Kult Die surreale Welt der Fornasettis

Der Junior bewahrt nicht nur das Erbe seines Vaters, der Mailänder Künstlerlegende Piero Fornasetti. Sohn Barnaba belebt die Kultobjekte mit Reproduktionen sowie eigenen Entwürfen wieder - und er inszeniert sein Elternhaus wie ein Privatmuseum.

Wie Alice im Wunderland verzaubert Fornasettis Welt den Besucher. Hinter der unscheinbaren Häuserfassade in der Via Bazzini im nordöstlichen Mailand, dem Universitätsviertel, empfängt Barnaba Fornasetti, 61, im verwunschenen Garten. Er trägt Bart, Hut und eine grüne Samtweste unterm braunen Sakko zu grün karierten Hosen – ein Dandy, könnte man meinen. „Ich liebe es, mich modisch anzuziehen, aber Mode an sich interessiert mich nicht“, sagt der Sohn des legendären, 1988 mit 75 Jahren verstorbenen Piero Fornasetti. Seit dessen Tod führt Barnaba, der einzige Sohn, das gigantische Werk des genialen Allround-Künstlers fort – und wird ihm ähnlich im Habitus.

Über Piero Fornasetti zu schreiben, füllt Bücher, die längst geschrieben sind. Der großartige Illusionist, der Designer von Träumen, der Formgeber der Phantasie, der Poet der Kunstgeschichte, der, der mit dem nicht minder legendären Architekten Gio Ponti Häuser und Möbel gestaltete, und der den berühmten Satz sagte: „Ich fühle den Zwang, Dinge zu machen, und mache sie.“ Rastlos soll er gearbeitet haben. Das Gesicht der Frau, die seine Objekte ziert, hat er in 500 Variationen inszeniert. Warum? „Ich weiß nicht“, hat er der Kunsthistorikerin Shara Wasserman einmal gestanden, „ich fing an und konnte nicht enden.“ Über 14 000 Entwürfe, Zeichnungen, Collagen, Ideen liegen dokumentiert und archiviert im Hause Fornasetti. Die wenigsten sind realisiert, bisher. Dieser enorme Fundus ist ein ebenso großartiges wie schweres Erbe, das Barnaba Fornasetti angetreten hat. Nähern wir uns deshalb dem Ausnahmetalent Piero Fornasetti über seinen Sohn.

Zitat

„MEIN VATER BEDIENTE SICH ALLER DINGE FÜR SEINE INSPIRATION UND MISCHTE SIE ZU EINER NEUEN IDENTITÄT.“

Wie der Vater einst, ist auch der Junior von der Kunstakademie Brera geflogen. Der eine wie der andere wegen einer rebellischen Grundhaltung. Piero, „als Maler geboren“, wollte sich nicht der klassischen Kunstschule unterwerfen und ging mit seiner autodidaktischen Begabung eigene Wege, die er keiner Bewegung zugeordnet wissen wollte. „Surrealismus, Romantik, Neo-Realismus, Postmoderne: Ich bin gegen Etikettierungen – der Horizont ist weit.“ Barnaba, der wegen einer 68er-Demonstration inhaftiert worden war, ließ das Studium für ein Hippie-Leben sausen, machte Musik, mit Freunden die Underground-Zeitschrift „Get Ready“, verdiente Geld als DJ – und zog schließlich in die Toskana, wo er Häuser restaurierte. „Das Verhältnis zu meinem Vater war nicht einfach“, gesteht Barnaba, „er war eigensinnig, stur, autoritär. Meine Mutter Giulia, eine Textildesignerin, hat viele Dinge mit ihm gemeinsam erarbeitet, aber stand immer im Schatten seiner überbordenden Kraft – wie ich.“ Die Anerkennung des mächtigen Herrn Papa musste der junge Fornasetti sich außerhalb dessen Einflusses erobern. Er lernte dabei, unternehmerisch zu denken.

Seite 1 : Die surreale Welt der Fornasettis
Autor:
Barbara Friedrich
Fotograf:
Andrea Ferrari