Dachwohnung Amir Kassaeis Loft in Berlin

Runde Ecken, sanfte Wellen - und fast nirgends stören Türen. In Amir Kassaeis Loft in Berlin ist alles im Fluss. Das hält beweglich, im Kopf und im Handeln, findet der Hausherr. Er muss es wissen: Kassaei gilt als einer der besten Werber der Welt.

Die Küche ist ganz aus Gold. Gespritzt in dem Originallack des legendären Mercedes 280 SL aus den 70ern. Die Farbe gibt es heute nicht mehr, für Amir Kassaeiwar das jedoch kein Hinderungsgrund. Er habe so lange recherchiert, bis er einen Mercedes-Techniker im Ruhestand aufstöberte, „ der hatte die letzten Dosen noch in der Garage“, sagt er. „Gold wird DIE Farbe im Interieur werden.“ Die Episode sagt einiges aus über seinen Enthusiasmus, seine Durchsetzungsfähigkeit und darüber, dass in jedem guten Werber ein guter Geschichtenerzähler steckt.

Und Amir Kassaei, 39, Kreativchef der Agentur DDB Deutschland, Präsident des deutschen Art Directors Club und verantwortlich für die aktuelle VWGolf- Kampagne, ist einer der besten Werber der Welt – wie ihm das Branchenblatt „Won-Report“ bescheinigte und mehr als 1200 internationale Preise und Auszeichnungen bestätigen. Jetzt steht er in der Küche seiner frisch bezogenen Dachwohnung in einem Gründerzeitbau in Berlin-Prenzlauer Berg und beobachtet, wie die vollautomatische Kaffeemaschine lautlos seinen x-ten Espresso macchiato zubereitet. Dabei erzählt er, wie auf zwei Stockwerken und 240 Quadratmetern hier seine Vision vom Wohnen verwirklicht wurde. „Eine aseptische Designturnhalle wollte ich auf gar keinen Fall“, sagt er.

Vielmehr sollte ein ganzes Lifestyle-Konzept Gestalt annehmen, das er „Saei“ nennt, wie die letzten vier Buchstaben seines Nachnamens: „Es hat die Haltung eines modernen Nomaden in einer globalen und sich ständig verändernden Welt zum Inhalt.“ Das klingt nach einem echten Werbersatz, aber bei Kassaei hat er einen autobiografischen Bezug: Geboren im Iran, musste er als 13-Jähriger im Krieg gegen den Irak kämpfen, floh zwei Jahre später über die Türkei nach Österreich, machte in Wien Abitur, studierte Betriebswirtschaft in Fontainebleau, arbeitete in Paris, Wien, Hamburg, jetzt in Berlin.

Er spricht mit Wiener Akzent, was so weich klingt, wie die Formen seines Appartements wirken. Alles ist abgerundet, die Übergänge sind sanft und fließend. „Ich wünschte mir eine offene Wohnlandschaft, die ungewöhnlich und radikal, aber  trotzdem harmonisch und vertraut wirkt“, erklärt Kassaei. Er spricht von acht „Handlungsebenen“, die in dem Loft ineinander übergehen: „Eintreten“, „Sitzen“, „Kochen“, „Essen“, „Schlafen“, „Arbeiten“, „Liegen“, „Baden“. Es gibt keine geschlossenen Räume, nur im Untergeschoss lassen sich Gäste- und Kinderzimmer mit Türen schließen. Wände und Möbel verschmelzen zu Einheiten. Auf Dekoratives wird verzichtet. Nicht aber auf Bücher über Werbung, Kunst, Film und Architektur, auf Biografien, CDs und DVDs.

Und auf Fotografien: An den Wänden lehnen Porträts von Marlon Brando, Steve McQueen und der Boxlegende Muhammad Ali – alle Amirs Vorbilder: „Ich bin dreißig Jahre zu spät auf die Welt gekommen!“ Über das geölte Eichenparkett robbt Vito, ein Jahr alt, benannt nach Marlon Brandos Paraderolle des Vito Corleone in „Der Pate“ und seinem Vater Amir wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hangelt sich von der Metalltreppe, die „Eintreten“, „Schlafen“, „Sitzen“ mit den erhöhten Ebenen „Kochen“ und „Essen“ verbindet, zu einem in das Podest eingelassenen Kanapee. Krabbelt um den Kamin-TV-Metallkubus, der sich um eine tragende Säule windet, und landet wieder bei seinem Vater – beiläufiger und zugleich anschaulicher kann man das Konzept eines Raumkontinuums kaum erklären.

„Vito liebt die Entdeckungstouren hier“, sagt seine Mutter Marion Rullmann, die Werbekampagnen realisierte, bevor sie sich eine Auszeit für das Kind nahm. Dabei war das Appartement ursprünglich nicht für eine Familie geplant. Als Amir Kassaei und seine erste Frau sich vor vier Jahren trennten, wollte er sich eine Junggesellenwohnung einrichten, jedoch mit Platz für seine drei Töchter, die an den Wochenenden zu Besuch kommen. In einem Fachblatt fielen ihm Fotos einer Arztpraxis auf, die von der Bremer Architektin Ulrike Mansfeld und ihrem Büropartner Georg Bechter gestaltet worden waren. „Ihr kreativer Umgang mit minimalem Raum und Farbgestaltung überzeugten mich“, sagt Amir Kassaei. In vier Treffen diskutierten er und die Architekten seine Vision: „Eine Perle über Berlin.“ Es wird abgewogen. Verworfen. Weiter entwickelt. „Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt“, erzählt der Bauherr mit fast kindlicher Begeisterung.

So entstand in zwei Jahren jenes Raumkonzept, „in dem sich der Bewohner wie Wasser um gerundete Körper bewegt“, wie die Architektin es beschreibt. Eine schwarz-goldene Tapetenwand im Eingangsbereich führt im Halbrund zum offenen Badezimmer. Der Parkettboden ist eine „zweite Haut“, die die kleineren Höhenunterschiede wie sanfte Wellen ausgleicht. Das Schlafzimmer hat nur an zwei Seiten Wände, ist zum Flur und zu der Terrasse geöffnet und mit semitransparenten Stores verhängt. Vorhänge mitten im Raum vervollständigen das Bild der Landschaft, mit dem die Architekten spielen: „Wie Wolken formieren sie sich immer neu.“

Die Küche ist auf Maß gebaut, Stahltreppe und der Kubus mit Kamin und Fernseher wurden von einer Spezialfirma angefertigt. Auch das Kanapee ist kein simples Möbel: Geöffnet bildet die Rückenlehne eine Barriere zwischen den Ebenen „Sitzen“ sowie „Kochen“ und „Essen“. Auf Knopfdruck kann es unter den geschwungenen Holzboden versenkt werden. Die Architekten ließen es mit einem Kran über das offene Dach in den Rohbau hieven. Der Kasten wurde mit Estrich übergossen und mit dem Eichen-Parkettboden belegt. Erst dann wurden die Öffnungsfugen aufgeschnitten und das Kanapee befreit. Amir Kassaei nennt das Konstrukt die „James-Bond-Couch“. „Bald kann Vito die Welle auf dem Hosenboden runterrutschen“, sagt Marion Rullmann und lacht.

Sie lernte ihren Mann kennen, als der Bau bereits fortgeschritten war. „Vielleicht hätte ich sonst manches verändert“, gibt sie zu. Im unteren Geschoss hat sie nachträglich eingegriffen. Dort gab es zwei Wandnischen zum Liegen. „Die waren ästhetisch überzeugend, aber nicht tief genug“, fand sie, ließ Bücherregale hineinbauen und stellte ein Sofa auf Flauschteppich davor. Am liebsten hätte Marion Rullmann noch ein Haus auf dem Land. Mit viel Holz und Naturstein, sagt sie. „Ja, aber bitte mit 15 Meter hohen Wänden“, neckt Amir Kassaei seine Frau. „mit viel Glas und Stahl und entworfen von – Sir Norman Foster.“  

Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Christoph Theurer