Oben Hütte, unten Glasbox Ferienhaus von LODE

Perfekte Tarnung: Auf einem Waldgrundstück nahe der bretonischen Küste baute ein pariser Architektenduo ein Ferienhaus, das sich mit großen Fenstern und Holzverkleidung in die Landschaft fügt.

Hier wohnt doch niemand! Nahezu unberührt wirkt das weitläufige Waldgrundstück, das sich nahe Brest, an einer Flussmündung in den Atlantik, am Hang erstreckt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man das Haus, das hier zwischen alten Bäumen steht. Ein schlichter Kubus mit zwei Etagen, unten Glasbox, oben Hütte: Das Obergeschoss ist rundum mit rohen Holzplanken verkleidet, während sich in den Fensterflächen des Erdgeschosses wuchtige Eichen, Buchen und Kastanien spiegeln. Es ist die perfekte Tarnung.

Der eigenwillige Neubau stammt von Arnaud Lacoste und Jérôme Vinçon, die das Architekturbüro LODE in Paris führen. Er ersetzt ein konventionelles Häuschen, das an gleicher Stelle stand: Spitzgiebel, Putzfassade und vier verwinkelte Zimmer über einer Garage und Abstellräumen. „Es war typisch neobretonisch und ziemlich verwohnt“, sagt Arnaud Lacoste. Also nicht gerade das, was sich sein Bauherr als Ferienhaus vorstellte. Der Pariser Unternehmer verbringt seit seiner Kindheit jede freie Minute in der Bretagne, und als er vor vier Jahren dieses ein Hektar große Gelände nebst Altbau kaufte, machte er sich sofort auf die Suche nach einem Architekten. „Ich habe unzählige Architekturmagazine gewälzt“, erzählt er. Unter den drei Büros, die er sich notierte, stand LODE ganz oben: „Mir gefiel, wie unterschiedlich die Projekte waren.“ Und weil ihn schon das erste Gespräch überzeugte, „habe ich die beiden anderen Büros danach nicht mehr kontaktiert“, sagt er lachend.

Was genau seinen Lebensstil ausmacht, wollte der neue Besitzer den beiden Architekten beim ersten Treffen vor Ort Mitte 2010 vorführen – er lud gleich 20 seiner besten Freunde aus der Region mit ein. „Die Begehung in Partylaune war außergewöhnlich, aber sehr anschaulich“, sagt Arnaud Lacoste. Mit dem letzten Glas Wein wurde der Abriss des Bestandsgebäudes besiegelt – und dass auf dessen Grundfläche von neun mal 16 Metern und in gleicher Höhe, sechs Meter, neu gebaut werden sollte. „Ich wünschte mir ein Haus im Einklang mit der Natur. Eine Holzhütte in XXL gewissermaßen“, sagt der Hausherr. Er beschreibt sich selbst als begeisterten Segler, er rudere gern, fahre Rad und habe oft Gäste. Umso mehr müsse er ab und zu abschalten können.

„Zum roten Faden für unseren Entwurf wurde dieser Kontrast zwischen Aktivität und Geselligkeit einerseits und Rückzugsbedürfnis andererseits“, sagt Arnaud Lacoste. Seit er und sein Partner nach dem Studium an der École d’architecture de Versailles 2001 ihr Büro gegründet haben, entwickeln sie bewusst keinen eigenen, stets wiedererkennbaren Stil. Ihr gestalterischer Motor sind stattdessen stets die Bedingungen, idealerweise sogar Beschränkungen, die ihnen jedes Projekt auferlegt. In diesem Fall galt es, auf die Landschaft zu reagieren, auf die Nähe zum Fluss und zum Atlantik, den dichten alten Baumbestand, die Lage am Hang, zudem war die Größe des Neubaus durch das Bestandsgebäude vorgegeben. Ihr Entwurf ist radikal: maximale Offenheit im Erd-, maximale Verschlossenheit im Obergeschoss.

Die untere Etage ist an der Westseite mit Beton in den Hang verankert (und bietet Platz für zwei Technikräume und ein Gäste-WC), die übrigen Wände bestehen ganz aus breiten Glastüren. Werden sie aufgeschoben, gehen Innen und Außen ineinander über. Der Wohnbereich nimmt mit 130 Quadratmetern fast die ganze Grundfläche ein, acht schlanke Stahlträger tragen den ersten Stock.

Dieser wirkt mit seiner Schale aus unbehandeltem Kastanienholz wie eine schwebende Hütte. Hier gibt es zwei kleine Schlafzimmer mit schwarzen Wänden und einem Bodenbelag aus weichen Korkplatten, zwei Bäder, Ankleiden und zwei Terrassen, die ebenfalls hinter den Holzplanken verborgen bleiben. Doch sind diese hier wie auch vor den Fenstern schmaler und schräg gestellt wie senkrechte Lamellen. So fällt Licht nach innen, man kann hinaus auf Fluss und Wald schauen – ist aber vor Blicken geschützt. „Bevor ich unter die Dusche gehe, öffne ich die Fenster ganz weit, dann höre ich die Vögel und rieche das nahe Meer“, schwärmt der Besitzer.

Zwischen den beiden Bereichen des Hauses vermittelt, auch ästhetisch, eine imposante Treppenskulptur aus luftig gestapelten Schichtholzplatten, die aus der Mitte des Wohnraums nach oben führt. „Sie war das komplizierteste Element im ganzen Haus“, erklärt Arnaud Lacoste. „Der Bauherr wünschte sie sich als eine Art Filter, semitransparent, aber auf keinen Fall aus Beton oder Glas, ein Raum im Raum sozusagen. Das ist der gefühlte 15. Entwurf, den er kurz vor der Fertigstellung des Hauses akzeptierte.“ Klare Formen und wenige, natürliche Materialien bestimmen die Innenausstattung insgesamt: Natursteinplatten aus Luzern wurden im Wohnbereich und rund ums Haus verlegt, ein Arbeitsblock aus Kastanienholz bestimmt die offene Küche. Der Salon besteht aus zwei schlichten Sofas und einer groben Holzbank vor einem frei hängenden Kamin, und am wichtigsten ist sowieso der lange Esstisch aus Holz.

Zwölf Monate dauerte die Planungsphase, 15 Monate die Bauzeit. Als das Haus im Juli 2012 fertiggestellt wurde, waren Besitzer und Architekten Freunde geworden. Der Hausherr überreichte Arnaud Lacoste und Jérôme Vinçon einen Hausschlüssel: Sie seien jederzeit willkommen, auch in seiner Abwesenheit. Die Einweihungsparty mit einer brasilianischen Band und mehr als 100 Gästen wollten die Architekten dann aber doch lieber nicht miterleben. „Für sie muss es gewesen sein, als würde man ihr neugeborenes Baby einem schweren Herbststurm ausliefern“, sagt der Gastgeber lachend. „Aber Sie sehen ja selbst: Das Haus steht noch!"

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Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Christoph Theurer