Der Architekt Rudy Ricciotti restaurierte ein baufälliges Gehöft

Glashaus von Rudy Ricciotti

Verdoppeln statt abreißen: Der Architekt Rudy Ricciotti ließ ein baufälliges Gehöft in der Normandie restaurieren – und spiegelte das ganze Gebäude in einem Anbau aus Stahl und Glas. Das spektakuläre Ergebnis ist fast 52 Meter lang.

Wie macht man einem Stararchitekten mit Sitz in der Provence einen Auftrag im französischen Norden schmackhaft? Jean-Pierre Lanctuit hatte gute Zigarren, eine Modern-Jazz-Sammlung und 300 schottische Whiskys zu bieten. Vor allem aber hatte er ein Argument, das so verrückt wie charmant war: „Ich möchte ein Haus für mein Auto bauen“, schrieb er Rudy Ricciotti. Der radikale Baumeister, dem 2006 die höchste Architekturauszeichnung in Frankreich, der Grand Prix national de l’Architecture verliehen wurde, verlangt von privaten Bauherren gern einen „Motivationsbrief“. Und weil dieses Auto nicht irgendeines ist, sondern ein Renault Alpine 1600 S, einst die französische Antwort auf den Ferrari „Dino“, 38 Jahre alt und auf Hochglanz poliert, deshalb trafen sich der Architekt und der Auftraggeber schon kurz darauf und diskutierten bei Havannas, Miles Davis und einem 16 Jahre gereiften Islay Malt das Bauprojekt. Das war vor sieben Jahren. Inzwischen sind beide Freunde geworden, und der Bauherr wohnt in einem Haus, welches halb historisches Baudenkmal, halb modernes Glashaus ist und außerdem ein spektakulärer Schrein für seinen Wagen. Aber dass es überhaupt fertig wurde, war eine Kraftprobe für beide.

Jean-Pierre Lanctuit liebt schnelle Autos. Er besitzt unter anderem mehrere Porsches und Jaguar E-Types und fährt sie natürlich alle selbst. Ein Hobby, für das lange wenig Zeit blieb. Er entwickelt und vertreibt weltweit Maschinen für die Herstellung von Plastikflaschen (allein in den USA hat seine Firma 90 Prozent Marktanteil) und war mehr im Flugzeug als im Auto unterwegs. Doch im Jahr 2000 beschloss er, beruflich kürzer zu treten und ein Haus in seiner Heimat Normandie zu bauen. „Ich wollte keine isolierte Lage, sondern die Anbindung an Rouen“, sagt er, „eine Sisyphos-Aufgabe!“ Eine Freundin machte ihn schließlich auf das 200 Jahre alte Gehöft in ihrer Nachbarschaft aufmerksam – verlassen, verfallen, vergessen. Das dazugehörige Land war verkauft und bebaut. Aber die Ruine und 800 Quadratmeter Garten wollte keiner, vielleicht wegen der Kosten für die Restaurierung des alten Bestandes aus Fachwerk, Naturstein und Schieferdach. Selbst ein Abriss wäre teuer geworden.

Seite 1: Glashaus von Rudy Ricciotti
Autor:
Eva Müller-May
Fotograf:
Gary Gunderson