Drinnen auf der Gasse Familienhaus mit Tranzparenz

Eng, klein und eigentlich unbebaubar: Auf einer Parzelle in einem alten Viertel in Frankfurt realisierte Marie-Theres Deutsch ein großzügiges Haus voller Transparenz, das die historische Umgebung selbstbewusst in sich aufnimmt.

Neubau mit mittelalterlichen Elementen

Die Front zitiert mittelalterliche Elemente wie die Erker, in die extrabreite Bänke eingebaut sind.

Die Lage

In Frankfurts echter Altstadt

Ein vernachlässigtes Kneipenviertel südlich des Mains, das seine mittelalterliche Substanz zwischen historisierenden 50er-Jahre-Bauten verbirgt – das ist nicht gerade das, was man in Frankfurt als Top-Lage bezeichnet. Zu Unrecht, findet die Architektin Marie-Theres Deutsch: „Alt-Sachsenhausen ist die Puppenstube der Stadt“, sagt sie. „Man braucht zu Fuß keine sieben Minuten zum Römer!“ Und während dort in der City gerade die im Krieg zerstörte Altstadt nachgebaut werden soll, gibt es hier noch eine zu erhalten, mit den typischen mittelalterlichen Strukturen aus schmalen Gassen und kleinen Grundstücken. Für solche Stadtteile, „die noch nicht durchentwickelt sind“, interessiert sich Marie-Theres Deutsch – beruflich und auch, um dort zu leben. Als sie vor vier Jahren auf eine Baulücke mitten in Alt-Sachsenhausen aufmerksam wurde, war ihr der Straßenname Programm: Paradiesgasse.

Kaminplatz im Wohnzimmer

Der Kaminplatz liegt hinter dem Fenster im 3. Stock, der Blick geht durchs Haus.

Das Problem

Wenig Platz, zerschnitten von Fluchtwegen

Dabei galt die Parzelle eigentlich als unbebaubar. Nicht nur, weil sie gerade mal acht Meter breit und insgesamt nur 143 Quadratmeter groß ist: Auch drei Fluchtwege aus den Nachbarhäuser verliefen über das Gelände. Doch die Architektin schloss sich mit dem Ex-Banker Babo Graf von Harrach, dem Documenta-Künstler Thomas Bayrle und seiner Frau, Videokünstlerin Helke Bayrle, zu einer Bauherrengemeinschaft zusammen und entwarf ein Dreifamilienhaus mit sechs Ebenen, das sich selbstbewusst und behutsam in die historische Umgebung einfügt und auf der kleinen Grundfläche groß - zügiges, individuelles Wohnen ermöglicht.

Haus im Haus

Ein Haus im Haus ist der Alkoven mit Schiebetür im Apartment der Architektin. Dahinter liegt die Küche.

Die Struktur

Außen kleinteilig, innen großzügig

Wer die Gasse entlangkommt, hat fast den Eindruck, als wäre es dem Haus selbst zu eng in seiner Lücke: Mächtige Erker mit verglasten Fronten schieben sich weit in den Straßenraum hinein (die dafür benötigte Fläche musste die Architektin vom Straßenbauamt pachten, eine Art „Luftrecht“). Die Erker gliedern die Fassade im ersten und zweiten Stock horizontal auf ganzer Breite, dann vertikal über den dritten und vierten Stock, wo sie schließlich als Gauben vor dem Dach stehen. Hinter den Erkern liegen die Wohnungen. Sie werden durch ein separates Treppenhaus erschlossen, das von außen durch einen vertikalen Streifen aus schmalen Fensterpaaren über der Haustür erkennbar ist. „Ich wollte die Kleinteiligkeit aufnehmen, die man hier vorfindet“, erklärt die Architektin den Aufriss, der das mittelalterliche Formen - repertoire abstrahiert und überhöht. Die beiden aufgesetzten Giebelchen sind dagegen nur da, weil das Stadtplanungsamt es so wollte. „Die Fassade hätte die nicht gebraucht“, sagt Marie-Theres Deutsch trocken. Sie ersann sie sicherheitshalber als abnehmbare Konstruktion, falls die Vorschriften einmal fallen: „Vier Schnitte, und die Giebel wären weg.“

Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Christoph Theurer