Im Haus von Nicolò Rubelli Der Stoff der Geschichte Venedigs

Er kann sich nicht sattsehen an seiner Stadt: Seit 30 Jahren sammelt Nicolò Favaretto Rubelli historische Karten von Venedig. In seinem Haus im Viertel Dorsoduro füllen sie die Wände und bilden das Passepartout für ein Interieur aus Antiquitäten, Erbstücken - und Textilien aus dem traditionsreichen Unternehmen seiner Familie.

Letzten Sommer hat Nicolò Favaretto Rubelli den handtuchgroßen Garten hinter seinem Haus umgegraben. Er buddelte ein paar Tage und förderte Pfeifenköpfe aus Ton, Knochenstücke, unzählige Keramikscherben aus dem 16. und Parfümflakons aus dem 19. Jahrhundert zutage. „Ich hatte gehofft, dass etwas Größeres, Besonderes dabei ist“, sagt er amüsiert. „Aber offenbar habe ich in einem alten Müllplatz gegraben.“ Dennoch füllen die Fundstücke, sorgfältig gereinigt, jetzt zwei Glasgefäße im Eingangsbereich seines Hauses. Sie wirken wie eine kleine Parodie auf die Allgegenwart der Geschichte in Venedig – und auf seine eigene Sammellust. Nie würde er sich von Zeugnissen der Vergangenheit trennen, und dabei ist es egal, ob sie die Stadt im Allgemeinen oder die Familie im Besonderen betreffen, denn in seinen Fall lässt sich beides ohnehin schwer auseinanderhalten. Nicolò Rubelli ist in Venedig geboren und aufgewachsen, die Wurzeln seiner Familie reichen hier bis weit ins 17. Jahrhundert zurück, und seit fünf Generationen steht ihr Name für kostbare Möbel-, Wand- und Vorhangstoffe, von denen sich Beispiele in Palazzi, Hotels und im Theater La Fenice finden. Rubelli ist eine venezianische Institution und Nicolò, 49, ihr CEO. Er hat also allen Grund, Venedig persönlich zu nehmen, aber er sagt bloß: „Ich mag Dinge, die Geschichten erzählen.“

Salon Rubelli
Da sind die historischen Pläne von Venedig und der Region Venetien, die er seit 30 Jahren sammelt. Er hortet Erstausgaben, Auktions- und Ausstellungskataloge zur Geschichte der Stadt, ihren Künstlern, Museen und Manufakturen, isst von Porzellantellern mit Motiven der Villen des Veneto, trinkt aus Gläsern von Vittorio Zecchin, der in den 1930er-Jahren für Rubelli Stoffe entwarf, bewahrt die handgeschmiedete Treppenbrüstung aus dem alten Rubelli-Showroom auf – und manches exotische Souvenir, das seine reisefreudigen Vorfahren schon vor 150 Jahren aus aller Welt mitbrachten. Immer wenn in der Verwandtschaft jemand keine Verwendung oder keinen Sinn für ein Erbstück hat, „dann opfere ich mich“, sagt Nicolò und lacht.

So war es auch mit diesem Haus im Viertel Dorsoduro zwischen der Peggy Guggenheim Collection und der Kirche San Salute. Das schmale, kleine Gebäude hatte schon Nicolòs Ururgroßvater Lorenzo Rubelli als junger Mann geerbt, es war jedoch immer vermietet gewesen und so verwohnt, dass es verkauft werden sollte. Damit es in der Familie bleibt, übernahm es Nicolò Rubelli.

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