Raumkonzepte Das Haus in der Hülle

Wiesen, Hecken, Felder – und der Blick geht bis zum Horizont: In Westflandern baute sich die belgische Architektin Rita Huys ein minimalistisches Haus, das die Weite der Landschaft in sich aufnimmt und dabei fast selbst verschwindet.

Die Lage

Versteckt auf dem platten Land

Wie verbirgt man ein Haus in einer Landschaft, die keine Hügel, Senken oder dichten Wälder kennt? Vom Domizil der Innenarchitektin Rita Huys nahe Roeselare in Westflandern ist von der Straße aus nicht mehr als ein Stapel Backsteine zu sehen, der die Abbiegung zu einem Pfad markiert. Ansons ten: Wiesen, vereinzelt Hecken und Bäume. Dann, nach einem Stück Feldweg, zwei alte Gebäude aus Backstein – und dazwischen das neu gebaute Wohnhaus. Der lang gestreckte Bau ist ganz mit Holz verkleidet, das, von Wind und Regen verwittert, grau schimmert. Von Weitem und an bedeckten Tagen ist er kaum zu erkennen – der Schatten eines Gebäudes.

Der Anspruch

Leben mit der Landschaft

„Ich wollte mich verstecken“, sagt Rita Huys über ihren Entwurf, und das ist nicht als Ausdruck ausgeprägter Menschenscheu zu verstehen. Vielmehr stehen dahinter der Respekt vor der Umgebung und ein konsequenter Minimalismus, der für ihre Arbeit typisch ist. In den 1970er-Jahren gründete Rita Huys mit ihrem damaligen Mann das Architektur- und Interieur-Office Buro II in Roeselare, das bald in ganz Belgien Projekte realisierte, 100 Mitarbeiter und Filialen in Gent und Brüssel hatte. Vor zwölf Jahren ließ sich das Paar scheiden (Rita Huys verließ die Firma 2009), und der Bau eines eigenen Hauses mit ihrem neuen Partner war für die Architektin privat „ein Neustart“, wie sie es nennt, und beruflich das Destillat aus mehr als 30 Jahren Erfahrung.

Rita Huys

"Manchmal gehen die Leute ums Haus und suchen den Eingang. Der ist einfach eines der Schiebefenster."

Als sie das 4,5 Hektar große Grundstück 2003 kaufte, hatte der Blick den Ausschlag gegeben: Wiesen und Felder, so weit das Auge reicht, unverbautes Landschaftsschutzgebiet, „das gibt es sonst nirgends in Roeselare“. Die Aussicht bot sich auch schon von dem Wohngebäude aus den 1920er-Jahren, das am Ende des Geländes stand. Die Architektin erwog, es zu erhalten und umzubauen. Aber die niedrigen Decken im Obergeschoss missfielen ihr („ich brauche Raum um mich“), und überhaupt waren ihre Ansprüche radikaler. Sie wollte ein Haus, in dem sie mit der Natur, mit den Himmelsrichtungen und Jahreszeiten leben konnte, das also der Landschaft die Hauptrolle überlässt. Und nicht bloß das: Es sollte sich den geklinkerten Bestandsgebäuden anpassen, ohne selbst aus Backstein zu sein – das wäre, so fand sie, dann schon zu viel Rot zwischen den gedeckten Tönen der Umgebung gewesen.

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Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Angela Bergling