60 Pfennig für ein Neutra-Haus Ein Haus von Richard Neutra zum Schnäppchen-Preis

Eine Briefmarke kostete es 1960 Christine und Martin Rang, um sich Richard Neutra, den Star des kalifornischen Wüstenstils, für ihr Haus in Königstein zu angeln. Nach seinen naturbezogenen Ideen errichtet, wurde es ein durch und durch praktischer Bau.

Das Haus versteckt sich hinter Rhododendrongebüsch. Seinem österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra (1892 bis 1970) hätte das womöglich gefallen. Er mokierte sich gern über Redakteure, die Texte zu seinen Häusern am liebsten mit Bildern illustrierten, „die recht kahl wirkten“, sodass sie „auf Ähnlichkeiten mit Schuhfabriken“ hinweisen konnten. Und wirklich: Die von allen Seiten einsichtigen, minimalistischen Quader aus Glas, Stahl und Bruchsteinwänden glichen in der frühen Zeit des 20. Jahrhunderts kaum den damals normalen Häusern – Gebäuden, die für den Erfinder des kalifornischen „Desert-Styles“ „nordische Einschalungen“ oder „Fensterlöcher in dicken Mauern“ waren.

Frei, offen, transparent, so stand auch das „Haus Rang“ auf dem Hang in Königstein bei Frankfurt, bevor der Garten die Regie über das Haus übernahm. Das war vor über 50 Jahren. Die Bauherren, der Frankfurter Pädagogik-Professor Martin Rang und seine Frau Christine, hatten elf Architekten „verbraucht, die Vorschläge skizziert und alle furchtbare Fehler gemacht hatten“. Immer wieder hatte sich das Ehepaar die Seiten mit Neutras Häuser in den deutschen Zeitschriften angeschaut, wo sie in den 50er-Jahren häufig veröffentlicht wurden. Denn sie waren ein Teil, mehr noch ein Symbol des großen amerikanischen Traums. Auch Christine Rang begeisterte sich für Amerika, „wo sie schon Geschirrspülmaschinen hatten“. An Neutras Häusern gefielen ihr „die großen Fenster, die weiten ineinander übergehenden Räume, die rund ums Haus herum verteilten Terrassen, überhaupt die Offenheit zur Natur“.

„Es hat uns eine Briefmarke für 60 Pfennig gekostet, ihn zu fragen, ob er unser Architekt sein wolle“, sagt sie, und es soll so klingen, als sei das damals keine große Sache gewesen. Richard Neutra war 68 Jahre alt, als er die Post aus Deutschland bekam. 15 Jahre zuvor hatte er im kalifornischen Palm Springs das legendäre „Haus Kaufmann“ gebaut, welches durch die Fotos von Julius Shulman zur Architekturikone wurde. Doch die Aufmerksamkeit der Aufbruchszeit war verflogen. Den in Wien geborenen und aufgewachsenen Richard Neutra zog es nach Europa zurück. Die Hamburger Betreuungs- und Wohnungsbaugesellschaft wollte mit ihm in Quickborn und in Walldorf bei Frankfurt Wohnsiedlungen bauen. Wie wäre es, wenn er sich beim Bau ihres Hauses schon einmal mit den Gegebenheiten in Deutschland vertraut machen könnte, argumentierte das Ehepaar Rang schlau – und hatte Erfolg. „Er hat uns geliebt“, sagt Christine Rang, „weil wir arm waren. Er ist selbst nie reich geworden.“

Es gab wenig, was Christine Rang für ihr Haus wünschte: „Ich wusste, dass ich etwas Wunderbares von ihm bekomme.“ Nur so viel: Alle Wohnräume sollten nach Süden ausgerichtet sein, auch die Küche. Und sie wollte dort keinen Betonboden haben, „der die Füße kaputt macht“. Alles sollte so praktisch sein, dass keine Putzfrau nötig ist. Der Trakt für ihre Kinder sollte abgetrennt sein, denn so Christine Rang: „Ich stamme aus einer Familie von Hundertjährigen und konnte schon damals damit rechnen, dass ich meinen 26 Jahre jüngeren Mann überlebe und dass irgendwann die Kinder aus dem Haus sind.“ Auch eine zweite Garderobe wurde Richard Neutra plausibel gemacht: „Wir haben ihm erklärt, wie viele Mäntel und Schuhe wir in Deutschland tatsächlich brauchen.“

Sie bekam alles und mehr, denn Neutra, nach eigenem Verständnis „ein Planer glücklicher Haushaltungen“ und berüchtigt für seine langen Fragebogen hatte sich mehr als intensiv erkundigt. „Er fragte, wann ich morgens aufstehe, wer bei uns das Frühstück macht, warum wir so ein großes Grundstück (über 4000 Quadratmeter) haben und wer denn das alles bearbeiten soll.“ Er horchte sie so lange aus, bis sie sich sperrte. Daraufhin ging er zur Nachbarvilla, wo ein Geologe wohnte, den er weiter „nach allem ausquetschte, was es über den Taunus zu wissen gibt“.

Das Ergebnis: In der Küche gehen die Fenster nicht nur nach Süden, sondern ebenso nach Westen und Norden. Den ehemaligen Kindertrakt hat sie heute an Studenten vermietet, und noch immer kommt sie ohne Putzfrau aus. Ihr Haus gleicht der Raumflucht in feudalen Gebäuden, wo die Zimmer riesig und die Wände hoch sind und wo ein Raum in den anderen übergeht: Küche, Familien- und Wohnzimmer. Bescheiden und doch unbegrenzt. Das machen die bodentiefen Fensterfronten, die Fensterbänder und die wandfüllenden Spiegel, wenn doch mal eine Wand nicht zu vermeiden war. Drinnen, draußen, Licht kommt von überall. Tief im Innern – so fühlt es sich an – sind hinter einer Kaminwand die Arbeits- und Schlafzimmer wie in einer Höhle geborgen. Richard Neutra hat, obwohl alles ineinander übergeht, seinen Auftraggebern einen aktiven und einen passiven, intimen Bereich für die Rückzugsmöglichkeit gebaut.

Beim Einzug brachte das Ehepaar seine Einrichtung mit – „wir hatten schon 15 Jahre vorher die modernsten Möbel, die es gab und die sonst kein Mensch hatte“ –, anderes wurde getischlert. Nur einen „dunklen schweren Klump“ schleppten sie mit, einen Schreibtisch vom Großvater. Ein halbes Jahr stand er im Haus, „dann haben wir ihn hinausgeschafft“. Er passte einfach nicht.

Seit gut fünf Jahrzehnten lebt Christine Rang, heute über 80 Jahre alt, rüstig, etwas schwerhörig, voller Geschichten, in ihrem Neutra-Haus. Lange nahm keiner Notiz von dem Bau, obwohl es nur sieben weitere Privathäuser des revolutionären Baumeisters in Europa gibt. Erst seit eine Ausstellung 2010 im MARTa Herford auf ihn aufmerksam machte, interessieren sich Menschen für das gebaute Manifest dieses „biorealistischen“, ganz der Natur zugewandten Hauses. „Alle, die kommen, sind großartige Leute“, sagt Christine Rang.

 

Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Robertino Nikolic