Wer wohnt denn da? Ein Haus mit viel Glas und Kunst

Diese Räume lassen unsere Kolumnistin Meike Winnemuth frösteln. Hier kann nur ein Mann leben, findet sie, äußerst erfolgreich, knallhart, doch ohne eigenen Stil. Immerhin: Das mit dem Erfolg stimmt.

Brrrrrrr. Meine Güte, was für eine eisgekühlte Bude, geradezu ansteckend kalt: Beim Anblick dieser Bilder sinkt die Raumtemperatur in meiner eigenen Wohnung schlagartig um fünf Grad – ich geh mir mal schnell einen Pulli holen, ja?

Gut, schauen wir uns das Ganze mal an. Es geht los mit den weißen, kantigen, maximal unbequemen, geradezu eisbergartigen Ledersofas. Sitzt da wirklich jemals jemand drauf? Nee, oder? Das ist kein Wohnzimmer, das ist ein Statement. Und zwar ein Ich-habe-es-geschafft-Statement. Der Miró an der Wand mit den farblich passenden Sesseln darunter (erst die Sessel gekauft und dann das Bild? Oder umgekehrt?), der ostentativ hingesetzte Flügel, die vollkommen lustlos in Vasen gestopften Blumen (vom Fotografen hingestellt? Oder von einer mitleidigen Haushälterin?) – als Besucher möchte man sich als Erstes gleich wieder den Mantel anziehen und als Zweites dem Besitzer eine Suppe kochen. Oder vielleicht doch lieber nicht, denn dann müsste man sie mit ihm auf Barhockern am gläsernen Küchentresen essen.

Ich muss mich ein bisschen bremsen, denn ich habe ganz schlimme Vorurteile gegen den Bewohner. Es ist ein Mann, überhaupt gar keine Frage. Typ klare Kante. Erfolgreich. Spontan würde ich tippen: Londoner Banker oder Besitzer einer sehr gut gehenden Schönheits-OP-Klinik in der Harley Street. Das Haus ist ein gefliester Glaspalast und die Oberflächen der Möbel sind aus Glas oder Lack. Die Treppengeländer, die Beistelltische: Glas und Metall. Die Dekorationsobjekte auf den Glastischen: Glasschalen und Glasvasen. An jeder Stelle geht es hier um medizinisch cleane Oberflächen, um gleißende Makellosigkeit, um Härte, um Glanz.

Auch auf den prominent gehängten hyperrealistischen Tableaus von Terry Rodgers geht es um eine unangreifbare Perfektion. Auf den ersten Blick denkt man: Hui, wie sinnlich, welch kühner Kontrast zum laborhaften Interieur! Doch die Figuren in den hedonistisch anmutenden Partyszenen sind genauso auf Hochglanz poliert und leblos wie das Mobiliar davor. Perfekte Körper in perfekten Dessous mit perfektem Schmuck, opulent in Szene gesetzt – und doch starren alle blicklos ins Leere, voll Verlangen, ohne Befriedigung. Ach, man möchte fast schon weinen angesichts dieser stillen Verzweiflung auf den Bildern und in den Räumen.

Normalerweise gibt es selbst in den repräsentativsten Häusern ein Zimmer, das ein Rückzugsort ist und die wahre Seele preisgibt. Üblicherweise ist es das Schlafzimmer, das allerdings hier fast der schlimmste Raum von allen ist, eine weitere Kältekammer in Schwarz-Weiß-Metall mit Alarmstufe Rot als Akzent – ich könnte schwören, dass der Besitzer auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe „Rot“ antwortet, weil ihm das ein Imageberater als „dynamisch“ eingetrichtert hat. Stattdessen stelle ich mir vor, wie er abends allein auf der braunen Polstereckbank sitzt, neben sich die farblich passende Reproduktion von Klimts „Der Kuss“, und mit seinem kleinen ferngesteuerten Mercedes SLR spielt. Und wie er den Wagen wieder und wieder gegen die Wand fahren lässt. Rumms. Rumms. Rumms. Rumms.

Seite 1 : Ein Haus mit viel Glas und Kunst
Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
James Merrell