Wohnung von Wolfram Beck Farbe kommt von Fühlen

Mehr Platz und mehr Klarheit: Der Malermeister Wolfram Beck nutzte den Umbau seiner Wohnung für subtile Material- und Farbexperimente. Sie geben Wänden und Böden Tiefe und schaffen ein ganz neues Raumgefühl.

Die Lage

Oase im Industriegebiet

Wolfram Beck führt einen Malerbetrieb im Industriegebiet von Dettingen bei Stuttgart. Hier arbeitet er nicht nur, hier lebt er auch mit seiner Frau Andrea, die im Büro mitarbeitet, und den Töchtern Julia, 19, und Lea, 14. Zwischen Lagerhallen, Lkw-Rampen und Asphaltflächen steht ihr Haus, ein vornehm ergrauter Kubus, der im Erdgeschoss Firmenräume und Showroom aufnimmt, im ersten Stock die Wohnung. Über die Brüstung der Dachterrasse blinzeln Formschnittbäumchen. Sie verbreiten Urlaubsflair in der Arbeitswelt. „Wir fühlen uns in dieser Umgebung wohl, und wir konnten Kinder und Job perfekt miteinander vereinbaren“, sagt Wolfram Beck, „doch irgendwann waren die Mädchen aus ihren Zimmern herausgewachsen.“ 2010 wurden 55 der 300 Quadratmeter Dachterrasse überbaut und zum Elterntrakt mit Bad und Sauna gemacht. Im alten Schlafzimmer wohnt jetzt Julia; die beiden kleinen Kinderzimmer sind vereinigt zu Leas Reich. Fast die Hälfte der 260 Quadratmeter Wohnfläche nehmen Flur, Küche, Ess- und Wohnraum ein: ein helles Loft.

Die Wandgestaltung

Fühlbar anders

Niemandem gelingt es, die Treppe zur Wohnung hinaufzusteigen, ohne die Wand zu streicheln, als wäre sie ein freundliches Haustier. Sie schimmert elfenbeinfarben, hat feine Poren und Linien wie zarte Haut. Sanft fühlt sich die Oberfläche an, warm, fast lebendig. Wolfram Beck lächelt: „Viele sind nur den Normalfall gewohnt, also Wände, die mit der Farbrolle und mit Industriepigmenten zu Tode gestrichen wurden. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Alternativen zu entwickeln.“ Der Putz besteht aus fein gemahlenem Kalkgestein aus der Region und ist nicht gestrichen, sondern geölt.

Die Philosophie

Handwerk mit hohem Anspruch

„Ich hatte schon als junger Meister genug von Raufaser und Farbtönen, die wie Pfeile ins Auge treffen“, sagt der Hausherr. Er wollte den Klienten mehr bieten als die üblichen schnellen, praktischen Lösungen: „Authentische Oberflächen, Qualität und Handwerkskunst, die einen berührt.“ Er schloss sich mit Gleichgesinnten, Meistern und Einrichtern zusammen und gründete mit ihnen 1999 eine „Wertegemeinschaft“, den sogenannten Farbrat. Die inzwischen 28 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz tagen dreimal pro Jahr zu neuen und überlieferten Techniken und stellen seit 2005 das Ergebnis der Analysen als „Wand des Jahres“ vor (siehe A&W 3/12). Kein Wunder, dass Wolfram Beck über seine Wohnung sagt: „Alle Oberflächen hier sind Prototypen.“

Autor:
Petra Mikutta
Fotograf:
Bärbel Miebach