INGO MAURER: DER MAGIER DES LICHTS

 

Zum A&W-Designer des Jahres 1998 wählte die Redaktion einen Gestalter, der seit vierzig Jahren nicht nur Licht, sondern Poesie in unseren dunklen Alltag bringt. 

Text: Wolfgang Nagel
Fotos: Alastair Thain

Die Glühbirne ist die schönste Symbiose von technischer Innovation und Poesie", sagt Ingo Maurer. Trotzdem ist er seit vierzig Jahren von der Idee besessen, unsere elektrische Beleuchtung noch innovativer, noch poetischer zu machen. Keiner hat so radikal mit den landläufigen Vorstellungen von einer Lampe gebrochen. Keiner hat uns so deutlich vor Augen geführt, dass es bei einer Leuchte nicht allein auf die gute Form ankommt, sondern auf die Inszenierung von Licht. Und keiner hat wie er vermocht, den Benutzer an der Gestaltung einer Lampe zu beteiligen.

Seit vier Jahrzehnten versteht es Ingo Maurer, uns mit seinen innovativen, poetischen Entwürfen zu überraschen und zu verzaubern. Sie sind ein Lichtblick im trockenen, sachlich-kühlen deutschen Design. Und sie gehören zum Besten, was die Welt, wenn es dunkel wird, zu bieten hat. Seine im April 1997 vorgestellte Hängelampe mit dem Namen "Wo bist Du, Edison, jetzt, wo wir Dich brauchen" ­ die erste Leuchte mit einem 360-Grad-Hologramm als Schirm ­ fügt sich als weiteres Highlight in sein Werk. Die Redaktion von A&W Architektur & Wohnen musste nicht lange diskutieren: Ingo Maurer ist der A&W-Designer des Jahres 1998.

Die zum zweiten Mal vergebene Auszeichnung traf den damals 65-Jährigen mitten in den Vorbereitungen einer Ehrung, die er einem anderen erweisen wollte. Gelegentlich gefällt es ihm, eine Lampe als Hommage zu gestalten.

"Hot Achille" war so ein Teil, das einen Meister-Entwurf von Achille Castiglioni paraphrasiert. Mit einer anderen Arbeit verbeugt sich Maurer vor keinem Geringeren als Philippe Starck. "Philippe", sagt er, "hat uns die Eleganz zurückgebracht. Er ist kein Revolutionär, seine Stilmittel sind eher in der Bourgeoisie zu finden. Aber ohne Zweifel hat er die Grenzen erweitert. Er ist ein Draufgänger, ein mindbraker, ein Genie, ein Pop-Star." Wie aber ehrt man Philippe Starck? In Erinnerung an dessen Vorliebe für Hornformen prägte Maurer, der gern Englisch, Französisch oder Italienisch parliert, den Begriff "horny Philippe" ­ und, schwupps, ging ihm ein Licht auf. Er begann zu zeichnen, spielte ­ "horny" heißt schließlich "geil" ­ mit sexuellen Symbolen, verschmolz phallische und vaginale Formen, und heraus kam eine witzige Leuchte mit Kugelfuß, die auf jedem Schreibtisch ihren Mann steht. Maurers Augen leuchten voller Stolz und Witz, als er davon erzählt, und gleichzeitig ist er, wie bei jeder Neuentwicklung, von Zweifeln erfüllt. Natürlich ist er sich der delikaten Seite sehr wohl bewusst. Doch gerade das reizt ihn, hat ihn immer gereizt: das Risiko, die Gefahr des Scheiterns. Mit seinen besten Arbeiten ist er an Grenzen gegangen. Er hat weder den Flirt mit dem Kitsch gescheut, noch vor technischen Hürden Halt gemacht. Stets hat
er traumwandlerisch obsiegt.

Ingo Maurers Karriere als Leuchtendesigner begann 1966, mit einem Zufall und einem Coup. Der gelernte Typograf war von einem dreijährigen USA-Aufenthalt zurückgekehrt und schlug sich in München als Grafiker durch. Neben vielen anderen Plänen hatte er auch die Idee, eine Lampe zu bauen. Ganz im Blow-up-Stil der Pop-Art sollte sie aussehen wie eine überdimensionale Glühbirne: gewissermaßen seine erste Hommage ­ an Thomas Alva Edison. Maurer zeigte seine "Bulb" einem Architekten und ein paar Freunden, alle haben das ebenso originelle wie formschöne Objekt sofort bestellt. Vielen Käufern gefiel es genauso wie den Kuratoren des Museum of Modern Art, wo "Bulb" seit 1969 in der ständigen Sammlung erstrahlt.

Maurers neu gegründete Firma "Design M" ließ weitere Lampen folgen, die den "Bulb"-Gedanken variierten, und brachte auch andere Produkte im Pop-Stil heraus, vom Aschenbecher zum Kleiderbügel. Eher kurios wirkt im Rückblick das Programm durch und durch konventioneller Tischleuchten, die Maurer parallel produzieren ließ. Immerhin gelangten einige Exemplare bis in Willy Brandts Kanzlerzimmer und auf den Tisch des Schah von Persien: Ihr ökonomischer Erfolg machte die avantgardistischen Ambitionen überhaupt erst möglich und sicherte mehreren Angestellten in der Schwabinger Kaiserstraße den Arbeitsplatz.

Die 70er-Jahre waren für Maurer eine Phase der Suche, beruflich und privat. Unternehmerisch gab es Probleme ­ "in einer Zeit, da man mit zwei Angestellten schon als Ausbeuter galt". Die Trennung von seiner ersten Frau bremste die Kreativität. Mitten in dieser Krise gelang ihm die Neuorientierung. Als er 1973 japanische Fächer und später handgeschöpfte Papiere zu Lichtobjekten verarbeitete, brach er formal mit allem, was bis dahin an eine Lampe erinnerte. Vor allem aber stieß er in jenen Bereich vor, den er später "die vierte Dimension" nennen sollte. "Licht ist nicht eine Sache des Verstandes und des reinen Zwecks. Licht ist eine Frage der Stimmung, bedeutet Spaß, Spiel, Freude, Wohlbefinden."
Was er damals nur fühlte, fasst er heute in anschauliche Bilder: "Für mich ist Licht wie eine Geschichte, die man immer wieder neu erzählen kann, mit unterschiedlichen Charakteren und Schauplätzen, und mit Variationen der Handlung, wie es die Situation gerade erfordert. Es gibt gute und schlechte Geschichten, aufregende und langweilige, fröhliche und traurige, aber es gibt nicht die Geschichte aller Geschichten. In diesem Sinn erfinde ich immer neue Geschichten und hoffe, dass es jemanden gibt, der sie hören will."

Als wäre plötzlich ein Knoten geplatzt: Seit 1980 vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens eine aufregende neue Leuchte die Münchner Manufaktur verlässt. Ein Geniestreich gelingt dem "Poeten des Lichts" 1984: Mit "YaYaHo" produziert er ein Niedervolt-Lichtsystem, wie es in dieser Variabilität bis dahin nicht existierte. Clou der kleinen Halogenstrahler, die an zwei durch den Raum gespannten Drähten aufgehängt werden: Erstmals kann der Benutzer eine Leuchte selber mitgestalten, kann ganz nach seinem Geschmack sein eigenes Licht zaubern. Jede Installation sieht anders aus, erzählt an jedem Ort eine neue Geschichte.

Wenn es ihm darum gegangen wäre, eine Idee nach allen Regeln der Kunst zu vermarkten, hätte sich Ingo Maurer mit dem inzwischen oft kopierten Lichtsystem "YaYaHo" als Designer zur Ruhe setzen können. Aber ihn langweilt die Unternehmerrolle. Er will sich nicht den Zwängen des Marketings unterwerfen, hieße das doch, dass er Kompromisse machen müsste: Nicht nur seine Bilanzen, auch seine Produkte sähen anders aus. Statt wirtschaftlichem Kalkül folgt er lieber dem Gefühl. "Wenn man Kraft und Energie in eine Sache investiert", ist er überzeugt, "dann ist das als Qualität auch nach außen zu spüren." An Erfolg durch Wachstum glaubt er ohnehin nicht. In der Natur wachsen die Bäume auch nicht in den Himmel. Die Obergrenze für Maurers Manufaktur sind in den 90ern 60 Mitarbeiter und 15 Millionen Mark Umsatz.

Nur noch vierzig Prozent seiner Zeit widmet der Workaholic, der nicht nur von Berufs wegen gern die Nacht zum Tag macht, dem Entwickeln von Serienleuchten. Immer stärker arbeitet er an freien Projekten: einerseits an ganz individuellen Lichtlösungen für Privathäuser, andererseits an aufwändigen Ausleuchtungen von Ausstellungen und öffentlichen Gebäuden wie der Oper in Tel Aviv oder dem Louisiana Museum bei Kopenhagen. Und gerade erst zu entdecken beginnt er das Feld der "Lightscape": die Beleuchtung unserer Städte, bei der er großen Nachholbedarf sieht. Maurer ist ein Kosmopolit, seine Arbeit treibt ihn rund um die Welt. In München, hat seine zweite Frau Jenny Lau ausgerechnet, war er in einem Jahr nur an 161 Tagen. Ganz weit hinter sich lassen wollte er schon nach dem Studium seine Heimat, die Insel Reichenau im Bodensee, die kleinbürgerlichen Verhältnisse, die ihm so lange Minderwertigkeitsgefühle bereitet hatten. Er ging für drei Jahre in die USA.

Heute genießt er das Gefühl, jederzeit ein Ticket kaufen zu können und zu reisen, wohin er will. Sein Lieblingsziel? "Die Wüste. Sie macht innerlich leer ­ und doch so voll. Man begegnet sich selbst, und wenn man draußen schläft, hört man sein eigenes Blut rauschen." Der Genussmensch Ingo Maurer entspannt gern in Italien, wo er seine eigenen Oliven erntet, der Kreative lässt sich gern in New York inspirieren, der Meditative fühlt sich, wie schon sein Vater, von Japan und dem Buddhismus angezogen. Auf Reisen erobert er Neues, kostet Augenblicke aus, öffnet sich Zufällen. Auch arbeiten kann er unterwegs sehr gut. Eine seiner Leuchten zeichnete er auf dem Flug von Berlin nach Mailand auf einer Serviette, faxte den Entwurf vom Hotel ins Büro, und als er nach München kam, präsentierte ihm sein Team schon den Prototyp: "One from the Recession" (1994). Heute hier, morgen fort: "Ich liebe das Vergängliche, das Ephemere", sagt Ingo Maurer. Eine Liste seiner schönsten Leuchten stellte er nur deswegen zusammen, weil wir ihn ausdrücklich darum baten. In die Designgeschichte eingehen möchte er damit nicht: "Was von mir bleiben soll, ist keine Lampe, kein Licht, sondern ­ ein schönes Gefühl."


 
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