Rausch ohne Schwindel Ein Haus der 70er im neuen Stil

Rausch ohne Schwindel: Ihr Stil ist eklektisch, emotional - und fusst doch auf klaren Strukturen. So schafft die portugiesische Designerin Gracinha Viterbo Räume, die elegant und alltagstauglich zugleich sind. Bestes Beispiel: ihr eigenes Haus, in dem sie mit Mann und vier Kindern lebt.

Es mag im ersten Moment kokett wirken oder leicht irritierend: Die bildhübsche Frau, die einem da gegenübersitzt, die braunen schulterlangen Haare im Nacken leger zusammengebunden, dezent geschminkt, in Jeans und – zum Lippenstift passend – rotem Kaschmirpulli, betont mehrmals, dass Schönheit sie langweile und sie Perfektion nicht möge. Besonders dann nicht, wenn es um Räume gehe. Die Frau ist Interiordesignerin. Und sie macht nicht den Eindruck, als ob ihr ihre Arbeit egal wäre. Im Gegenteil. „Aber“, versucht Gracinha Viterbo zu erklären, „wir verlieben uns ja auch nicht in perfekte Menschen – sondern in die, die wir besonders finden.“

Gracinha Viterbo leitet mit ihrem Mann ein großes Interior-Design-Büro im portugiesischen Estoril, gut eine Autostunde von Lissabon am Meer gelegen. Sie ist Creative Director, entwirft Luxushotels und private Anwesen, Möbel, Leuchten und Accessoires, er führt die Geschäfte. Es ist ein „family business“, das vor 40 Jahren ihre Mutter gründete und das deren Namen trägt. „Graça Viterbo“ ist in Portugal eine Stilikone, das Büro arbeitet weltweit, mit Standorten in Singapur und Angola und zahlreichen Kunden in Brasilien.

Vor zwölf Jahren ist die Tochter eingestiegen, nach fünf Jahren Studium in London, doch mit dem Job vertraut ist sie quasi seit ihrer Geburt. Sie hat früh gelernt, was es bedeutete, wenn ihre Mutter zu Hause alle paar Jahre entrückt die Zimmer betrachtete: „Dann kündigte sich der nächste kreative Tsunami an, der uns überrollen würde.“ Dabei hat sie ein Gespür für den Beruf mitbekommen, das sie selbst nicht rational erklären kann: „Wenn ich einen Raum betrete, beginnt etwas. Er spricht zu mir.“

Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Frederic Ducout