Ost-West-Dialog am Wasser Bayrische Villa meets Asia

Villa meets Asia und ist doch keine Thail-Villa: Der Münchener Innnarchitektin Gabriela Raible gelang das Kunststück, in einem Anwesen in Oberbayern das flair einer klassischen Villa mit modernem asiatischen Stil zu verbinden.

DIE SITUATION

Ein Ort mit Familiengeschichte. Das Haus seiner Großeltern war für einen Unternehmer aus Bayern stets der Inbegriff für Familienleben. An einem See im Münchener Umland gelegen, auf einem Grundstück am Wasser, bot es die idyllische Kulisse für Ferien, Feste und Zusammenkünfte: „Wenn es einen Ort gibt, wo die Wurzeln der Familie fühlbar waren, dann hier!“ Vor allem für ihn, der Kindheit und Jugend in Kanada verbrachte. Als die Eltern nach Deutschland zurückkehrten, blieb er dort, um den amerikanischen Zweig des Familienunternehmens für Präzisionsgeräte aufzubauen. Seit einiger Zeit lebt er nun selbst wieder in Bayern – und sogar am gleichen Platz. Das alte Haus jedoch hat er schweren Herzens abreißen lassen – die marode Substanz und der Schnitt der Räume ließen ihm keine andere Wahl. Stattdessen entstand hier eine großzügige Villa für ihn und seine Familie, deren wahre Raffinesse aber erst in den Innenräumen spürbar wird. Deren Gestaltung ist das Ergebnis einer perfekten Zusammenarbeit zwischen dem Bauherrn und der Münchener Innenarchitektin Gabriela Raible. Ihr gelang es, aus den auf den ersten Blick widersprüchlichen Vorgaben ein homogenes Ganzes zu entwickeln.

DER WUNSCH

Ein Haus mit „Feeling“. Der Bauherr hatte im örtlichen Segelklub eher zufällig von Gabriela Raibles Büro gehört – zu einer Zeit, als sein Haus gerade in der Genehmigungsplanung war. „Die Hülle“, wie er es nennt, war ein klassischer, neoklassizistischer Entwurf, der, wie gewünscht, zum Wasser und zur übrigen Bebauung in der Nachbarschaft passte. Doch seit der Unternehmer in Neuengland einmal ein Gebäude von 1733 renoviert hatte, wusste er, dass für ihn eigentlich das „Feeling“, die Seele des Hauses, im Vordergrund stand. Und aus den USA hatte er auch die Überzeugung mitgebracht, „dass ein Haus in Wahrheit von innen nach außen lebt“. Was dort als selbstverständlich gilt, ist hier manch Architekten noch ein Dorn im Auge – für Gabriela Raible jedoch die Basis ihrer Arbeit: Innenarchitektur fängt konsequent bei der Planung des Rohbaus an, findet sie. „Nicht jeder macht sich klar, dass die wesentlichen Details, etwa die Lichtsituationen, genau geplant und schon in der Bauphase berücksichtigt werden müssen.“ Auch gelte es, früh herauszufinden, wie die Atmosphäre in den Räumen sein soll. „Das Feinstoffliche erspüren und das Funktionale analysieren“ – so beschreibt sie ihre Arbeitsweise. Als der Bauherr sich von ihr die Überarbeitung der Grundrisse „von innen heraus“ wünschte, verstand sie sofort, was er meinte.

DIE IDEE

Ein Ambiente aus zwei Welten. Ein Haus von innen nach außen zu denken heißt, den Fokus konsequent auf die Lebensgewohnheiten der Besitzer und deren Wünsche zu legen und wichtige bauliche Elemente danach auszurichten. So wurde die Lage der Kamine korrigiert und der Wohnraum erweitert, der für die gewünschte Möblierung zu schmal konzipiert war. In den Schlafzimmern, die alle direkten Zugang zum eigenen Bad haben sollten, änderten sich Wandstellungen und selbst die Anordnung einiger Fenster überarbeitete das Büro Raible, jetzt, wo diese nicht mehr allein von der Fassade, sondern auch vom Raum ausbetrachtet wurden. So weit das Funktionale. Fast ein Jahr haben Bauherr und Innenarchitektin in ihrem Planungsbüro in München Schwabing alle zwei Wochen einen Jour fixe abgehalten, sind Geschoss für Geschoss, Raum für Raum, Detail für Detail des enorm großen Projekts durchgegangen. Für das, was Gabriela Raible „das Feinstoffliche“ nennt, konzentrierten sie sich früh auf zwei scheinbar konträre Welten. „Villa“ ergab sich aus dem Bau selbst, seinen klassischen Elementen und der Lage am Seeufer. Atmosphärisch hatte dem viel reisenden Unternehmer aber schon immer der moderne Thai-Stil gefallen. Die Ruhe in den Räumen, die verhaltene Farbigkeit, die Materialien. „Was ich aber nicht wollte“, betont er lachend, „war ein Thai-Bungalow im Voralpenland!“

DIE METHODE

Ein Schieber für Stimmungen. Es galt vielmehr, beide Welten miteinander zu verweben – und dafür ersann Gabriela Raible eine ebenso simple wie effektive Methode. Sie erstellte einen Schieber, der wie die Skala eines alten Radios funktionierte. An jedem Ende stand eine Themenwelt. So konnte sie mit dem Bauherrn genau ausloten, in welchem Raum die „Villa“ und an welchem Ort das Thema „Thai“ im Vordergrund stand – je nachdem, wohin der Regler wanderte. Im Salon ging er in Richtung „Villa“. Gabriela Raible schlug kassettierte Decken vor, weiße Stoffrollos und Vorhänge sowie eine klassische Fensteraufteilung. Im Wellnessbereich und bei den Bädern zeigte der Regler auf „Thai“: viel Holz und Stein, für die Wände Kalkpresstechnik, als Kontrapunkt ein „Lichtvorhang“, der, je nach Helligkeit, verschiedene Stimmungen erzeugt.

DER STIL

Leise, edel, einfühlsam. „Jeder Raum verträgt nicht mehr als zwei Solisten“ – nach diesem Prinzip komponiert die Innenarchitektin Material, Möbel und Beleuchtung. Im Schlafzimmer dominiert eine raumhohe, fast drei mal drei Meter große Schiebetür, die mit Bambus belegt ist und den Bad- vom Schlafbereich trennt. Über dem Essplatz übernimmt die Deckenleuchte die Glanz- rolle, und im Wohnbereich sorgt ein großer Buddha-Kopf für den Kontrapunkt. Der Rest, das Orchester des Ambientes quasi, ist geradlinig, zeitgenössisch und lässig-elegant. Die Klammer bilden hochwertige Materialien – Akazie für Parkett und Treppe oder graublauer Kalkstein für Bodenbeläge und Oberflächen, ihre unterschiedliche Bearbeitung, geölt, gedämpft, geschliffen oder gesandstrahlt, sorgt für Zwischentöne. Weiß in vielen Variationen ist die vorherrschende Farbe.

DAS ERGEBNIS

Weltläufigkeit und Geborgenheit. „Wir haben unsere Zahnbürsten eingepackt“, sagen Besucher jetzt gern, auch wenn sie keine drei Hausecken entfernt wohnen, und der Hausherr hat sich sein Zuhause genau so gewünscht: großzügig und offen, für die Familie, für Freunde und für Geschäftspartner, die hier selbstverständlich auch Übernachtungsgäste sind. „Morgens, bevor es in die Firma geht, treffen wir uns zum Work-out im Fitnessraum“, sagt er. Das Gebäude mag größer und moderner sein als das seiner Großeltern – aber im Grunde ist es das Gleiche geblieben: ein Ort zum Zurückkommen.

 

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Autor:
Tatjana Seel
Fotograf:
Bärbel Miebach