Sie ist eine moderne Nomadin und verknüpft Erfahrungen aus Ost und West zu einem multikulturellen Stilmix. Für ihre gestalterische Weitsicht wählte die Redaktion Paola Navone zum A&W-Designer des Jahres 2000.
Text: Meike Winnemuth
Fotos: Maria Vittoria Backhaus
Produktion Thomas Niederste-Werbeck
"Warum warten Sie nicht einfach in Paolas Wohnung? Sie muss gleich kommen." Das war vor zwei Stunden. Und wenn man zwei Stunden allein in Paola Navones Wohnung verbringt, passiert etwas Merkwürdiges: Das Warten wird zum Erlebnis.
Die Böden des ehemaligen Gorgonzola-Käselagers in Mailands Naviglio-Viertel sind mit türkisblauen marokkanischen Fliesen belegt, kühl wie die See, die Wände mit kobaltblauem Pigment gestrichen. Es gibt tiefe weiße Sessel und Sofas, einen Plantagenstuhl, einige wacklige American-Folk-Art-Tischchen und mexikanisches Bauernsilber. Kein einziges Möbel steht hier, das auch nur ein bisschen nach Design riecht. Und doch finden sich verblüffende Schätze.
Um den Esstisch mit der Zinkplatte stehen zum Beispiel verblichene, grob zusammengenagelte Stühle: wertvolle Thonet-Sammlerstücke aus der Prä-Bugholz-Ära, wie sich später herausstellt. Daneben muss man sich tief bücken, um nicht mit dem Kopf an die mächtigen Balken zu stoßen, die in so halsbrecherischen Winkeln von der Decke kommen, als ob sich das Dach verwurzeln wollte. Eine Wohnung ist das wie Ferien am Meer, kühl und warm zugleich.
Draußen dämmert es schon, als mit Wucht die Haustür aufgestoßen wird. Es rappelt auf der Treppe, eine Frauenstimme ruft atemlos "Hellohellohello", und dann ist sie da. Wirft ihre schwere Tasche zu Boden, entschuldigt sich für die Verspätung, mixt Drinks, zieht die Jacke aus, schneidet Brot, redet, lacht, fährt sich durch die kurzen Haare, alles in einem Affentempo. So also macht sie das. So hat sie drei fette DIN-A3-Ordner mit Entwürfen aus dem Jahr 1999 gefüllt, die ihre Assistentin aus dem Studio herbeigeschleppt hat.
Mit ein paar Stühlen gibt sich Paola Navone gar nicht erst ab. In nur einem Jahr entwirft sie drei Sessel-Kollektionen für Gervasoni und zwei Bettenprogramme für Orizzonti, eine Kollektion für Oltrefrontiera, eine Möbelkollektion von asiatischer Schlichtheit für Casamilano, ein Salatbesteck für Driade, einen Showroom für die Modefirma Piazza Sempione und drei Ausstellungen in Florenz und Paris. All das ersinnt sie pendelnd zwischen Mailand, wo sie ihr Studio hat, Hongkong, wo ihr Lebensgefährte Claudio Mayer seit 20 Jahren um die chinesisch-europäischen Handelsbeziehungen ringt, und praktisch jedem anderen Ort auf der Welt. "Ich weiß nicht, was Heimat ist", sagt sie, während sie sich auf dem Sofa zusammenrollt, "ich schlafe nie länger als eine Woche im selben Bett." Das klingt halb müde und halb stolz.
Das Interview, nein, das verschieben wir am besten gleich auf morgen. Erst essen, dann reden, schließlich sind wir in Mailand, und was hat sie denn auch groß zu sagen? Schon schnappt sie sich wieder die Jacke und eilt zu dem kleinen Restaurant an einem der vertrockneten Kanäle, die das Viertel durchziehen, Überreste von Leonardo da Vincis genialem Kanalsystem. Sie ordert eine Flasche Rotwein, versorgt flüs-ternd mit dem nötigsten Wissen ("Der Wirt ist früher zur See gefahren, und das da ist seine fünfte Frau"), bestellt als Vorspeise Sardinen in sauer und als Hauptgericht Sardinen gebraten ("Was soll ich tun?
Mir ist einfach nach Sardinen") und plaudert mit den anderen Gästen.
Claudio Mayer wiederum, ein großer, würdevoll melancholischer Triestiner, der mit einem abgewetzten Lederkoffer in der Hand direkt vom Flughafen ins Restaurant gekommen ist, erzählt Anekdoten über Paola. Wie sie vor einem feinen Hotel in Hongkong eine Chinesin am Kragen aus dem Taxi zerrte, weil die sich frech vorgedrängelt hatte nicht etwa, um das Taxi dann selbst zu besteigen, sondern als ritterliche Geste für einen, der noch länger als sie selbst in der Warteschlange gestanden hatte.
Oder wie sie vor demselben feinen Hotel mit einem abgewrackten Lieferwagen vorfuhr und mit Hilfe der Pagen ihre Flohmarktbeute Stühle, einen Tisch, ein Sofa ablud.
Eine Kämpferin, impulsiv, eigensinnig, das war sie immer, sagt sie. Und freiheitsliebend, voller Fernweh. Mit vier Jahren lief sie zum ersten Mal von zu Hause in Turin fort, nach dem Architekturstudium lebte sie ein Jahr in Kamerun, war Mitglied der legendären Gruppe Alchimia um Alessandro Mendini und Ettore Sottsass, reiste für einen Entwicklungsfonds durch Thailand, Indonesien, Malaysia und die Philippinen, um das dortige Kunsthandwerk exporttauglich zu machen. Die schlichten Möbel aus einfachen Materialien und in natürlichen Farben, die sie in diesen Ländern sah, waren die Inspiration für ihre Firma Mondo, die sie 1988 mit Giulio Cappellini gründete.
Ihre ersten Produkte richteten sich gegen das intellektuelle italienische Design und wurden von der feinen Mailänder Design-Community schnöde abgetan:
schmiedeeiserne Betten, Rattanstühle in matten Gewürzfarben, weißgekalkte Schränke, mit eisernen Nägeln beschlagen, großkarierte Sessel, gemütlich wie ein Großmutterschoß. Mit Mondo hat Paola Navone den Landhaus- und den Ethnolook vorweggenommen, der in den folgenden Jahren eifrig kopiert und blendend verkauft wurde. "Die Leute", davon ist sie überzeugt, "wollen nicht darüber nachdenken, was dieser und jener Sessel über ihre Persönlichkeit aussagt. Sie wollen einfach einen bequemen Sessel mit Wärme und Charakter haben" Möbel für Leib und Seele.
Schon ihre erste Mondo-Kollektion hieß ganz entspannt und selbstironisch "Déjà-vu". In der Tat sehen ihre Möbel immer aus wie alte Bekannte, auch wenn man sie noch nie gesehen hat. Es ist, als ob Paola Navone einen tiefen Griff in das Möbellager des kollektiven Unbewussten getan hätte. Ihre Design-Revolution bestand in der Abschaffung einer erkennbarem Handschrift, in einer Liebeserklärung an überliefertes Handwerk, einem unbekümmert globalen Stilmix, in einer neuen Bescheidenheit der Formen und des Materials.
So lebhaft, so einnehmend Paola Navone in ihrer Koboldhaftigkeit ist:
Selbstdarstellung ist ihr fremd, als Name auf einem Etikett bekannt zu werden interessiert sie nicht. "Ich verstehe die Leute nicht, die nach Designernamen kaufen. Wenn ein Ding ein Label hat, ist das für mich schon fast ein Grund, es nicht zu kaufen. Es sei denn, das Schild lässt sich mit einer Nagelschere raustrennen." Sie zupft achtlos an ihrem T-Shirt. Ihre Möbel gleichen solchen Shirts, sind Basics, von denen kaum einer weiß, wer sie hergestellt hat.
Der Abend ist vorbei, und zumindest für heute hat sich die Navone-Doktrin
durchgesetzt: nicht reden, fachsimpeln, sondern leben. In ihrem winzigen Gästezimmer unterm schiefen Balkendach schläft es sich wie damals beim Zelten in Griechenland, dieser tiefe, zufriedene Schlaf nach zu vielen Sardinen und zu viel Wein.
Zweiter Tag, zweiter Versuch. Aber erstmal auf einen Cappuc-cino und ein Brioche in die Bar, fordert sie. Eine letzte kleine Flucht: Sie hat wirklich keine Lust, über sich zu sprechen. "Wen soll das interessieren?" stöhnt sie.
Sie habe nicht die geringsten mütterlichen Gefühle für ihre Entwürfe, sagt sie. "Ich kann mich nun wirklich nicht mit einem Aschenbecher identifizieren. Der ist doch kein Ausdruck meiner Persönlichkeit." Gibt es denn einen Paola Navone-Stil? Langes Schweigen. Nein, den könnte sie wirklich nicht beschreiben. Von den grellbunten Comicmöbeln für Alchimia über den ländlichen Chic von Mondo bis hin zu den hochmodernen Stühlen aus Aluminium und Rohleder-Geflecht für Gervasoni ihr Stil ist das Missing-Link, vereint alle Gegensätze, Kopf und Hand, Technik und Natur, Stadt und Land, Ost und West. In ihrem viel gepriesenen "Andaman" zum Beispiel, einer mächtigen Insel von einem Bett, paart sich die strenge japanische Rahmenform in Tatami-Maß mit einer westlich weich gefederten Matratze das Beste zweier Welten in perfekter Harmonie.
Für Paola Navone liegen diese Welten gar nicht so weit auseinander. "Ich sammle zum Beispiel chinesische Keramik der Liao-Dynastie, um das Jahr 1000.
Wer sich da nicht auskennt, würde schwören, das sei provenzalisch, 18.
Jahrhundert. Mich faszinieren solche Kor- respondenzen, die anzudeuten scheinen, wie Ideen um die Welt reisen." Sich selbst betrachtet sie als eine Art Katalysator für diese umherschweifenden Ideen. "Mein Kopf ist eine globale Müllhalde, alles liegt darin wild durcheinander. Ich überlege nie, was ich davon hervorholen will. Es ist Zufall, was gerade an die Oberfläche steigt." Keinerlei Sendungsbewusstsein treibt sie. Nie entwirft sie aus purer Schaffensfreude, immer nur im Auftrag einer Firma. Dann aber kriecht sie so tief unter die Haut ihrer Klienten, dass die sich völlig wiederfinden in ihren Entwürfen. Gervasoni und Orizzonti vertrauen ihr so sehr, dass sie ihr die kreative Alleinherrschaft übertragen haben.
Ortstermin. Der Showroom der Modefirma Piazza Sempione ist ein ehemaliges Weinlager im Naviglio, auf den ersten Blick ein angenehm zurückhaltender Raum, perfekt für die Präsentation der angenehm zurückhaltenden Kleider.
Weiße Wände, grauer Betonboden. Erst auf den zweiten Blick sieht der Besucher die schimmernde Perlmuttfarbe, mit groben Quastenstrichen auf die Wand gebracht, die Paravents aus schwarzem Bambus, die knöchelhohen Tische für Ta-schen und andere Accessoires, die, tiefer gelegt, plötzlich unendlich begehrenswerter wirken als in Griffhöhe.
Ebenso reizend der Schriftzug "Piazza Sempione" an der weiß gefliesten
Eingangswand: Buch-staben wie aus Lebkuchenteig geformt, tatsächlich aber aus Bronze gegossen eine kindlich verspielte Idee, in ehrwürdiges Handwerk umgesetzt. Den ins-tinktiven Einfall so ernst zu nehmen, dem Gefühl zu vertrauen, das ist ihre Stärke. Weibliche Stärke? Da winkt sie ab. Dass sie eine der wenigen Frauen ist, die in Design oder Architektur Karriere gemacht haben, ist für sie kein Thema. "Ich weiß nicht, warum es so wenige Frauen in diesem Job gibt. Vielleicht, weil italienisches Design immer sehr an der Industrie orientiert war. Unsinnlich, undekorativ." Der Mensch ist das Maß ihrer Dinge. Seine Bedürfnisse. Und dass er ein Bedürfnis nach noch mehr Zeug haben soll, glaubt sie nicht. "Wir brauchen neue Medikamente, aber keine neuen Stühle. Wir müssen uns nur an die erinnern, die es schon gibt." Ihr Traumprojekt ist daher auch, hoffentlich bald, einen ganzen Ort des Wohlergehens zu gestalten, ein Spa, ein Wellness-Resort, vielleicht auf einer der kleinen griechischen Inseln. Ihre Vorstellung von Glückseligkeit wäre dann, einen Masseur in Rufweite zu haben.
In zwei Tagen ist die Woche im Mailänder Bett um, dann muss sie nach Malaysia, wo sie einer kleinen Manufaktur mit ein paar Ideen hilft, weil sie das Ehepaar mag, das die Fabrik leitet. Und dann weiter um die Erde, Unbekanntes sehen, Bekanntes wieder entdecken, aus allem eine neue Welt erfinden. Natürlich weiß sie doch, was Heimat ist, diese moderne Nomadin: Zu Hause ist sie bei sich selbst.