Raumkonzepte Kalifornien in Locarno

Lage: filmreif. Architektur: reinste 50er-Jahre. Eine Villa im Tessin bekam durch eine behutsame Renovierung ihre einstige Eleganz zurück – und dank der subtilen Farbregie, mit der Malermeister Jürgen Knopp die Räume gestaltete.

DIE LAGE In der Sonne überm See

Die Hänge um Locarno sind so etwas wie die Hollywood Hills der Schweiz. Nicht nur weil die bewaldeten Bergflanken hier südlich und sanft erscheinen und es in der Stadt am Lago Maggiore im Kanton Tessin 2300 Sonnenstunden im Jahr gibt (in Hamburg: 1450). Sondern auch weil während des Filmfestivals Filmstars über die Piazza Grande flanieren und Luxus hier großzügiger und entspannter gelebt wird als anderswo im Land. Eine Straße führt aus der Stadt hoch zu den Villen am Hang: Mauern rechts und links, von den Häusern sind nur Dächer zu sehen. Hinter einem der Tore liegt ein zweigeschossiger Flachbau aus den 1950ern: das Feriendomizil eines Unternehmers aus St. Gallen. Auf der zum Berg gelegenen Nord- und Eingangsseite wirkt es verschlossen, im Süden aber öffnet sich eine komplett verglaste Front zum Garten: Alles ist ausgerichtet auf den Blick ins Tal.

DER WUNSCH Moderne mit Ferienstimmung

Die Familie hatte zuvor eine Wohnung am See. „Aber mit vier erwachsenen Kindern war sie zu klein“, so der Besitzer. „Wir suchten nach etwas Klassisch-Modernem, das dennoch Ferienstimmung ausstrahlt. In St. Gallen leben wir in einem Haus, das an die Architektur von Richard Meier angelehnt ist – clean, schwarz-weiß. Im Tessin wünschten wir uns weniger Meier und mehr Richard Neutra.“ Und tatsächlich erinnert das lang gestreckte Haus am Hang an jene Bauten, die der gebürtige Österreicher einst in Südkalifornien entwarf: Der erste Stock kragt wie ein eigener, weiß gerahmter Baukörper über dem kürzeren, leicht eingerückten Erdgeschoss. Er wird scheinbar nur an der östlichen Schmalseite von einer Natursteinwand gestützt, die sich in den Garten fortsetzt und so innen und außen, Architektur und Landschaft verbindet. Die Lage und Großzügigkeit des Gebäudes überzeugten sofort. Aber die Eleganz des Baus hatte gelitten, weil der Vorbesitzer ihn von außen mit Holz verschalt hatte, und die Ausstattung war nicht auf der Höhe der Zeit. Der Bauherr wünschte sich eine Modernisierung, die den Charakter des Hauses bewahrt und seine Grandezza mit zeitgemäßen Mitteln betont.

DIE IDEE Grandezza zum Wohnen

Das ganze Gebäude wurde bis auf den Rohbau zurückgebaut, isoliert und mit neuen installationen versehen, der erste Stock neu aufgeteilt. Außerdem sanierte man die markanten Natursteinmauern, von denen eine als Wandscheibe im offenen Treppenhaus Erd- und Obergeschoss verbindet. Der Sohn des Bauherrn – Architekt in Ausbildung – hatte die Umbaupläne gezeichnet und einen Teil der Bauleitung übernommen. Die Regie für die Innengestaltung führte Malermeister Jürgen Knopp. Dem Experten aus St. Gallen gelang es allein durch die Bearbeitung der Wände, den Räumen Eleganz und Behaglichkeit zugleich zu verleihen: Sie sind erfüllt von einer neuen, im Wortsinne greifbaren Wärme.

DIE FARBEN Fühlbar anders

Wie genau der Spezialist um die Wirkung von Farben weiß, zeigt sich schon von außen. Die verputzten Wandflächen und Garagentore in der Nordfassade strich er in einem dunklen Ton, „der materialisiert sich durch das vom Hang reflektierte Licht“. Der Effekt: Die Wand schimmert goldbraun, wie in Sonne getaucht. Auf der Südseite riet Jürgen Knopp dem Hausherrn zu Sonnenstores in Hellbau – „schon der bloße Anblick hat kühlende Wirkung!“ Innen schuf er ein homogenes Ganzes aus Küche, Ess- und Wohnbereich. Um alles in einem einzigen Raum zu vereinen, war eine Wand entfernt worden, die neu verlegten Landhausdielen aus Eiche (der Wunsch der Bauherrn) gaben mit ihrem satten dunklen Braun (der Vorschlag des Farbexperten) den Bezugspunkt für die gesamte Gestaltung. Die offene Küche konzipierte ein Küchenplaner als Paradestück minimalistischer Eleganz: ein frei stehender weißer Block und eine Nische, deren Wandverkleidung ebenso wie die Arbeitsplatten aus Naturstein in Schildpatt-Optik besteht. Die anderen Wände gestaltete Jürgen Knopp in „Terra Classico“, einem fugenlosen mineralischen Putz aus gemahlenem Naturstein, dem Erdpigmente beigemischt werden – je mehr, desto dunkler und tiefer wird der Farbton. Die Wirkung ist, je nach Lichtverhältnissen, immer anders. Hier ist es ein dunkler „Marron“-Ton, der die Wände mit dem Boden harmonieren lässt. Sie haben Tiefe und eine feine Lebendigkeit – und schaffen die Verbindung zwischen den glatten Oberflächen der Küche und dem markanten Profil der Natursteinmauern im Wohnbereich.

DIE PHILOSOPHIE Wirkung durch Subtilität

Jürgen Knopp arbeitet wenig mit bunten Tönen. „Mir ist die Struktur wichtig, die Materialität“, sagt Jürgen Knopp. „Sie wirkt auch auf großen Flächen, aber sie drängt sich nicht auf.“ Es ist das Subtile, was die Qualität seiner Arbeit ausmacht: „Der Blick darf nicht hängen bleiben, hat ein alter Kirchenmaler mir erklärt; sobald jemand sagt: ,Hier war ein guter Maler am Werk‘, hat er den Wänden schon zu viel Aufmerksamkeit geschenkt.“ Trotzdem muss man mit der Hand über die weißen Wände im Flur des ersten Stocks fahren, wo Schlafzimmer und Bäder liegen. Sie glänzen samten und sind zugleich matt: „Stucco Gressani Romano“, erklärt Jürgen Knopp. „Das ist ein Edelkalk-Pressverfahren. Die Farbe wird aus Marmorkalk und -mehl hergestellt und mehrlagig verarbeitet, indem man den Putz mit der Glättkelle in historischer Freskotechnik verpresst. Dadurch entsteht der Glanz.“ Das Wissen eignete er sich in Venedig an, die Rohstoffe lässt er eigens in einem kleinen Marmorwerk produzieren – und spätestens jetzt wird die Qualitätsversessenheit deutlich, mit der er sein Handwerk betreibt. Kein Wunder, dass er Mitglied des Farbrats ist, in dem sich 28 deutsche, Schweizer und österreichische Fachleute für Wand- und Bodengestaltung über neue und überlieferte Techniken austauschen und die „Wand des Jahres“ küren. Für 2014 wird das Bad ein Schwerpunkt sein. Seine Vision hat Jürgen Knopp hier schon realisiert: Wände, Decken und Böden der Bäder sind nahtlos weiß und unterscheiden sich in der Anmutung durch nichts von den Flächen in den Wohnräumen. Statt Fliesen oder Steinplatten verwendete er „Terrazzofino“, einen von ihm entwickelten fugenlosen Putz aus Muschelkalk und Natursteinfarben – ganz natürlich, ohne Versiegelung und doch feuchteresistent. Das ist möglich? „Klar“, sagt der Experte lächelnd, „die Technik findet heute im Farbeimer statt.“

 

Autor:
Rebekka Kiesewetter
Fotograf:
Filippo Bamberghi