Stephen Burks steht für das neue Amerika Barack Obamas: jung, schwarz, energisch und ökologisch engagiert. Alfredo Häberli, A&W-Designer des Jahres 2009, ernannte den New Yorker für den Audi-Mentor-Preis by A&W.
TEXT Nadine Sieger FOTOS Noah Kalina
Nur noch die Antarktis fehlt. Dann hat Stephen Burks alle sieben Kontinente in seinem Portfolio. Der afro-amerikanische Designer ist für seine Projekte auf der ganzen Welt unterwegs. Gerade ist er aus Südafrika und dem Senegal zurückgekehrt. Nächste Woche trifft er sich mit Kunden in München und Paris. Und auch in Australien, Süd- und Nordamerika sowie in Asien hat er mit seinen Entwürfen schon Spuren hinterlassen. „Ja stimmt, die Antarktis ist tatsächlich der einzige Kontinent, auf dem ich noch nicht gearbeitet habe“, sagt der 39-Jährige und lacht. Er lacht viel. Auch wenn es sich bei seiner Arbeit häufig um ernste Themen dreht. Er hält inne. Seine Stirn legt sich in Falten. Denn halt – auch für die entlegensten Orte der Welt hat Burks ein paar Ideen parat. „Ich überlege schon länger, wie man mit den Inuit in der Arktis kooperieren könnte, um Lösungen für das Nomadenleben und den erzwungenen Wandel durch die globale Erderwärmung zu schaffen“, sagt er, und man kann förmlich dabei zuschauen, wie hinter den Stirnfalten spontan erste Ansätze dafür entstehen.
Neue Konzepte erarbeiten. Innovative und umweltfreundliche Herstellungsverfahren entwickeln. Einflüsse verschiedener Kulturen miteinander verschmelzen lassen. Das sind die Themen, die Burks am Herzen liegen. „Man findet auf der ganzen Welt Menschen, die in feinster Handarbeit wunderbare Dinge herstellen“, schwärmt er. Im Austausch mit Handwerkern in Indien, Südafrika und Peru hat Burks schon viele neue Designansätze entwickelt. Im Gegenzug öffnet er den lokalen Produktionsstätten neue Märkte. Für diese Menschen ist Burks nicht nur Designer, sondern auch Vertrieb. Er verbindet traditionelle Handarbeit mit modernen Technologien – die Erste mit der Dritten Welt.
So hat er für die umweltfreundliche „Love Collection“ von Cappellini Vasen und Schalen entworfen, die Arbeiterinnen in Südafrika bekleben. Manuell werden Mosaiksteinchen aus recyceltem Glas mit elastischem Silikon verklebt. Bis Burks auftauchte, fertigten die Handwerkerinnen Nelson-Mandela-Porträts für Touristen an. Auch die Tische, die Burks für die „Love Collection“ entworfen hat, werden in Südafrika per Hand mit Zeitungsschnipseln beklebt. Auf die Idee, recycelte Papierstreifen als Oberflächenstruktur zu verwenden, ist er beim Unzug gekommen. „Wir wollten unsere alten Magazine loswerden. Während wir am Reißwolf standen, dachte ich, wie logisch es wäre, diese Abfälle als Material für ein neues Objekt zu verwenden“, erzählt er. Mit seinem Design will er neue Blickwinkel eröffnen. Deshalb hat ihn Alfredo Häberli, der A&W-Designer des Jahres 2009, zum Träger des Audi-Mentor-Preises by A&W ernannt. Der Ingolstädter Autobauer führt mit Häberli und Burks im Mai einen Workshop durch. „Es ist für uns eine kulturelle Pflicht, über den Tellerrand zu schauen und mit Kollegen aus anderen Kreativdisziplinen Austausch zu pflegen“, erläutert Stefan Sielaff, Leiter Audi Design, die Kooperation. (Über das Ergebnis berichten wir in einer der nächsten Ausgaben.)
Wiederverwertung ist ein Aspekt, der immer wieder in Stephen Burks’ Werk auftaucht. Als das Beauty-Imperium Estée Lauder ihn beauftragte, das neue Designkonzept für einen Missoni-Duft zu kreieren, kleidete er die Flakons mit recycelten Stoffresten des Modehauses ein. Für ihn der naheliegendste Gestaltungsansatz. „Natürlich will ich Dinge entwerfen, die Menschen auch visuell ansprechen“, sagt Burks, „aber die Welt steht heute vor großen wirtschaftlichen, ökologischen und humanitären Herausforderungen, und ich finde es wichtig, auch als Designer soziale Verantwortung zu übernehmen.“ Seit Jahren engagiert er sich für Non-Profit-Organisationen wie Aid to Artisans, die sich für die Förderung von Infrastrukturen in Dritte-Welt-Ländern und umweltschonende Herstellungsverfahren einsetzen.
„Ich weiß, dass ich mit meinem Design nicht die Welt retten kann, aber es geht mir darum, etwas zu schaffen, das im Kontext mit der heutigen Zeit Sinn macht. Objekte, die eine Bedeutung haben.“ Das Resultat sind Projekte wie „Kick the Habit“, ein Fußball, der in Kapstadt aus weggeworfenen Plastiktüten hergestellt werden soll. Das Ziel: die südafrikanische Metropole bis zur Fußballweltmeisterschaft 2010 von allen Abfalltüten zu befreien.
Seine Basisstation, das Designstudio Readymade Projects in Brooklyn, liegt in einem der vielen alten industriellen Loftgebäude in der angesagten Gegend Williamsburg. Wo früher Zucker, Haushaltswaren und Schiffbauelemente hergestellt wurden, haben sich mittlerweile junge Künstler und Kreative angesiedelt. Langsam hört man den Lastenaufzug in den sechsten Stock rattern. Die graue Tür öffnet sich, und Burks’ Assistentin Yuko tritt mit zwei Sixpacks Budweiser in das helle Studio. Es ist Freitagnachmittag, und das Team darf heute früh ins Wochenende verschwinden. Mal keine Spätschicht, darauf spendiert Burks ein Bier. In Hochphasen beschäftigt er hier bis zu acht Mitarbeiter.
Burks hat schon als Kind in Chicago stundenlang gezeichnet und gebastelt. „Auch wenn Design bei uns zu Hause überhaupt keine Rolle gespielt hat. Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater Polizist.“ Umso mehr hat ihn die Ästhetik der katholischen Kirche beeinflusst: „Die Kirche war für mich damals ein Ort der Schönheit, die ganze Architektur, die gotischen Bögen haben mich sehr beeindruckt. Ich wollte deshalb sogar Priester werden.“ Stattdessen hat er auf Drängen seiner Mutter am Illinois Institute of Technology Architektur und Design studiert und den Abschluss in Produktdesign gemacht.
Nach einem kurzen Abstecher als Artdirector beim Uhrenhersteller Swatch in Mailand hat Burks sich 1997 als Produktdesigner selbstständig gemacht. Ein Jahr später zeigte er seine Werke auf der New Yorker ICFF und 2000 das erste Objekt auf der Mailänder Möbelmesse. Ein Regalsystem, das er für Cappellini entwarf. Es folgten Möbel für B&B Italia, Moroso, Artecnica und Modus. Und er gestaltet Interieurs, auch das Büro des Regisseurs Spike Lee.
Sein aktuelles Projekt für die Ausstellung „Design for a Living World“, die ab Mai im New Yorker Designmuseum Cooper-Hewitt zu sehen sein wird, ist
eine Hommage an die Noongar, die im Einklang mit der Natur leben. Burks Objekt ist ein Totem aus wiederverwertetem Rasberry Jamwood. Die Noongar sind Aborigines, das Holz ist heimisch in Australien. Sein sechster Kontinent.