Haut, flexibel, biegsam, anschmiegsam.

A&W: Im Rückblick scheint Ihr Weg sehr zielstrebig und klar. Gab es für Sie Wegscheiden, Phasen des Zweifels?
R.L.: Die gibt¹s auch heute noch genug. Was zum Beispiel eine ständige Anspannung hervorruft, ist eine Art Zielkonflikt. Ich liebe organische Formen; das ist eine ganz persönliche Wertschätzung, ein individueller Traum. Aber es ist auch eine Moral in mir, die mir verbietet, diesen Traum zu instrumentalisieren. Wenn das Objekt, das ich entwerfe, diese Formen nicht braucht, wäre es falsch, sie einzusetzen. Das ist natürlich ein schwieriger Punkt, wenn Sie als Industriedesigner arbeiten. Man pendelt zwischen zwei Extremen: Man darf nicht allein seinem Ego erlauben, die Richtung zu bestimmen. Aber man darf auch nicht ohne eigene Substanz nur die Probleme der Auftraggeber lösen. Ich jedenfalls will das nicht. Weggabelungen gab es, aber sie waren kein Problem. Die markanteste war in meinen Ausbildungsjahren, in den Hochzeiten von Memphis. Ich gebe zu, ich habe damit geliebäugelt, ich mochte Memphis, weil es das Design befreit und grafischer gemacht hat. Aber ich habe damals auch gespürt, dass ich an meiner eigenen Sache weiterarbeiten muss und bin nicht auf die große Party gegangen. So habe ich es übrigens immer gemacht und bin froh darüber. Ich habe lange Jahre hinter mir, wo man mein Denken für schwierig, kompliziert, nicht realisierbar hielt.

A&W: Gefällt es Ihnen, dass organische Formen und Themen wieder entdeckt werden?
R.L.: Wer nur das Stilistische darin sieht, hat nichts verstanden. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass die Hinwendung oder Wiederhinwendung zu diesen Formen sehr viel mehr ist als eine Mode ­ sie entspricht einfach unserer Natur. Was also die Formenentwicklung angeht, bin ich sehr optimistisch. Skeptischer bin ich angesichts der Leichtsinnigkeit, mit der man an der Natur rumpfuscht, Stichwort BSE zum Beispiel. Die Natur ist größer als wir, und der Mensch sollte sich nicht einbilden, klüger zu sein als sie. You can¹t fuck with nature, you know?


 
A&W Designer des Jahres 2001

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