Raumkonzepte 60 m²: Stauraum als Gestaltung

Offen, hell und großzügig wünschte sich ein Werbeprofi seine verwinkelte Wohnung in Paris. Ein System aus skulpturalen Wandschränken schafft Weitläufigkeit – und viel Platz für seine riesige Comic-Sammlung.

Salon

Die Situation

Zu kleine Räume für zu viele Heftchen

Wenn man Mathieu Vinciguerra fragt, was ihm am besten an seinem Apartment in Paris gefällt, sagt er, „dass hier Stauraum dekorativ ist – und Dekoratives Stauraum bietet. Ich mag es, dass mein Apartment offen ist und dennoch voller Sachen, die niemand sieht“. Vinciguerra, Artdirector bei einer großen Werbeagentur in Paris, ist ein manischer Sammler von Comics. Mit 28 Jahren, das war 2007, konnte er ein Apartment am Boulevard de Magenta unweit des Gare de l’Est kaufen, das seine wesentlichen Kriterien erfüllte: Es hatte Dielenboden, lag nicht im Erdgeschoss, dafür zentral und verkehrsgünstig. Es handelte sich um eine typische Wohnung aus der Zeit von Baron Haussmann, der im 19. Jahrhundert als Stadtplaner Napoleons III. das Gesicht der französischen Hauptstadt radikal veränderte. Mit großen Boulevards und großen Häuserblocks wie dem, in dem Vinciguerras Apartment liegt, wegen des Lärms der Straße zum Innenhof ausgerichtet und gedacht für Arbeiterfamilien, also klein, aber mit vielen Räumen. 60 Quadratmeter sind nicht wenig für eine einzelne Person, zumal in einer Stadt wie Paris. Aber verteilt auf sechs winzige Zimmer, und angesichts der Unmengen von Comics wird es eng und verwinkelt: Allein vom Eingangsbereich gingen sieben Türen ab. Wie sollte Vinciguerra hier mit seinen Schätzen leben?

Schreibtisch

Weil für einen festen Schreibtisch einfach kein Platz war, dreht Mathieu Vinciguerra seine Arbeitsplatte bei Bedarf aus dem Tresen neben dem Eingang.

Die Idee

Stauraum schafft Größe

Offen, hell, anregend – einfach „prickelnd“ – sollte die Wohnung werden. So wünschte es sich der Werbeprofi und fand in Antoine Santiard vom Büro H2O Architectes einen Architekten, der verstand, was er damit meinte. „Man musste eine Möglichkeit schaffen, mit der Sammlung zu wohnen, ohne von ihrer Präsenz überwältigt zu werden“, erkannte Santiard – und ließ zuerst „die optische Verwirrung“ beseitigen, um Großzügigkeit zu schaffen. So wurden zahlreiche Wände eingerissen und stattdessen möglichst offene, aber in ihrer Funktion klar definierte Zonen geschaffen – zum Leben und Arbeiten, Kochen und Essen, Schlafen und Waschen. Vor die verbleibenden Mauern setzte der Architekt ein System aus maßgebauten weißen Einbauschränken und schuf so viel Stauraum – einerseits für die Comics und andererseits für alles, was sich irgendwie verbergen lässt: Fernseher, Boiler, Kühlschrank, Schuhschrank, Kleiderschrank, ein Schreibtisch zum Herausziehen. So sollte der Eindruck von Weitläufigkeit entstehen – und viel Freiraum in der Mitte.

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Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Céline Clanet/Living Inside