Avantgarde in Berlin Altbauwohnung mit Blick auf die Spree

In Berlin-Moabit fand ein junges Sammlerpaar die ideale Wohnung für sich und seine Kollektion von Gegenwartskunst - zu einer Zeit, als diese Gegend noch als Schmuddelkiez galt. Heute boomt sie.

Zwischen dem Schloss Bellevue und dem Schloss Charlottenburg windet sich die Spree in großen Bögen durch Berlin. An der einen Uferseite liegt der Tiergarten, an der anderen das Arbeiterwohnviertel Moabit mit der zentralen Justizvollzugsanstalt und einer leicht heruntergekommenen Infrastruktur. Die Gegend galt lange als Schmuddelkiez, freiwillig kam niemand. Das hat sich geändert. Moabit ist jetzt ein Geheimtipp. Im boomenden Berlin bedeutet das: entwicklungsfähige Lage, erschwingliche Immobilien.

Ein junges Paar aber ist schon vor Jahren in diese Gegend gezogen, die beiden schätzen die zentrale Lage und die Nähe zum Tiergarten. Ihre Traumwohnung entdeckten die Rechtsanwältin und der Jurist und Online-Manager hier jedoch erst viel später: mehr als 200 Quadratmeter groß, direkt am Wasser und in einem der denkmalgeschützten Prachtbauten aus der Gründerzeit gelegen, von denen es in dieser Gegend nur noch wenige gibt. Als sie ihr zukünftiges Zuhause erstmals betraten, war für beide sofort klar: Hier wollen wir leben. Zwar hatten die Vorbesitzer in den vergangenen 50 Jahren nicht renoviert. Doch die Räume waren groß und licht – und erst der Blick auf die Spree! Der gesamte Wohnbereich der Altbauwohnung ist dem Fluss zugewandt.

Wenn sich der Hausherr heute in seiner Altbauwohnung umsieht, kann er kaum glauben, dass die Umbauarbeiten fast sechs Monate dauerten. Doch allein für das Reinigen des Deckenstucks benötigten die Handwerker gleich mehrere Wochen. Die Umbauplanung setzte das Paar mihilfe der Architektin Anke Stiller in die Tat um: Das künftige Herz der Wohnung, die Wohnküche, wurde aus der hintersten Ecke, da, wo sich heute das Elternschlafzimmer befindet, ins Zentrum geholt. Sie nimmt jetzt das sogenannte Berliner Zimmer ein. Dieser Raum, typisch für Berliner Wohnungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, gilt gemeinhin als unbeliebt, weil er trotz seiner Größe von mindestens 30 Quadratmetern traditionell nur ein einziges Fenster zum Innenhof hat und als Durchgangszimmer zwischen den vorderen Wohnräumen und dem hinteren Schlaftrakt dient. „Gerade deshalb erschien er uns ideal, um darin die Küche unterzubringen“, sagt die Besitzerin. Sie wollte zum Kochen und Essen unbedingt einen kommunikativen, offenen Raum haben. „Ich habe zwar zwei wunderbare Assistenten“, sagt sie lächelnd mit Blick auf ihren Mann und Tochter Vivienne, 4. „Doch die Mahlzeiten bereite ich dann allein zu.“

Sie war es auch, die die Planung übernahm und dem Interiordesigner Axel Schäfer ihre Wünsche erklärte: eine frei stehende Arbeitsinsel, die von einem Tresen abgeschlossen wird und gerade eine Drehung von der Kochzeile entfernt ist. Schäfer kombinierte weiß lackierte Schrankfronten mit dem dunkel gebeizten Eichefurnier der Arbeitsinsel, für die gegenüberliegende Wand entwarf er einen Vorratsschrank samt großem Weinregal, ebenfalls in Eiche. Bei den Renovierungsarbeiten der Altbauwohnung sollte möglichst viel vom alten Bestand erhalten bleiben: Heizkörper wurden ausgetauscht, deren alte Verkleidungen jedoch bewahrt, Zwischendecken eingerissen, Kabel unter Putz gelegt, das Originalparkett mit seinen aufwendigen Mustern wurde restauriert, abgezogen und geölt, und da, wo es nicht mehr zu retten war, wurde neues verlegt. Die rund acht Farbschichten auf Fensterrahmen, Rahmen und Türen ließen die Besitzer entfernen, dann wurde alles weiß lackiert.

Die Bäder sind neu eingebaut, nach Entwürfen von Axel Schäfer – das Gäste-WC mit großen Platten aus hellgrauem Granit und grünem Marmor, das Bad mit blauen Mosaikfliesen und dunkel gebeiztem Eichenholz. Die Architektin Anke Stiller plante gemeinsam mit der Hausherrin die zahlreichen Schrankwände, in denen die Kleidung, Schuhe sowie Haushaltsgeräte und die Waschmaschine verschwinden.

Seite 1 : Altbauwohnung mit Blick auf die Spree
Autor:
Kerstin Rose
Fotograf:
Christian Schaulin