Zurück zum Ursprung Freimaurer-Villa in Hamburg

Eine Kapelle als Wohnküche, das Schlafzimmer komplett gekachelt – und die Vergangenheit zeigt überall ihre Spuren: Die Architekten Ingrid Spengler und Manfred Wiescholek bewohnen in Hamburg eine Villa, die sich ein Freimaurer 1895 bauen ließ. Die Räume, durch vielfache Umbauten verändert und entstellt, saniert das Paar mit Akribie, Geduld und viel Gespür für den Charme des Unperfekten.

Der Satz klingt fast banal, und Ingrid Spengler lässt ihn beiläufig fallen: „Jedes Haus erzählt eine Geschichte, es altert, es bekommt Verletzungen – und ich finde es schön, wenn man die auch sieht.“ Wenn ihr Lebens- und Geschäftspartner Manfred Wiescholek, beide führen das renommierte Architekturbüro Spengler & Wiescholek in Hamburg, noch hinzufügt: „Man soll ruhig sehen, dass ein Elektriker Schlitze in eine Wand gehauen hat“ – dann ist das doch ungewöhnlich für zwei Architekten, die für klare Neubauten bekannt sind wie die mehrfach ausgezeichnete Hamburger Hafencity-Schule mit dem bunten Schulhof auf dem Dach. Und doch sind die Sätze stimmig. Vor allem hier, in der einstigen Kapelle, die jetzt die Wohnküche ist in ihrem Haus nahe der Elbe. Seit fast 18 Jahren leben sie in und mit der alten Villa und legen mit einer bemerkenswerten Mischung aus Akribie, Geduld und sehr viel Gespür für den Charme des Unperfekten deren wechselvolle Geschichte frei.

Das zweigeschossige Gebäude wurde 1895 als Landhaus für einen Hamburger Kaufmann und seine Familie erbaut. 500 Quadratmeter Wohnfläche, „repräsentatives Erscheinungsbild“ mit Erkern, Holzbalkonen und „dekorativem Fachwerk“, wie es in der Begründung des Denkmalpflegers heißt, der den Bau 1999 unter Schutz stellte. Der Kaufmann war Freimaurer, Mitglied der Hannoveraner Loge. Für sie ließ er zwei Jahre nach Fertigstellung einen Andachtsraum anbauen: eine Kapelle mit Altarnische, gotischen Bogen und Fenstern, Deckengewölbe und einem Wandgemälde in der angrenzenden, früher offenen Loggia. Eine blonde Jungfrau ist darauf heute wieder zu sehen, von einem russischen Spezialisten so weit als möglich restauriert, mit Zirkel in der rechten und Farbpalette in der linken Hand, eine Eule zu Füßen – Symbole des Freimaurertums. „Wir kommen uns in diesem Haus manchmal vor wie Archäologen“, sagt Ingrid Spengler. Das Bild hatte man mit Raufaser überklebt – ein kleinerer der Eingriffe, denen das äußerlich unversehrte Haus über die Jahre ausgesetzt war.

 

Seite 1 : Freimaurer-Villa in Hamburg
Schlagworte:
Autor:
Volker Corsten
Fotograf:
Manfred Wiescholek