Extrem behaglich Das Paperclip House

Glas ohne Durchblick, Räume ohne rechte Winkel und die Front geformt wie eine Büroklammer: Kein Wunder, das kaum jemand diesen Bau in Madrid für das Zuhause einer jungen Familie hält. Doch der radikale Entwurf überrascht mit einem wohnliche Interior.

Das bekommt man, wenn man beim Bauen sparen will und einen Architekten aus der Verwandtschaft um den Entwurf bittet“, sagt Rafa Anton ironisch und grinst. „Ein Haus wie eine Büroklammer.“ Das Gebäude, in dem er mit seiner Frau Esther und dem kleinen Sohn Hugo in Madrid lebt, wird oft für eine Galerie gehalten oder für eine Tankstelle, „eigentlich für alles, nur nicht für ein Einfamilienhaus“. Zu extravagant, zu experimentell erscheint die Idee, mit der hier auf einem kleinen, schmalen Grundstück 400 Quadratmeter Wohnfläche geschaffen wurden: mit einer viergeschossigen Scheibe aus Sichtbeton, an der zwei riesige Boxen mit einer Haut aus Kupfer und Fronten aus Mattglas hängen. Und deren Umrisse zusammen die Form einer leicht aufgebogenen Büroklammer in XXL bilden.

Als sich das Ehepaar vor fünf Jahren auf die Suche nach einer neuen Wohnung machte, hatte es eher ein Loft, ein Apartment mit Dachterrasse oder auch ein altes Haus zum Restaurieren im Sinn. Doch dann entdeckten sie zufällig dieses Eckgrundstück in einer ruhigen Wohngegend im Nordosten von Madrid und beauftragten Rafa Antons Cousin Javier Bernalte, der in der Stadt das Büro Bernalte León y Asociados führt. Die Bauherren – er ist Werber, sie Tänzerin und Choreografin – wünschten sich einen dynamischen und fließenden Entwurf, der ihrem Leben als Kreative entspricht, in dem Beruf und Privates nicht zu trennen sind. Kurven seien da für die Umsetzung naheliegender gewesen als rechte Win- kel, vor allem, „wenn man in einer Welt voller gerader Linien mal etwas anderes riskieren möchte“, wie Rafa Anton sagt. „Als Javier dann die Büroklammer skizzierte, konnte ich gar nicht anders als zuzustimmen. Man kann sich nicht immer beklagen, dass einem die Kunden die Ideen kaputt machen, und dann die Kreativität anderer zurückweisen.“

Bei aller Extravaganz hat das Haus ein klares Konzept. Nicht allein, weil seine geringe Grundfläche dafür sorgt, dass der Großteil des Grundstücks als Garten genutzt werden kann. Auch die innere Aufteilung ist eindeutig. Eingang, Treppen, Rampen, Technik- und Abstellräume liegen in der zweischaligen Betonscheibe, deren schachtartiges Inneres durch ein verglastes Dach Tageslicht erhält. Von hier aus werden die Wohnräume erschlossen. Sie liegen auf der einen Seite der Scheibe in den erwähnten schwebenden Boxen, auf der anderen Seite über der Garage, die wiederum eine Art Gegenlager zu den überkragenden Bauteilen bildet. Hier befindet sich das Schlafzimmer nebst dem Bad. Gegenüber sind Küche, Essplatz, Salon und eine Galerie in der unteren und größeren der beiden Boxen zu finden, das Gästezimmer in der kleinen Box darüber.

Die Außenwände, die nah an den Nachbargrundstücken liegen, bestehen ganz aus undurchsichtigem Glas mit integriertem Sonnenfilter. Durchsichtig sind die Scheiben nur da, wo kein Einblick möglich ist – oder sich der Ausblick auf die Stadt bietet, was auf der schmalen Stirnseite der Fall ist. Der Effekt der semitransparenten Wände: lichtdurchflutete, großzügige Räume, die trotzdem Privatheit bieten. „Und um ganz ehrlich zu sein: Obwohl unser Haus auf einem kleinen Hügel steht, brauchen wir hier keine Panoramascheiben – so großartig ist die Skyline von Madrid wirklich nicht“, sagt Rafa Anton trocken.

Die exponierte Lage wird viel eher zur Belüftung und Unterstützung der Klimaanlage benutzt. In der Küche etwa lässt sich die verglaste Stirnseite komplett öffnen; der leichte Wind, der hier stets weht, zieht ins Haus und durch kleinere Fenster wieder ab. „Es sind hier oft zwei Grad weniger als in der Stadtmitte von Madrid“, erklärt Esther.

Auch das Wasserbecken, das wie eine Rinne hoch oben auf der Betonscheibe liegt – ihr Glasdach dient ihm als transparenter Boden – mildert die Kraft der Sonne und trägt so zur Kühlung bei. Die Bewegung des Wassers gibt den Strahlen einen eigenen Rhythmus, der so weiche Linien auf die Wände zeichnet. Da die Galerie im zweiten und das Gästezimmer im dritten Stock hier nicht durch Stufen, sondern über eine gläserne Rampe verbunden sind, fällt das Licht bis in die unteren Etagen. Rafa Anton kann es kaum erwarten, „bis Hugo groß genug ist, um die Rampe als Rennstrecke für seine Spielzeugautos zu nutzen“.

Der Eindruck des Fließens ergibt sich nicht nur durch die Rampe und den offenen Grundriss. Er entsteht vor allem durch die dunklen Dielen, die sich innen wie Endlosschleifen über Boden, Wände und Decken der Wohnboxen ziehen – und so zum Pendant der Kupferbänder werden, welche die Boxen von außen umgeben. Diese Holzverschalung gibt zugleich den Grundton für das gesamte Interior an. Es ist behaglich, persönlich, warm – und angesichts der radikalen Architektur eine echte Überraschung. Antiquitäten, Trödel, Designklassiker, Avantgardemöbel und Eigenentwürfe wurden hier mit sehr viel Gespür und feinem Humor kombiniert.

Den fünf Meter langen Esstisch – der Nachbau eines Barockmöbels aus einem italienischen Kloster – persiflieren die „Smoke Dining Chairs“, die der holländische Gestalter Maarten Baas entworfen hat, indem er antike Stühle anbrennen ließ. Auf der Kücheninsel steht der tragbare Fernseher Algol, eine Design-Ikone aus den 1960ern, wie ein ironischer Kommentar zur digitalen Vernetzung, die inzwischen auch die Küche erreicht hat. Die Kochutensilien hängen an langen Stangen an der Wand, „als subtile Aufforderung an die Gäste, beim Kochen mitzuhelfen“, sagt der Hausherr, der auch darin ganz Werber ist. „Es funktioniert wie im Supermarkt: Was man gut präsentiert, das wollen die Leute haben.“ Natürlich ist das sehr große und sehr geschwungene Sofa nicht gedeckt in der Farbe, sondern knallrot, und im Schlafzimmer kontrastiert der theatralisch mit dunklem Leder gepolsterte Durchgang zum Bad mit Hugos schlichter weißer Wiege, die unschuldig am Bett steht.

Alles signalisiert, dass die Bewohner sich, ihre Objekte und ihre Umgebung nicht zu ernst nehmen. Es herrscht ein Sinn für das Spielerische, für den Gleichklang von Arbeit und Vergnügen, die in Rafa und Esther Antons Leben sowieso nahtlos ineinander übergehen. Das nicht bloß, weil sie das Souterrain des Hauses für Ballettstunden nutzt und er Meetings auch mal am Esstisch abhält. Sondern generell. „Ich denke, wir sind im Herzen immer noch Kinder“, sagt Esther. „Das macht das Leben leicht und lustig.“

 

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Autor:
Martina Hunglinger
Fotograf:
Mads Mogensen