Wer wohnt denn da? Ein Haus mit Vielfalt

Wer wohnt denn da? Die Wände sehen aus wie frisch aus dem Steinbruch gekollert, die Möbel wie in aller Welt erobert: So archaisch richtet sich höchstens Hunnenkönig Attila ein. Oder Familie Feuerstein. Unserer Kolumnistin fällt alles Mögliche zu diesen Räumen ein. Nur eines nicht: in welchem Land sie sich wohl befinden.

Der erste Stock

Erdgeschoss
Eines der bezauberndsten Lieder deutscher Mundart hat diesen Refrain: „Bau mir ein Haus aus den Knochen von Cary Grant“, geschrieben von Foyer des Arts, circa 1985. Ich weiß nicht, warum mir ausgerechnet dieses Lied beim Betrachten der Bilder einfällt. Oder vielleicht doch: Denn wäre der Bewohner zufällig im Besitz der Knochen von Filmheld Cary Grant gewesen, hätte er sie wohl mit Freuden als Baumaterial verwendet. Er ist so einer.

Hier wurde einfach alles an kerligen, muskulösen und testosterongetränkten Baustoffen verwendet, was Natur und Schwermetallindustrie so hergeben: unbehauene Felsbrocken, Schieferplatten, ungeschliffene Holzplanken, angerostete T-Träger, Betonverschalungen und rohe Backsteine – alles rau, alles urig, ganz so als wäre es frisch vom Steinbruch ins Haus gekollert und hätte sich hier nur zufällig zu einer Wand getürmt, ebenso wie sich die Baumstämme aus dem nahe gelegenen Wald freundlicherweise zu einer Küchenwand formiert haben. Das Ganze wird selbstredend von Industriestrahlern beleuchtet, aber Grubenlampen wären natürlich auch gegangen.

Das Bad
Auch die etwas zivilisierteren Ecken dieses Hauses haben etwas Archaisches an sich: die geschlämmten, aus Lehm geformten Treppen und Regale, die kargen Liegestätten, die mit Schafs- oder mongolischen Lammfellen gepolstert sind, die nordafrikanische Sitzecke mit dem Zementfliesenmosaik und den niedrigen Tischen, die japanische Zypressenbadewanne … Hier ist einer auf seinem Araberhengst durch alle Kulturen geritten und hat sich links und rechts gegriffen, was ihm gefällt. Das Ganze hat was von Attila, dem Hunnenkönig, der sich am Ende seiner Feldzüge eine Trutzburg errichtet hat. Und die braucht er auch, denn draußen ist’s kalt.

Das Leben in diesem Haus spielt sich auf vielen Ebenen ab, so scheint es, und das in jedem erdenklichen Sinn. Nicht nur die üblichen Stockwerke sind hier gebaut, sondern auch Emporen, Sitzgruben, verschiedene Plattformen. Ein Pavianfelsen, bloß innen. Es gibt insgesamt relativ wenig Mobiliar im eigentlichen, im verrückbaren Sinn. Vieles an Regalen und Sitzgelegenheiten ist fest eingebaut und damit Teil der Struktur. So beweglich der Bewohner ist, sein Haus ist es nicht. Richtig amüsant wird es bei den Details: Was hat es bloß mit den Ausfräsungen für Weinflaschen und -gläser auf sich, die in den kleinen steinernen Esstisch eingelassen sind? So was sieht man doch sonst nur im Luxus-Yachtbau, wohingegen dieses Haus so erdenschwer ist, dass hier bestimmt nie was ins Wackeln gerät. Und auf hoher See war der Bewohner ohnehin lange genug.

Wintergarten
Wer wohnt hier also? Ein Mann, der auf angenehme Weise kultiviert – und ungehobelt – zugleich ist. Vermutlich wohnt er nicht allein, das Zimmer mit der rosa Wand lässt vermuten, dass er eine Frau an den Haaren in seine Höhle geschleift hat. Falls ja, wohnt hier eine glückliche Familie Feuerstein, die Spaß an den Basics im Leben hat.

Die Küche
Ich habe übrigens, was eher selten ist, nicht einmal den Hauch einer Vermutung, auf welchem Kontinent oder gar in welchem Land dieses Haus steht. Es wäre ohnehin überall am rechten Platz – und seine Bewohner haben die Welt ja sowieso in der Tasche. Oder etwa nicht?

Tipp: Erfahren Sie hier mehr über die Autorin dieses Artikels Meike Winnemuth

 

Seite 1 : Ein Haus mit Vielfalt
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Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Bärbel Miebach