Porzellanmanufaktur Kristallglasur-Objekte

Die Porzellanmanufaktur Fürstenberg hat eine alte Glasurtechnik neu entdeckt. Besonderen Glanz entfaltet sie auf Vasen, die Architekt Hans Kollhoff entworfen hat.

Teller

Vase herstellen

Ein Entwurf aus dem Jahr 1958 von Siegfried Möller: Vase 1308 mit schlankem, glattem Körper, auf dem die zähe Glasur fließen kann.

Wie er da durch die Werkshalle marschiert, nach links und rechts auf Rollwagen voll mit Vasen und Osterhasen verweist, wie er atemlos und mit fliegenden Händen über Brennkurven und das Fließverhalten von Glasuren philosophiert, das zeigt: Dies ist ein Mann mit einer Mission. Noch vor wenigen Minuten war Horst Gottschaldt eher der zurückhaltende Typ. Er saß ruhig in seinem Büro, auf dem Tisch ein paar Schnittchen. Man plauderte über seinen Werdegang: Wie Gottschaldt schon als junger Mann das „Spiel mit dem Feuer“ liebte, bei Meissen eine Ausbildung zum Keramiktechniker machte, in der Porzellanmanufaktur zum Brennmeister aufstieg und mit der Wende nach Fürstenberg wechselte. In der niedersächsischen Manufaktur ist er nun seit 20 Jahren als Herrscher über die Öfen verantwortlich dafür, dass aus Ton feines Porzellan wird: dünnwandiges Geschirr, manches mit Goldrändern versehen, zumeist aber weiß, so wie man es von klassischem Porzellan erwartet. Horst Gottschaldt ist 61 Jahre alt geworden, das Leben hätte bis zur Rente so weitergehen können.

Hans Kollhoffs Kollektion

Vasen aus Hans Kollhoffs erster Kollektion.

Doch da passiert etwas, was der Brennmeister als Erweckungserlebnis beschreibt. In einer Ausstellung sieht er Porzellan mit einer speziellen Glasur. Es ist eine Kristallglasur, „leuchtend, glänzend und einmalig – das ging mir durch und durch“, so Gottschaldt. Seitdem dreht sich bei ihm, und bei Fürstenberg, viel um Kristalle. Um Teller, Tassen und Vasen, die anders aussehen als die der klassischen Kollektionen. Auf ihnen blühen Eisblumen wie in einem Winter von Walt Disney, bilden Schneekristalle magische Mosaike und leuchten Farbeffekte wie ein Feuerwerk, das sich in einem stillen See spiegelt. „Schade, dass heute nicht die Sonne scheint“, sagt Brennmeister Gottschaldt mit Blick auf den grauen Winterhimmel über der Weser, die unterhalb von Fürstenberg vorbeizieht. Und trotzdem: „Sehen Sie nur diesen Glanz!“

Horst Gottschaldt

Brennmeister Horst Gottschaldt trägt die dickflüssige Glasur auf eine Vase auf – die Kristalle bilden sich während des gut 50-stündigen Brennens.

Ein Jahr experimentierte er, bis es ihm gelang, das jahrtausendealte, wohl im frühen China entdeckte Glasurverfahren serienreif zu machen. Eine technische Glanztat, denn das Besondere und Problematische bei dieser Glasur ist: Jedes Teil, das nach rund 50 Stunden bei bis zu 1400 Grad den Ofen verlässt, sieht anders aus. Wo auf der Oberfläche und in welcher Gestalt sich die Kristalle bilden, ist größtenteils Zufall. Und den gilt es zu bändigen: mit einer Glasurmischung aus Ton, Silikaten, Oxiden und bis zu zehn verschiedenen Mineralien – und mit computergesteuerten Brennprozessen bei präzise vorher bestimmten Temperatur-Verläufen. So entstehen Unikate, die erkennbar aus einer Familie stammen.

Designmessen

Vasen

Ming Vase? Lava-Lampe? Auf jeden Fall sind die neuen Vasen von Hans Kollhoff besondere Hingucker.

Auf den Designmessen in Paris und Frankfurt kam die neue Kollektion „Solitaire“ gut an, Fürstenberg konnte damit neue Kunden in Australien, Asien und Russland gewinnen. Und vor allem konnte Architekt Hans Kollhoff bewegt werden, auch für das Kristallglasur-Verfahren Vasen zu entwerfen. Zwar hatte der Berliner Baumeister, bekannt ist sein Backstein-Tower am Potsdamer Platz, schon 2008 eine Kollektion für Fürstenberg gestaltet. Doch diese Vasen waren „nicht geeignet“, so Hans Kollhoff: „Wir brauchten Formen, die dem speziellen Verfahren gerecht werden.“ Brennmeister Gottschaldt erläutert das so: „Entscheidend ist die organische Geometrie“ und zeichnet eine Form in die Luft, die man auch als Playmate deuten könnte. „Die Glasur muss fließen können, über Kurven und Wölbungen laufen, sonst wird das nichts.“ Wenn ein Porzellanstück zu viele Ecken und Kanten hat, staut sich die Glasur und die Atome der Mineralien spalten sich zum falschen Zeitpunkt. Statt leuchtender Kristalle bilden sich dann hässliche Flecken.

Die erste Vase der neuen Kollhoff-Serie trifft genau den Geschmack der Fürstenberger: langer Hals, weiche Schulter, extrovertierter Körperbau – das perfekte Stück Porzellan für Brennmeister Gottschaldts Glasurrezeptur. In den Augen des Gestalters ist die Vase derart gelungen, dass sie „eigentlich eher Objekt“ sei, wie Hans Kollhoff auf die Frage antwortet, welche Blumen zu dieser exzentrischen Vase passen könnten. „Blumen“, so Kollhoff, „sind da eher verfehlt.“

Weitere Infos unter www.fuerstenberg-porzellan.com (Stichwort „Solitaire“)

Autor:
Philip Wesselhöft
Fotograf:
Jan Kopetzky