Von Mailand nach Niederbayern Avantgardistisches Schloss auf dem Land


Von Mailand nach Niederbayern: Die Künstlerin Aylin Langreuter und der Designer Christophe de la Fontaine tauschten ihr modernes Appartement gegen ein kleines altes Schloss. Es bietet viel Platz zum Leben und Arbeiten. Und Inspiration für ihr Designlabel Dante.

 

Die Außenwand war feucht neben der Haustür. Also kratzten sie die alte Farbe herunter, und hervor kam eine zarte Banderole, die fast so aussah wie ihr eigenes Firmenlogo. „Das Haus hat uns gut empfangen“, sagt Aylin Langreuter, 38, lächelnd. „Das Haus“ ist eigentlich ein Schloss, 500 Quadratmeter groß, mit Zwiebeltürmen, dicken Wänden und Sprossenfenstern, erbaut ab 1336 am Fuße des Bayerischen Waldes. Die Münchner Künstlerin und ihr Mann, der Luxemburger Designer Christophe de la Fontaine, 37, hatten es auf einer Immobilienplattform zufällig unter „Sonstiges“ gesehen. Sie kauften und renovierten es und zogen im November vergangenen Jahres mit ihren beiden Kindern ein.

„Manche Freunde hielten uns für verrückt“, erinnern sie sich. Kein Wunder, schließlich hatte das Paar zuvor mitten in Mailand gelebt, noch dazu in einem Paradebau des italienischen Rationalismus. In der „Casa Rusticci“ aus den 1930ern nämlich, die statt einer Fassade nur lange Brücken hat, die zwei Gebäudeteile in jedem Stockwerk verbinden.

Von der Architekturikone der Moderne ins mittelalterliche Schlösschen, von der Metropole in Italien nach Niederbayern aufs Land? Der Kontrast könnte kaum größer sein. Aber das Paar sagte sich: Warum nicht? Für beide klang es verführerisch, in einem Schloss zu wohnen, „fast wie im Märchen“. Das denkmalgeschützte Gebäude war in einem guten Zustand, und für den Kaufpreis hätten sie in München nur eine Dreizimmerwohnung bekommen. Außerdem passte es sowieso besser zu Aylin Langreuter und Christophe de la Fontaine, konsequent etwas ganz Neues zu wagen. Das hatten sie schon vorher bewiesen: Sie gründeten 2012 ihr eigenes Designlabel.

„Dante“ heißt die Marke, „Goods and Bads“ der Untertitel, und beides lässt Unkonventionelles und viel hintergründigen Humor ahnen. Schon der Internetauftritt beginnt mit dem berühmten Zitat von, klar, Dante aus der "Göttlichen Komödie" - "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren", und Aylin Langreuter ließ sich für die Gestaltung der Seiten inspirieren von Gustave Dorés Illustrationen der Dichtung. Zur Kollektion sagt Christophe de la Fontaine: „Unser Design muss nicht nur funktional und praktisch sein. Mit den ‚Bads‘ nehmen wir uns die Freiheit, Dinge herzustellen, die ungewöhnlich und nicht unbedingt zweckorientiert sind.“

Da gibt es zum Beispiel eine kleines Beil mit einer üppigen Stofftroddel als Griff oder einen Elefantenfuß, lebensgroß aus Polymerbeton, der schwer auf dem Wort „Epilogue“ aus poliertem Kupfer steht, aber genauso kleine, modulare Beistelltische oder leichte Sessel, deren Form sich aus einem klaren geometrischen Schnittmuster ergibt. Die Möbel hat Christophe de La Fontaine entworfen. Er leitete von 2003 bis 2010 die Entwurfsabteilung der weltbekannten Designerin Patricia Urquiola in Mailand und arbeitete dort mit Avantgarde-Unternehmen wie Moroso, B&B Italia, Molteni, Flos oder Alessi zusammen. Sein erster großer Auftrag als Selbstständiger war ein ganzes Tafelservice, das er für Rosenthal zum 50. Jubiläum der Kollektion „Studio-Line“ entwickelte.

Viele seiner Entwürfe stehen jetzt natürlich im Schloss, in dem das Paar auch sein Büro hat. Die Geschäftsräume liegen gleich neben der Haustür im Erdgeschoss, wo sich auch die Wohnküche befindet. In der ersten Etage wird gewohnt. Das Interior ist eine Collage aus Erinnerungs- und klassischen Designstücken, aus Avantgarde-Objekten und Prototypen, aus Antiquitäten und Aylins Konzeptkunst. Die Spannung entsteht durch die Kombination von Alt und Neu, Glatt und Abgenutzt, Schlicht und Verspielt. Die Stuckdecken, wertvolle Natursteinböden und Lärchendielen sind dafür der Rahmen. Alles wirkt wie mit leichter Hand arrangiert und ist doch präzise aufeinander abgestimmt. So hat jedes Zimmer Leitfarben. Im Salon ist es Weiß, das sich auf Sesseln, Sofa, Wänden und an der Decke mit gelben Akzenten findet, im Gästezimmer dominieren gelbe Wände, im Schlafzimmer trifft Altrosa auf Lichtgrau.

„Ein wichtiger Schritt, sich diese großen Räume anzueignen, waren die alten Teppiche, die wir bei einem Händler in Mailand entdeckt haben“, sagt Aylin Langreuter. „Eigentlich wollten wir die meisten als Bezüge für die Sessel der Dante-Kollektion einsetzen. Dann haben wir sie doch ganz gelassen und auf die Böden gelegt.“ Jetzt geben türkische Kelims und dekorative Stücke aus Vorderasien mit ihren aufwendigen Mustern den Zimmern Wohnlichkeit.

Vermisst das Paar Italien und die Großstadt nicht manchmal? Nein, sagen sie: „Wir sind glücklich, hier zu sein und so viel Platz zu haben.“ Abwechslung vom Landleben bieten ohnehin die vielen Reisen zu ihren Produzenten in Italien und zu Messen in ganz Europa. Für die Kinder ist es wunderbar, jederzeit im Garten spielen zu können, sie haben auch schnell Freunde im Dorf gefunden. Der örtliche Supermarkt hat eine große Auswahl an italienischen Weinen und Salami im Angebot und sogar ihren bevorzugten Frischkäse – „sie führen tatsächlich Burrata“, sagt Christophe de la Fontaine, er klingt immer noch erstaunt darüber. Und wenn die Familie mit dem italienischen Au-Pair beim Frühstück um den runden Tisch in der Küche sitzt, schwirren die Sprachen durch den Raum wie bei einer internationalen Konferenz: Die Mutter spricht deutsch mit den Kindern, der Vater luxemburgisch, die Eltern unterhalten sich auf Deutsch und mit dem Au-pair auf Italienisch.

Es fehlt ihnen hier an nichts. Im Gegenteil. Ihre Arbeit profitiert sogar von den anderen Anregungen, die das neue Zuhause bietet. Es sind so viele, dass die aktuelle Dante-Kollektion daraus wurde. Ihr Titel lautet: „Scenes From the Prairie“.

 

Autor:
Claudia Durian
Fotograf:
Bärbel Miebach