Wer wohnt denn da? Eine Wohnung wie eine Installation

So macht das aber auch keinen Spaß! Bis ins Detail hat unsere Kolumnistin Herkunft und Beruf des Bewohners erraten und auch, wo seine Wohnung liegt. Aber immerhin wartet die mit ein paar hübschen Absonderlichkeiten und der Hausherr mit einem Bekenntnis zum halböffentlichen Privatleben auf.

Ein französischer Galerist. Ha! Damit haben Sie nicht gerechnet, dass ich Ihnen gleich zu Beginn den Verdächtigen serviere, was? Zumal ich mir nicht mal sicher bin. Nicht doch vielleicht ein Architekt? Der bloß gern ein Franzose wäre?

Beginnen wir mit der Beweisaufnahme: Der Bewohner (ich bin geneigt zu glauben: ein Mann. Der Beamer unter der Decke! Eindeutig männlich.) mag die Leere so sehr wie die Inszenierung. Die Möbel sind fast ausschließlich Einzelstücke, die auf hellem, gegossenem Boden und vor weißen Wänden wie kleine Skulpturen präsentiert werden. Dies ist keine Wohnung, sondern eine Installation. Hier wird mit Formen und Farben experimentiert, nicht gelebt. Halt, ich revidiere. Für den Bewohner gilt: Experimentieren + Inszenieren = Leben. Bis auf die nahezu obligatorischen Eames-Plastikstühle am Esstisch (die ich fast enttäuschend finde angesichts der ansonsten hier tobenden unbestreitbaren Originalität – ey, lieber Bewohner: Das kannst du besser!) stehen die Möbel herum wie Gäste einer Vernissage, die nicht so recht ins Gespräch finden wollen. Sie sehen alle gut aus, wie das auf Vernissagen nun mal gern der Fall ist, aber sie können nichts miteinander anfangen (dito). Zwei Teppiche versuchen immerhin einen Dialog über ihre gemeinsame Kreisform, der Saarinen-Tisch auf dem grünen Zirkel hat ebenfalls ein Wörtchen mitzureden, aber dann erstirbt die Konversation auch gleich schon wieder.

Lassen Sie uns nun zur Liebe des Bewohners zu Fake- oder (feiner gesagt) Trompe-l’oeil-Effekten kommen. Die Schiebewand zur Küche, die auf den ersten Blick wie eine grob gemauerte Wand aussieht, in Wirklichkeit aber so dick ist wie ein durchschnittliches Coffee-Table-Buch. Die ziemlich wundervolle, mit Kunstrasen verkleidete Treppe, deren besonderer Charme darin besteht, dass ausschließlich die Vertikalen, nicht die Horizontalen mit dem Astroturf belegt sind. Natur kommt im Treppenhaus gleich mehrfach vor, aber immer nur als Zitat: die geweißelten Zweige an der Wand, der Baumstamm-Hocker, das grob zusammengezimmerte Katheder, das fast wie ein Laufband aus einem Fitnesscenter aussieht – Natur als Skulptur, dem Menschen untertan und dem kreativen Menschen allemal, der all das hier gekonnt inszeniert hat.

Um es zusammenzufassen: ein Maisonette-Loft, das sich Mühe gibt, seine Eingeweide herzuzeigen, indem gleich im Entree die Papierlampen die abgehängte Decke ausleuchten. Das sorgfältig improvisiert daherkommt, indem die auffällige Wand mit den kreuz und quer verspannten Schnüren nicht ganz bis zum Boden gestrichen wurde, ein Umstand, auf den auch noch mal die extragroben Fußleisten hinweisen. Die Wohnung wirkt nicht sehr intim, nicht sehr privat, sondern eher wie Repräsentativräume, gefühlt im Obergeschoss eines ehemaligen Bürohauses. Allein die Küche hinter der Fake-Mauerwand: Wer, bitte, braucht zwei große Spülen mit Profi-Wasserhähnen in einer ansonsten doch eher überschaubaren Küchenzeile, wenn hier nicht am laufenden Meter entertaint würde?

Wer wohnt hier also? Ich bleibe dabei: Franzose. Galerist. Nee, Architekt.

Schlagworte:
Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Patricia Parinejad