Büroklammer, Zollstock & Co. Die Unverbesserlichen

Sie sind die Helden des Alltags: die kleinen Dinge, ohne die das Leben nicht auskommt. Kronkorken, Glühbirne, Bleistift, Zollstock und viele andere Errungenschaften funktionieren noch so wie zu Beginn ihrer eindrucksvollen Erfolgsgeschichte. Weil sie ganz einfach perfekt gestaltet sind – nicht zu verbessern eben. Aber kaum jemand scheint das zu würdigen. Das empört sie sehr.

Als am Abend das letzte Licht erloschen ist, trifft sich in der Küche eine ungewöhnliche, aber illustre Runde. Auf diesen Ort hatten sich die Teilnehmer nach einigen Diskussionen geeinigt, weil viele von ihnen sich ohnehin schon meist dort aufhalten. Das Treffen wurde anberaumt, weil sich die kleinen Helfer des Alltags, die hier versammelt sind, missachtet fühlen. Sehr zu Unrecht, wie sie meinen.

Als Erstes ergreift einer der zartesten und unscheinbarsten Vertreter das Wort: „Ich darf mich kurz vorstellen, ich mag zwar vielleicht nach nicht viel aussehen, aber ich bin von keinem Schreibtisch wegzudenken, nicht einmal heute in den angeblich papierlosen Computerzeiten. Ich bin nur ein kleines Stück Draht, aber so pfiffig gebogen, dass ich mühelos und zuverlässig viele Papiere, die sinnvollerweise beieinander bleiben sollen, zusammenhalten kann. Aber ohne das Papier zu beschädigen, wie das mein roher Verwandter, die Heftklammer, tut. Mein Name ist Büroklammer. Mein Erfinder Johan Vaaler erhielt das Patent für mich 1899 vom kaiserlichen deutschen Patentamt, weil es so etwas wie Patentrecht in Norwegen damals gar nicht gab. Vaaler hatte sich das Prinzip der Elastizität zunutze gemacht, wonach auf die Dehnung eines federnden Materials ein Gegendruck mit gleicher Kraft erfolgt. Deshalb kann ich Papiere zusammenhalten.“

Die Büroklammer ist noch längst nicht am Ende: „In meiner Heimat Norwegen wurde mir sogar ein Denkmal errichtet. Eine sieben Meter hohe Büroklammer! Allerdings nicht, wie ich zugeben muss, für meinen unermüdlichen Einsatz in Millionen von Büros, nicht für mein klagloses Erdulden sinnloser Verbiegungen durch gelangweilte Büromitarbeiter, sondern weil ich während der Besatzung meines Heimatlandes während des Zweiten Weltkriegs von den Widerstandskämpfern als Erkennungszeichen am Jackenkragen getragen wurde. Ich war irgendwie ein richtiger Held, oder?“

1 2 3
Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach