Modernes Design und Gegenwartskunst Avantgarde im Idyll

Nirgends ist das Landleben so englisch wie in den malerischen Cotswolds. Umso größer ist die Überraschung, wenn man die Londoner Schmuckdesignerin Cora Sheibani und ihre Familie in ihrem Feriendomizil besucht: Das Interior des viktorianischen Pfarrhauses bietet bestes modernes Design und museumsreife Gegenwartskunst.

Sofa von Pierre Paulin

Doo do doo do doo do do do doo. Doo do doo do doo do do do doo: Es ist ein Hauskonzert der etwas anderen Art, das die Sheibanis in ihrem Wohnzimmer veranstalten. Lou Reeds Klassiker „Walk on the Wild Side“ als Jamsession, Daddy spielt Bass, die zehnjährige Tochter Flöte, ihr achtjähriger Bruder Klarinette. An Gitarre und Keyboard mischen zwei Freunde der Familie mit, und hinter der Kamera steht Mrs Sheibani und filmt. „Bravooo!“, ruft sie. „Wie heißt diese Band?“ Später veröffentlicht sie ihr Video von „AG and The Hampnetteurs“ auf Youtube im Internet.

Das einstige Parrhaus
Willkommen in Gloucestershire, wo sich wohlhabende Londoner am Wochenende ihren Traum vom ländlichen Idyll erfüllen! In malerischen Dörfern, in denen jeder jeden kennt und in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Sie leben in honigfarbenen Landsitzen aus dem Kalkstein der Region, spielen Tennis, kaufen auf dem Markt ein und wühlen in der Gartenerde. Oder sie musizieren mit ihren Gästen – wie die Sheibanis an einem trüben Sonntagnachmittag im letzten Herbst. Cora Sheibani, 33, stammt aus der Schweiz und ist Schmuckdesignerin, ihr Mann, ein Iraner, ein viel beschäftigter Finanzier und engagierter Kunstsammler. Allzu häufig kommen sie nicht hierher – zu wenig Zeit. Leider. Denn das Gebäude ist ein Schmuckstück: 1872 als Pfarrhaus erbaut, liegt es auf einem rund zweieinhalb Hektar großen Grundstück, umgeben von Rasenterrassen, Küchengarten, Tennisplatz, Swimmingpool und Forellenteich zum Fliegenfischen. Und es befindet sich dazu in bester Cotswolds-Lage, in einem verschlafenen Örtchen weitab von allem.

So weit, so ländlich und romantisch. Die große Überraschung erwartet den Besucher im Haus. Denn so radikal hätte man sich den Bruch mit dem Äußeren des viktorianischen, in Würde gealterten Gemäuers nicht vorgestellt. Ausgeblichene Chintz-Sofas oder die mit Bedacht arrangierte Unordnung, die man oft in englischen Landhäusern findet, gibt es hier nicht. Als die Sheibanis das Gebäude 2007 kauften, beauftragten sie den Londoner Architekten Mike Rundell mit der Modernisierung. Er gab den Räumen eine großzügigere, fließende Aufteilung und schuf ein offenes Treppenhaus, das über alle drei Geschosse bis unters Dach reicht. Und überall stehen Möbelklassiker von hochkarätigen Gestaltern, an den Wänden hängt eine museumsreife Sammlung von Gegenwartskunst. Die Eingangshalle empfängt den Besucher mit einem Gemälde des New Yorker Malerstars Julian Schnabel, im Esszimmer schaut man in den „Sternenhimmel“ des Düsseldorfer Fotokünstlers Thomas Ruff, im Gartensalon auf „Super Collider“ von dessen Landsmann Wolfgang Tillmans, die Aufnahme des seltenen Venus-Transits an der Sonne vorbei. Und überall geben satte, leuchtende Farben den Ton an: Die Sessel von Marc Newson sind bonbonbunt, das Sofa von Pierre Paulin ist tiefblau. Dazwischen das matte Weiß von Alvar Aaltos Teewagen und ein Wohnzimmertisch von Charles und Ray Eames. Die zitronengelben Esszimmerstühle entwarf wiederum Marc Newson. „Mein Mann liebt ihn einfach“, erklärt Cora Sheibani den Umstand, dass überall im Haus die retro-futuristischen Möbel des australischen Designers zu finden sind. In London lebt sie konsequent mit Designermöbeln, von Barber Osgerby etwa oder von Zaha Hadid. In den Cotswolds ist die Mischung eklektischer: Hier und da findet sich sogar etwas Antikes.

Grundsätzlich wollen die Sheibanis mit Möbeln und Bildern leben, die das Beste einer Zeit repräsentieren. „Wir möchten etwas Eigenes schaffen“, sagt Cora Sheibani, und das ist für jemanden wie sie eine wirkliche Herausforderung. Denn ihr Vater ist der berühmte Schweizer Kunsthändler und Sammler Bruno Bischofberger, Galerist von Weltstars wie Andy Warhol, Julian Schnabel und Jean-Michel Basquiat. So wuchs sie in einem Umfeld auf, das geprägt war von Kunst und der Begegnung mit bedeutenden Künstlern und Designern der Gegenwart. Memphis-Begründer Ettore Sottsass, ein Freund der Familie, entwarf ihr Elternhaus. Mit ihren drei Geschwistern spielte sie mit den Kindern von Julian Schnabel und Francesco Clemente, die im gleichen Alter waren. Als Vierjährige malte sie mit Jean-Michel Basquiat, der oft zu Besuch kam. „Meine einzige Erinnerung daran ist, dass ich besser zeichnen konnte als er“, sagt sie trocken. Zeitgenössische Kunst, bei der oft Konzepte und Gedanken als Ästhetik im Vordergrund stehen, ist nicht immer leicht zu verstehen. „Das ist für mich nicht so wichtig“, stellt sie fest. „Aber ich muss einen emotionalen Zugang zu den Werken finden.“

Cora Sheibani studierte Kunstgeschichte in New York, Gemmologie in London und hat inzwischen schon drei Schmuckkollektionen herausgebracht – mal inspiriert von alten Backformen aus Kupfer, mal von der kompakten, fleischigen Form der Kakteen. Derzeit arbeitet sie an Entwürfen für Silberobjekte. „Kein Schmuck, sondern Tabletts, Kerzenhalter und dergleichen. Ich lasse sie in Griechenland fertigen.“ Sie ist liebenswürdig, aber reserviert. Wenn sie erzählt, wie sie mit ihrer Familie in Berlin 13 Museen an einem Tag besuchte, wirkt sie auch ein wenig angetrieben von dem Pflichtbewusstsein, immer gut informiert zu sein. „So ein Museumstag ist für mich ganz normal“, sagt sie mit ihrer ruhigen Stimme. „Auch meine eigenen Kinder wachsen so auf.“ Eigentlich will Cora Sheibani nichts Privates preisgeben. Sie greift nach ihrer Handtasche und macht so deutlich, dass sie nicht mehr viel Zeit hat. Aber was sie dann doch noch verrät: Ihren Mann, mit dem sie seit zwölf Jahren verheiratet ist, hat sie in der Schweiz kennengelernt. „Von seinem ersten richtigen Geld kaufte er sich kein Auto, sondern ein Kunstwerk. Das hat mich tausendmal mehr beeindruckt.“ Warum ist trotz der knappen Zeit ein Zweitwohnsitz so wichtig für sie? „Es ist schön, nichts organisieren zu müssen, keine Koffer zu packen, denn am anderen Ende ist immer schon alles da.“ Eine kurze Pause. „Ich hänge nicht an einem Ort“, sagt sie. „Wichtig ist für mich nur, dort zu sein, wo meine Familie ist.“

Autor:
Josephine Grever
Fotograf:
Karin Fuchs