Stühle, Tische und Lampen in unverwechselbarer Klarheit Klares und einfaches Design

Die Welt wird komplexer, die Sehnsucht nach Vereinfachung wächst. Der Erfolg von iPhone und iPad hängt mit der selbstverständlichen Bedienung zusammen, aber auch mit der schlichten Form. Den Trend greifen die Möbeldesigner auf.

Ein iPad natürlich!Womit ließe sich besser demonstrieren, dass man technologisch auf der Höhe der Zeit ist und doch um Designgeschichte weiß? Um den Einfluss der Moderne auf die Avantgarde? Und um die Vorbildfunktion von Dieter Rams für das Apple-Design? Als kürzlich im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung über Rams’ Werk eröffnet wurde, sah sich der Altmeister des deutschen Designs fast den ganzen Abend von einer Horde junger Fans umringt: Sie ließen sich von ihm nicht nur Katalog und Flyer signieren, sondern sogar die Rückseite eines iPad. Jetzt trägt es eine mit dickem schwarzen Edding geschriebene Signatur Rams’, als hätte er das Stück entworfen und nicht nur dem Apple-Chefdesigner Jonathan Ive Vorbilder geliefert.

Noch in den 80er-Jahren galten die schlichten Formen der Moderne meist als emotionslos, kalt, kastig und monoton. Für mehrere Gestaltergenerationen war es essentiell, sich vom Funktionalismus zu distanzieren und wilde, dysfunktionale oder kurvenreiche Entwürfe zu präsentieren. Schon mit der „Neuen Einfachheit“ der 90er-Jahre aber zeigten Designer wie Jasper Morrison, dass sie von der postmodernen Provokation genug hatten. Sie kehrten zu vernünftigen, reduzierten Formen zurück. Die Anleihen, die Apple mit seinen minimalistischen iPods oder MacBooks beim Braun-Design der 50er und 60er nahm, taten ein Übriges: Gerade junge Designer entdeckten in den letzten Jahren die Moderne als Designtradition, auf die sie sich guten Gewissens berufen können.

Die Kritik am geschmackserzieherischen Dogmatismus hat man dabei kurzerhand hinter sich gelassen. Es scheint, als ob die Welt erst jetzt – in Zeiten von Netzstrukturen, Komplexität und Digitalisierung – den Wert der Entwürfe von HfG Ulm und Nachkriegsmoderne zu schätzen lernt. Architekten und Gestalter wie Sep Ruf, Hans Gugelot oder Herbert Hirche werden nun wiederentdeckt und mit Ausstellungen und Reeditionen gewürdigt. Und so mancher junge Designfan begreift die aufgeräumten Formen als Old-School-Coolness – wahre Funktionalisten dürften sich im Grabe umdrehen.

Doch sind die schlichten zeitgenössischen Entwürfe auch Ausdruck neuer gestalterischer Vernunft? Sind sie Reaktion auf Komplexität oder Krise? Eine Gegenbewegung zu allzu Witzigem? Tatsächlich haben Themen wie Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und ethische Produktionsverfahren – so abgedroschen die Begriffe bereits klingen – dem Design neue Tiefe gegeben. Auch die Betonung des Konzeptionellen, etwa beim niederländischen Droog Design seit den 90ern, hat zu einer Auseinandersetzung mit Aspekten wie Tradition und Handlungen der Benutzer geführt. Der Technologieschub durch computergestützte Entwurfs- und Fertigungsmethoden lässt Gestalter wieder ingenieurhaft nach perfekten Formen forschen. So hat Stefan Diez mit „Houdini“ für E15 einen Stuhl entwickelt, bei dem die alte Handwerkstechnik der Verarbeitung des Formsperrholzes mit einem neuen 3-D-Fräsverfahren kombiniert wird. Andere Gestalter spielen mit kristallinen, fast expressionistischen Formen, die perfekt in die Zeit von Wire-frame-Ästhetik und digital erzeugten Renderings passen.

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Schlagworte:
Autor:
Markus Frenzl
Fotograf:
Stephan Abry