Glashütte Metropole der Uhrmacherkunst

Sein Name bringt in aller Welt Sammleraugen zum Leuchten, seine Produkte werden zu Höchstpreisen gehandelt, in New York und Dubai bis Shanghai. In dem Erzgebirgsstädtchen selbst sind die Uhren irgendwie stehen geblieben. Eine Ortsbesichtigung in Glashütte, Sachsens Metropole der feinsten Uhrmacherkunst.

Kurz nach der alten GUB-Uhrenfabrik, einem grauen Trumm mit eingeworfenen Scheiben und vergilbendem „Zu vermieten“-Zettel im Fenster, noch vor der „Pfennigpfeiffer“-Filiale („15 Prozent Rabatt auf alle Töpfe und Pfannen!“) und der einzigen Wirtschaft des Ortes, die mittags Soljanka und Grützwurst serviert, begegnet dem Vorübergehenden dieser kuriose Satz: „…hier lebt die Zeit!“

Der Slogan, sorgfältig auf einen Stadtwegweiser geprägt, lässt sich eigentlich nur als Durchhalteparole oder Witz begreifen. Denn Glashütte, 20 Kilometer vor der tschechischen Grenze gelegen, eingezwängt in die engen Täler von Prießnitz und Müglitz, wirkt eher, als habe man hier die Zeit in eine Art Wachkoma versetzt. Trabis knattern übers Kopfsteinpflaster, Rentnerinnen in quietschrosa Hausschürzen sitzen stumm vor Mietskasernen in klassischem DDR-Grau.

Nur noch 1800 Einwohner zählt das weltberühmte Uhrmacherstädtchen, und jedes Jahr sind es ein paar weniger, wie Markus Dreßler betrübt berichtet. „Seien Sie ehrlich“, fordert Glashüttes junger Bürgermeister mit traurigem Blick auf die schwere „Original Glashütte“-Standuhr in seinem Büro, „Glashütte hatten Sie sich anders vorgestellt, stimmt’s? Jetzt sind Sie enttäuscht.“

Glashütte

Hatten Sie sich anders vorgestellt. Stimmt`s?

Enttäuscht dürfte jedenfalls sein, wer beim glanzvollen Namen Glashütte an Dubai, Hongkong, das New Yorker Tiffany und weitere Glitzerorte denkt, an denen Uhren aus Glashütte für bis zu 390000 Euro an Kunden gehen.

Wenig von diesem Glanz dringt bis nach Sachsen. Spätestens nach 17 Uhr, wenn in Glashütte der letzte Uhrmacher nach Hause geeilt ist (mehr als die Hälfte von ihnen und praktisch alle Angestellten verlassen den Ort nach Feierabend), verfällt dieser Ort in eine Art Totenstarre. „Das Nachtleben ist so, als habe man vor 20 Jahren Ayatollah Chomaini mit der Gestaltung desselben beauftragt“, heißt es in der Zeitschrift „Orte, an die niemand reisen will“, deren erste und einzige Ausgabe Glashütte gewidmet ist. „Die beiden einzigen Kneipen, die noch nach 21 Uhr geöffnet sind, zusammen fünf Gäste, sind so trübselig, dass selbst Edward Hopper sich geweigert hätte, diese Tristesse zu übermalen“, steht da zu lesen. Letzteres ist sogar eine Übertreibung. Seit kürzlich auch noch das „Goldene Glas“ schloss, gibt es in Glashütte nur noch eine einzige Kneipe.

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Autor:
Harald Willenbrock
Fotograf:
Silvio Knezevic