Kolumne von Meike Winnemuth Dachwohnung in München

Wer wohnt denn da? Dachbewohner sind eigentlich Höhlenbewohner, findet unsere Kolumnistin – sie wollen dem Himmel ganz nah sein und sich trotzdem verkriechen. Bestes Beispiel: diese Räume unter dem Spitzgiebel, in denen jeder freie Platz für Bücher genutzt wird. So leben Philosophen. Das ist gut geraten und doch nicht ganz richtig.

Menschen, die immer ganz oben wohnen müssen, gibt es in zwei Arten, die nicht verschiedener sein könnten: der Penthouse-Typ und der Dachboden-Typ. Beide wollen dem Himmel ganz nah sein, haben aber sehr unterschiedliche Konzepte, was denn der Himmel ihnen eigentlich bedeutet. Der Penthouse-Typ braucht die Helligkeit, die Weite, das Gefühl, niemanden mehr über sich zu haben, im räumlichen wie im übertragenen Sinn. Penthouse-Typen hätten am liebsten nicht mal ein Dach über dem Kopf, sie sind am glücklichsten auf ihrer möglichst großen Terrasse oder in ihrem Dachgarten.

Der Dachboden-Typ dagegen mag vor allem das Gefühl der Entrücktheit, das Unbeobachtetsein, das Geheimnisvolle, vielleicht sogar das Romantische. Der Dachgiebel ist für sie ein Herrgottswinkel, in den sie sich verkriechen können und in dem sie nicht weiter behelligt werden. Dachboden-Typen sind eigentlich Höhlenbewohner, nur halt nicht auf Erden, sondern in den Wolken. Und so festgemauert der Giebel auch sein mag: Seine Zeltform verleiht jeder Dachwohnung den Charme eines Provisoriums. Als ob die eigentlich gar keine richtige erwachsene Wohnung sein will, angenehm trotzig und improvisiert, irgendwie huckleberryfinnig.

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Schlagworte:
Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Bärbel Miebach