ARCHITEKTUR: MUSEUM DER NATIONEN

 

Bezogen wurde das UN-Hauptquartier in New York 1952. Seitdem ist es nahezu unberührt geblieben. Auch vom technischen Fortschritt. Jetzt, nach fast 60 Jahren, wird das architektonische Symbol für Frieden und Völkerverständigung entkernt und restauriert. Aber vorher zeigen wir es noch mal in alter Pracht. TEXT Jan van Rossem FOTOS Robert Polidori

Noch einmal wurden große Reden geschwungen, meist viel länger als die erlaubten 15 Minuten. Als zu Beginn der letzten Sitzungsperiode Irans Präsident Ahmadinedschad und Libyens Staatschef Gaddafi  ihre Tiraden vom Pult der Great Assembly Hall, der Generalversammlung, schmetterten, hatten die Auftritte den Beigeschmack eines donnernden Schlussakkords. Natürlich wird die UN nicht aufgelöst, aber es war insofern passend, als die ehrwürdigen Gebäude bald geschlossen werden. In den nächsten vier Jahren werden sie sukzessive grundsaniert. 

Noch aber kann man besichtigen, wie es aussah, als sich die Welt entschloss, ein friedliches Zusammenleben der Völker zu organisieren. Noch kann man das Hauptquartier der United Nations in New York nahezu im Originalzustand erleben. Bis heute wurde das 1951 fertiggestellte und ein Jahr später bezogene Ensemble aus Sekretariatshochhaus, Konferenzgebäude (mit dem Saal für den Weltsicherheitsrat), der Halle für die Generalversammlung und der 1961 gebauten Dag-Hammarskjöld-Bibliothek am Ufer des East River weitestgehend unberührt gelassen. Jahrelang wurden die Pläne für eine Grundsanierung und Modernisierung verschoben, geändert, wieder verworfen. Jetzt haben sich die Vereinten Nationen doch endlich entschlossen, das gewaltige, mit fast 1,9 Milliarden Dollar veranschlagte Projekt in Angriff zu nehmen.

Oberstes Ziel der Restaurierung wird neben Aspekten wie Energieeffizienz, erhöhter Sicherheit und technischen Modernisierungsmaßnahmen die Bewahrung des architektonischen und ästhetischen Geists der Bauwerke und ihrer Interieurs sein. Da bisher nie umfangreiche Renovierungsvorhaben realisiert wurden, präsentiert sich das UN-Hauptquartier als eine Architektur mit lebendiger Geschichte, als ein intensiv genutztes Museum der Internationalen Moderne.

Vor allem aber steht das Gebäude wie kein zweites als Symbol für Frieden und Völkerverständigung. 1947 beginnt ein zehnköpfiges internationales Architektenteam, sich intensiv mit den Planungen für das Hauptquartier der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten United Nations (UN) zu beschäftigen. Maßgebend für die Zusammensetzung der Gruppe ist in erster Linie die Herkunft der Planer. Sie mussten aus einem der bedeutenden Gründungsstaaten kommen, erst in zweiter Linie zählt ihre Reputation. Trotzdem sind internationale Stars am Werk: allen voran der französisch-schweizerische Visionär Le Corbusier und der junge Brasilianer Oscar Niemeyer. Die beiden sind es auch, die das Bild des UN-Ensembles prägen.

Vorsitzender des Gremiums ist allerdings ein Amerikaner: Wallace Harrison, der über exzellente Beziehungen zum Rockefeller-Clan verfügt. John D. Rockefeller hatte das knapp sieben Hektar große Grundstück (das entspricht etwa sieben Fußballfeldern) zwischen East River und 1st Avenue, zwischen 42. und 48. Straße für 8,5 Millionen Dollar erworben und der UN gestiftet. Ein abstoßendes Viertel von Schlachthöfen und Slums, was vor allem Le Corbusier missfällt. Er bleibt aber in der Planungskommission. Nur vier Monate lang entwirft das Architektenteam zusammen, in dieser Zeit entstehen die Pläne für das, was der leitende Architekt Harrison als „workshop for peace“ bezeichnet.

„Auf jeden Fall ist es das bekannteste Gebäude des 20. Jahrhunderts“, sagt Michael Adlerstein. Adlerstein, der schon die Freiheitsstatue und das Taj Mahal saniert hat, ist Direktor des Restaurierungsprojekts. Er ist ein groß gewachsener Mann mit dunklen Haaren, dunklen wachen Augen und einem festen Händedruck. „Sie können ein Foto vom Hochhaus irgendwo in der Welt zeigen, die Leute wissen: Das ist die UN.“ 

Das 39-stöckige Sekretariatshochhaus beruht weitgehend auf den Visionen von Le Corbusier. Hundertprozentig zu verifizieren sind die Autorenschaften für einzelne Gebäudeteile nicht mehr. So auch nicht die kolportierte Anekdote, dass Le Corbusier eines Tages alle Entwurfsskizzen von der Wand gerissen haben soll – bis auf die eigene. In diesem Fall heiligt das Ergebnis die Mittel: Das Äußere des Sekretariatshochhauses besteht aus zwei schmalen weißen, vertikalen Marmorscheiben im Norden und im Süden, die zum East River im Osten und Richtung Times Square im Westen mit zwei ausgedehnten Glasspiegelfronten verbunden sind, rhythmisch unterbrochen nur von horizontalen Aluminiumgittern. Manchem ehrfurchtsvollen Betrachter vermittelt das Gebäude die Kühle und Strenge eines Schneeköniginnen-Palasts. Le Corbusier, der geistige Vater dieses ersten New Yorker „Curtain-Wall-Skyscrapers“, schätzte den Bau in der ihm eigenen Bescheidenheit als „äußerst bereichernd für die New Yorker Stadtsilhouette“ ein. Tatsächlich sehen danach viele Experten den Grund für die breite Anerkennung der Architektur nicht in erster Linie in ihrer funktionalen Klarheit und den innovativen Qualitäten, sondern in ihrer formalen Schönheit.

 

Michael Adlerstein unterlässt nicht, immer wieder den bedeutenden Anteil des im Vergleich zu den beiden Stars Le Corbusier und Niemeyer international relativ unbekannten Teamleiters Wallace Harrison zu betonen. (Er war unter anderem am Bau des Rockefeller-Centers beteiligt und hat den New Yorker LaGuardia-Flughafen konzipiert.) Nicht nur dass Harrison eigene Pläne in der Schublade hatte, die von den Ideen von Le Corbusier gar nicht so weit entfernt waren, vor allem war er der ausführende Architekt: Die Realisierung dieses neuartigen Baukörpers mit seinen vielschichtigen, kommunikativen und weitgehend unhierarchischen Funktionsebenen ist sein Verdienst. Die übrigen Architekten der Kommission waren, als die Bauarbeiten begannen, längst mit anderen Projekten beschäftigt. So ist das Hochhaus ein äußerst gelungenes Beispiel für die Bündelung internationaler Kräfte und Fähigkeiten, oder, wie es der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas auf den Punkt brachte: „Ein Gebäude, das ein Amerikaner nicht hätte entwerfen und ein Europäer nicht hätte erbauen können.“

Das Sekretariatshochhaus ist weitgehend leergeräumt, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter werden teils in angemieteten Büros in der Umgebung eingerichtet, teils in dem temporären Bau auf der grünen Wiese des UN-Geländes untergebracht. Dort beziehen auch der Generalsekretär und seine Mitarbeiter für die Dauer der Restaurierung ihre Büros. Immerhin bleiben sie so auf internationalem Territorium. Denn am Zaun, der das Areal umgibt, endet der Hoheitsbereich der USA. Dahinter gilt internationales Recht. Die UN hat ihren eigenen Sicherheitsdienst, ihre eigene Post mit eigenen Briefmarken. Aber es gibt Kooperationsvereinbarungen mit der Stadt New York. Mit der Feuerwehr zum Beispiel. Dass jetzt renoviert wird, hängt auch damit zusammen, dass UN-Mitarbeiter fürchten, das New Yorker Fire Department würde nicht mehr zum Löschen anrücken, so viele Verstöße gegen die Brandschutzbestimmungen haben sich hier angesammelt.

Das nördlich anschließende Great Assembly Building bildet in jeder Hinsicht den totalen Kontrast zu der Hochhaus-Ikone. Weder ein Europäer noch ein Amerikaner zeichnet für den Entwurf verantwortlich. Schon am Äußeren des konkav geschwungenen, zur Nordfront dramatisch emporsteigenden Gebäudes ist eindeutig die Handschrift des seinerzeit noch nicht einmal 40-jährigen Brasilianers Oscar Niemeyer zu erkennen. Das nach außen verschlossen wirkende Haus für die Generalversammlung ist ein enigmatisch gekrümmtes Bauwerk ohne echten Fokus, was man durchaus, auch wenn das nicht der Grund für die Planung gewesen sein mochte, als symbolisch für den Geist dieser Einrichtung ansehen kann.

Das abgesehen von seiner expressiven Gestalt sehr zurückgenommene Great Assembly Building entfaltet seine Pracht und Eleganz in der alle Geschosse einnehmenden Eingangshalle. Die bietet ein so imposantes Bild, dass Alfred Hitchcock sie im Studio originalgetreu nachbauen ließ, weil er für seinen Klassiker „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“) mit Cary Grant keine Drehgenehmigung in der UN erhielt. Und das für eine Szene von vielleicht zwei Sekunden. Der Erste, der eine Drehgenehmigung im UN-Hauptquartier bekam, war Sydney Pollack für seinen Thriller „The Interpreter“ („Die Dolmetscherin“, 2005) mit Nicole Kidman und Sean Penn, der sich abgesehen von der spannenden Story vor allem durch wunderbare Einsichten in die wichtigsten Räume auszeichnet.

Das Innere der Halle schmücken goldene Säulen, die gleichzeitig eine Funktion ausüben: Sie sind hohl und transportieren die Abluft der Klimaanlage. Auffälligste Merkmale in der Halle sind die Balkone der einzelnen Etagen, die sich in Wellen durch den Raum winden. In der ersten Etage endet der Balkon an einer theatralisch herabsinkenden Treppe. Die war als Aufgang für die Delegierten gedacht, ist aber dauerhaft abgesperrt. „Man kann sie“, erklärt Werner Schmidt, UN-Sprecher für alle Fragen, die mit der Restaurierung zu tun haben, „getrost als eine der schönsten Fehlkonstruktionen der Architekturgeschichte bezeichnen. Das Treppenmaß ist quasi nicht begehbar. Irgendwann fangen alle an zu stolpern.“

 

Auch in der Eingangshalle des Great Assembly Building mussten Zugeständnisse an die Feuerwehr gemacht werden. Eine massive graue Metalltür engt jetzt den eigentlich großzügigen Eingangsbereich für die Delegierten optisch ein. Aber Werner Schmidt beruhigt: „Wenn wir fertig sind mit dem Umbau, brauchen wir die Tür nicht mehr. Dann wird alles wieder in den Originalzustand zurückgeführt.“

Das jedenfalls ist der erklärte Anspruch, den die zuständige Abteilung mit dem „Capital Master Plan“ unter Leitung von Michael Adlerstein verfolgt. „Man soll auch nach der Renovierung in den Gebäuden das Jahr 1952 fühlen. Wir werden“, verspricht Adlerstein, „alle wichtigen Details erhalten.“ Anfang der 50er-Jahre wurde gerade Edelstahl entwickelt und überall in den UN-Gebäuden eingesetzt. „Leder galt als old fashioned. Der letzte Schrei war Norgahyde, ein Kunstleder“, verrät der Direktor, und verspricht mit einem schelmischen Grinsen, alle Möbel, auch die Barcelona-Chairs, in den breiten Fluren und den verschiedenen Lobbys wieder damit zu beziehen. 

Allerdings wird die ganze Autorität seiner Erfahrung und Kenntnisse nötig sein, um einem möglichen Aufschrei nach Beendigung der Modernisierungsarbeiten begegnen zu können. Die charismatischen grünen Fensterfronten sind nämlich im Lauf der Zeit mehrmals mit Schutzfolien überzogen worden. „So grün wie jetzt waren sie ursprünglich nicht“, sagt Adlerstein. Aber wer weiß das schon außer ihm? „Wenn wir fertig sind, werden sie eher blaugrau schimmern.“



 


 
 
 
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