Er zaubert und bezaubert. Mit Ananasfasern und Metallfäden, mit Rosshaar und Seide. Er kreiert Stoffe, die mit dem Licht spielen, Gewebe, die Gefühle wecken. Ulf Moritz ist der Champion der Textilentwerfer. Und er ist der A&W-Designer des Jahres 2003.
Text: Jan van Rossem
Fotos: Tom Nagy
Produktion: Thomas Niederste-Werbeck
Spindeldürre Kupferdrähte und schwarze Leinenfäden schlängeln sich um Büschel von Pferdehaaren. Hauchdünne Seidenkringel flirren in der Luft. Schwarze Glasperlchen tanzen auf transparentem Fond. Den meisten Menschen fehlen die Worte, wenn sie die textilen Kreationen des Ulf Moritz bestaunen. Er sagt dazu "Stöffchen". Und wie er das sagt: abwertend, stolz, bitter, glücklich, überschwänglich, ironisch, liebevoll. Alles in einem Wort. Seinem Hauptwort.
Es spiegelt sein Wesen und Werk voller Widersprüche in allen Facetten wider.
Er ist selbstbewusst, braucht aber Anerkennung. Seine Kreationen sind avantgardistisch, aber er wünscht sich, dass jeder sie haben will. Man sagt, Ulf Moritz sei ein künstlerischer Designer. Findet er nicht. "Ich bin ein Industriedesigner", darauf besteht er.
"Was soll ich über meine Stöffchen erzählen?" Ulf Moritz sieht sich Hilfe suchend um. "Eigentlich sind Stoffe doch ganz unwichtig" (das erste Wort betont), "sie sind nicht dreidimensional, sie brauchen einen Kontext." Einen Raum zum Beispiel. "Ich will nicht nur haptisch neue Erlebnisse schaffen.
Ich denke an die Atmosphäre, stelle mir den Raum vor." Jetzt ist er in seinem Element. "Meine Stoffe sollen glühen, luftig wirken, Bewegung in den Raum bringen, ihn beleben, verändern, erneuern." Jedes Experiment mit neuen Materialien hat im Prinzip den gleichen Zweck. Die Stoffe müssen dem Raum schmeicheln. "Das ist wie mit der Mode. Die muss erreichen, dass man sich neu präsentieren will, dass man wirken will." Pause. "Ist das okay? Dann schreiben Sie das." Es ist Mittag. Und mittags sitzt Ulf Moritz immer im "Moko", einer Designerbar in der alten schwedischen Holzkirche von Amsterdam, jenseits der Prinsengracht, gleich schräg gegenüber von seinem Atelier. "Hier telefoniere ich und halte Hof", sagt er. Er lacht. Obwohl das Bild gar nicht so abwegig ist. Der König der Stoffe und gleichzeitig der Narr, der immer das Unmögliche versucht und dem es immer wieder gelingt. Ein Zauberer, der Pferdehaare mit Metallfäden verweben lässt, der Stoffe durchlöchert, schlitzt, kräuselt und rüscht, der Textilien immer wieder neu erfindet, sie leben und erlebbar werden lässt. Er bestellt Brot mit Tomate und Mozzarella und ein Gläschen Rosé. "Nehmen Sie den Salat mit Entenbrust! Sie mögen doch Fleisch? Ganz kross, vom Chinesen nebenan." Er kennt die Karte. Danach ein Dessert, typisch holländisch, Schokoladentorte mit Pistazieneis. Schließlich lebt er seit den 60er-Jahren in Amsterdam. "Ich bin damals hierher gekommen und hängen geblieben. Das war eine tolle Stadt, weil sie nichts von einem forderte. Hier hatte man schon damals die Freiheit, sein zu können, wie man ist. Hier muss man nichts für sein Prestige tun, man braucht kein tolles Studio, kein Auto." Ulf Moritz hat nicht mal ein Fahrrad. "Wahrscheinlich bin ich der einzige Amsterdamer ohne Fahrrad."
in bisschen gegen den Strich, integriert sein und doch etwas anders. So gefällt er sich. Diese Ambivalenz prägt auch sein Design. Er gibt "so etwas Femininem wie Stoff" durch den Einsatz derber Materialien gern eine maskuline Komponente. Er belebt Traditionsstoffe wie Loden, indem er frech kleine Quadrate ausstanzt. "Die Leute sagen zu meinen Stoffen immer: typisch Ulf Moritz. Dabei ist das einzig Typische, dass ich mich nicht wiederhole." Und dass er überrascht. Wenn alle mit neuen abenteuerlichen Materialien rechnen, noch exotischer als Rossmähne und Kupfer, noch abwegiger als Ananasfasern, denkt er sich plötzlich Dessins aus mit ganz normalem Garn, natürlich besonders kunstvoll und aufwändig gewebt.
Seit 1986 präsentiert er jetzt Jahr
für Jahr seine eigene Kollektion "Ulf Moritz by Sahco Hesslein". Das Nürnberger Unternehmen vertreibt seine ausgefallenen Entwürfe, im Gegenzug kümmert er sich um den Auftritt des Unternehmens. Er entwickelte deren Corporate Identity, gestaltet die Kataloge, konzipiert ihre Showrooms und Messestände. Die eigene Kollektion war sein endgültiger Durchbruch in die Eliteliga der Entwerfer, an die Spitze des Textildesigns. Stoffe unter eigenem Namen zu präsentieren ist ihm wichtig. "Ich wollte nicht anonym bleiben." Und dass sich seine Stoffe trotz aller Exklusivität besser und besser verkaufen, "ist wie streicheln", gibt er zu. Es ist die Anerkennung, die er braucht. "Ich finde es toll, dass meine Arbeiten bewundert werden.
Können Sie schreiben." Stoffkreationen von Ulf Moritz werden im Stedelijk Museum in Ams-terdam und im New Yorker Cooper- Hewitt-Museum gezeigt. Bewundert wird er aber nicht nur für seine Stoffe.
Auch seine Tapetenkollektionen für das Unternehmen Marburg, seine Sitz- und Liegemöbel für Montis, Schramm und Team by Wellis und seine Vasenobjekte für Leonardo müssen internationale Vergleiche nicht scheuen. Aber Ulf Moritz
weiß: "Bei Möbeln gibt es viele gute Designer." Bei Wohntextilien hat er praktisch keine Konkurrenz.
Sein zweistöckiges Atelier in der beschaulichen Prinsengracht sieht gar nicht aus wie das Studio eines Stoffmagiers. Kein kreatives Chaos, die Ausstattung eher karg, auf das Wesentliche beschränkt. Durch die Schaufenster im Erdgeschoss sind ein paar ausgesuchte Designobjekte zu sehen, die mit einem Riemen zusammengeschnürte Schubladenkommode von Droog-Designerin Tejo Remy, die Chaiselongue von Charles und Ray Eames.
Hinter einer grün getünchten Wand befindet sich die Schaltzentrale des Unternehmens Ulf Moritz. Eine Art Steh-Office, Faxgerät, Scanner, Telefon, das im Wechsel mit dem Handy heiß läuft. Jeder will was: Wie sieht der Messestand aus? Wann werden die Muster geliefert? Welche Farben? Können Sie eine Ausstellung machen? Schwierigkeiten in der Weberei? Ulf Moritz kümmert sich um jedes Detail. Wo und wann entwirft er? Der eigentliche Entwurfsraum ist im ersten Stock untergebracht. "Da gehe ich aber nie rauf. Höchstens einmal die Woche." Oben arbeiten ein bis zwei Praktikantinnen und nach Bedarf freie Mitarbeiter. Er hat für alles Experten, einen für Messebau, eine Französin für die Farbberatung, einen Computerspezialisten, Weber und Sticker. "Ich mache eigentlich nichts selbst. Ich weiß, wann das Ergebnis stimmt." Ulf Moritz macht Skizzen, bestimmt das Material. Und dann kommen von Zeit zu Zeit die Mitarbeiter nach unten, um die Fortschritte zu präsentieren.
Die Entwicklung neuer Stoffe bedeutet für alle Beteiligten, bis an die Grenzen zu gehen, besser noch: darüber hinaus. Für seine exklusiven Gewebe arbeitet Ulf Moritz mit kleinen familiengeführten Webereien zusammen. Seide lässt er in Italien weben, Viskose, Baumwolle und technische Materialien in der Schweiz, Leinen in Belgien. Da gibt es die jeweils besten, nur sie beherrschen die teilweise uralten Techniken, mit denen die hochmodernen Textilien geschaffen werden. Dabei legt Ulf Moritz Wert darauf, dass keine Kunstprodukte geschaffen werden. Das verlangt der Industriedesigner in ihm.
Sein Credo lautet: "Ich will Produkte entwerfen, die bezahlbar sind." Durch stetige Perfektion des Produktionsprozesses gelingt ihm das auch. Die textilen Wunderwerke werden für vergleichsweise bodenständige Beträge am laufenden Meter verkauft. Sein Handwerk und das Wissen, wie man Wunder vollbringt, hat Ulf Moritz an der Textilingenieurschule in Krefeld bei einem der Großen der Zunft gelernt.
Ganz zufällig, im Wortsinn. Er wollte Mode studieren, verirrte sich aber in die Vorlesung von Professor Georg Muche, dem ehemaligen Leiter der Webklasse am Bauhaus. Beeindruckt von dessen Ausstrahlung und Kompetenz, entschied er sich für das Textildesign. Heute leitet Ulf Moritz selbst einen Fachbereich an der Design Academy Eindhoven.
Am nächsten Mittag sitzt Ulf Moritz wieder da, wo er mittags immer sitzt. Bei Broodje mit Lachs zu Rosé genießt er die letzte Sonne im Spätherbst.
Eine unverkennbare Erscheinung: indianisch schwarzes Haar, ausgeprägter Seitenscheitel, grüne Augen, braungebrannt im schwarzen Prada-Anzug, mindes-tens zehn seiner Lebensjahre sind ihm nicht anzusehen. Vielleicht hält es jung, wenn man wie er regelmäßig samstags bis in die Morgenstunden durch die Bars von Amsterdam streift und am liebsten MTV hört und sieht. Inspirationsquellen. "Vorhänge müssen sexy sein", sinniert er. "Ich würde Stoff vor dem Fenster drapieren wie einen langen Rock, den man an der Seite hochhebt und unter den Gürtel steckt." Der Stoff soll die Verbindung von innen und außen herstellen, er zieht den Blick auf sich, der dann aus dem Fenster schweift. "Ich will anmachen mit so etwas Nichtigem wie Stoffen. Schön gesagt, oder?" Ist notiert.
Am Abend wird Ulf Moritz auf der Amsterdamer Möbelmesse "De Woonbours" geehrt. Lange bleibt er im Hintergrund, vermeidet das Rampenlicht. Plötzlich schnappt er sich das Mikrofon vom Moderator und hält eine Dankesrede, die augenscheinlich auch ihn selbst bewegt. Schnell zieht er sich wieder in das schützende Dunkel hinter den Scheinwerfern zurück. Zwei Kräfte wetteifern in ihm, seine expressive und seine schüchterne Ader. Ulf Moritz ist immer um Ausgleich bemüht. "Wenn ich Wohnungen in anonymen Hochhausschluchten gestalten sollte, würde ich sie vollstopfen mit Krempel aus 1001 Nacht." Sein altes Bauernhaus in Südfrankreich mit schiefen Wänden hat er stofflos und cool eingerichtet. Mit seiner Kollektion verfolgt er andere Absichten.
Der Trend geht zum Üppigen, schätzt er, nein, weiß er. Und er wird wieder einmal der Erste sein. "Es gibt viel Gold, aber ich werde beweisen, dass es nicht kitschig und pompös aussehen muss." Da spricht der Avantgardist. Und der Erfolgsdesigner. Er provoziert und schafft dabei Harmonie. Seine Ziele formuliert er ähnlich paradox. "Ich will Stoffe machen für Leute, die keine Stoffe mögen." Und: "Ich möchte die Menschen verführen, die schon alles haben." Unmögliches erreichen. Bei Ulf Moritz klingt das plausibel.