Wer wohnt denn da? Eine Wohnung voller Kunst und Design

Na toll! Mal wieder ein Stilmix – dachte unsere Kolumnistin und wollte sich schon langweilen. Doch dann erkannte sie, dass diese Wohnung besonders ist: In jedem Raum herrscht ein anderer Geschmack, der aber konsequent. Die Schlüsse, die sie daraus auf den Bewohner zieht, sind teilweise arg gewagt.

Faszinierend, meine Damen und Herren. Hochinteressant. Sieht man selten dieser Tage, so was. Auf den ersten Blick möchte der Wohnzeitschriftenzyniker angesichts dieser Bilder gähnen und sagen: Na toll! Mal wieder ein Stilmix ... Die übliche wahnsinnig anstrengungslos zusammengerührte, kunstvoll artifizielle Mischung aus ein bisschen Memphis Design, ein wenig Sixties-Plastikkram, etwas Louis-quelque-chose plus Ingo-Maurer-Leuchter, dazu bunte Kunst, das Ganze unter Stuck – badabing! Fertig ist die global akzeptable, das Beste aus jedem Jahrzehnt fischende, sorgsam kuratierte idealtypische Gesamtwohnung. „Ach, das alte Ding? Habe ich irgendwann mal auf diesem kleinen Flohmarkt in Chalon-sur-Saône gefunden. Der Verkäufer wusste nicht, dass es ein Blablabla-Prototyp ist.“ Und überall, wirklich überall findet sich ein Eames-Schaukelstuhl und/oder ein ironisches Geweih und/oder ein originaler Fabrikspind aus einem tschechischen Walzwerk.

Seufz. Alles schön und gut. Oft wirklich schön und wirklich gut. Das Problem ist nur, dass dieses Prinzip inzwischen so ubiquitär geworden ist, dass es eben nicht mehr originell oder individuell ist, sondern eben … seufz. Wir leben im Zeitalter der Juxtapositionen. Ein klares Bekenntnis zu einem Stil, eine eindeutige Liebe? Pustekuchen. Ebenso wie auf den Hundewiesen keine Pudel oder Dackel mehr herumlaufen, sondern Labradoodles, Goldendoodles, Puggles, Maltipoos, Schnoodles oder Goldmaraner, sind unsere Wohnungen Designerkreuzungen: Postmodern Danish Country Baroque, Minimal Primitive Britpop.

So auch hier. Dachte ich. Aber dann schaute ich genauer hin. Stimmt nicht: Jedes Zimmer ist zwar anders, aber jedes Zimmer ist in sich konsequent. Das Schlafzimmer allerfeinstes Art nouveau (Ich verstehe davon nichts, aber: Louis Majorelle vielleicht? Dieses Bett, diese Blumenintarsien!), das Esszimmer voll Stilmobiliar, die Memphis-Ecke auf dem Treppenabsatz mit Michele de Lucchis Flamingo-Beistelltisch und Alessandro Mendinis Sessel Proust (wenn auch in der Geometrica-Version von 2009) – mit anderen Worten: eine Sammlung von reinrassigen Stilwelten unter einem Dach, aber jede hübsch für sich. In jedem Raum ein anderer Geschmack. Was die Sache allerdings nicht weniger verwirrend macht.

Hier wohnt vermutlich ein Mensch mit multiplen Persönlichkeiten, über die er sehr gut Bescheid weiß und die er bestens im Griff hat. Wenn ich das Dragqueen-Bild (Olivia Jones?) und das Foto von Amnesty Internationals rosa Panzer richtig deute, dürfte es jemand sein, der sich in der LGBT-Gemeinde (= Lesbian, Gay, Bisexual, Trans) engagiert und – die beherzte Möblierung des wunderschönen alten Treppenhauses zeigt es – Talent für den großen Auftritt hat. Man könnte sogar sagen: Das Leben findet auf der Showtreppe statt.

Flamboyant, nicht mehr ganz jung, nicht unvermögend (die Limited Edition von Marc Newsons Felt Chair!), entschiedener Vertreter des Sowohl-als-auch, aber offen für Neues. Der Plopp-Hocker von Oskar Zieta ist keine zwei Jahre alt: Metall wie einen Luftballon aufblasen, das Unmögliche möglich machen – so was gefällt diesem Bewohner.

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Seite 1 : Eine Wohnung voller Kunst und Design
Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Sabrina Rothe