Ferien im Garten Eden Haus von Marco Zanini

Sechs Hektar Land, dicht bewachsen mit wilden Bananenstauden und einem Blick übers Meer, der den Atem nimmt: Im brasilianischen Paraty hat Designer und Memphis-Mitbegründer Marco Zanini sein Paradies gefunden - und ein strahlend buntes Haus hineingebaut.

Es gibt praktische Gründe für einen blendend weißen Fußboden, von denen man als durchschnittlicher Europäer glücklicherweise nichts ahnt. „Skorpione, Taranteln, die ganzen anderen Insekten – wir haben den Fußboden bewusst weiß gewählt, damit man sie gut sieht. Vor Kurzem war eine giftige Schlange in meinem Arbeitszimmer. Wir lassen nämlich immer die Fenster offen.“ Marco Zaninis betont beiläufiger Ton verrät, dass er nur zu gut weiß, was diese Vorstellung beim Zuhörer auslöst – und dass er ganz gern ein bisschen damit spielt. Das würde jedenfalls passen zu einem Mann, der über sich selber sagt: „Ich hatte das Glück, mich mein Leben lang gut zu unterhalten. Ich lehne es ab, Dinge zu tun, die mir kein Vergnügen machen.“ So wurde er als Mitbegründer der Design bewegung Memphis bekannt, die 1981 einen fröhlichen Aufstand gegen die damals dominierende funktionale Ernsthaftigkeit ausrief.

Erwähnt hat der Architekt und Designer Zanini den Fußboden aber aus einem anderen Grund: Für ihn zeigt sich darin der ganze Charakter des Hauses, das er sich nahe der kleinen brasilianischen Kolonialstadt Paraty baute. „Es ist ein entspanntes Haus, ohne Komplikationen, ein Haus, in dem man ein einfaches, aber gutes Leben führen kann.“ Zu dem Eier von den eigenen Hühnern ebenso gehören wie das Obst und Gemüse, das im Garten wächst und das er kistenweise ins 250 Kilometer entfernte Rio de Janeiro mitnimmt, wo seine Familie ihre Hauptwohnung hat.

Doch das farbenfrohe Haus, 300 Meter über dem Meer von üppiger Vegetation umschlungen, ist mehr als ein Feriendomizil. Zanini, der jetzt 62 ist, sieht sich mit 70 oder 75 viel mehr Zeit hier verbringen: „Es wurde mit dem Gedanken an die Zukunft gebaut.“ Er hat es selbst entworfen: lichte, luftige Räume um einen bepflanzten Innenhof herum; ein Wohn-, zwei Schlaf- und ein Arbeitszimmer, eine großzügige Küche und wo immer es ging Fenster, „denn das Schönste hier ist die Aussicht“. Hundert Kilometer weit sieht man von hier oben übers Meer, über eine Bucht mit unzähligen kleinen Inseln. Zaninis siebenjährige Tochter liebt es, auf dem sechs Hektar großen Grundstück frei herumzustreifen, wobei sie, wie der Vater trocken bemerkt, sich absolut nicht vor Schlangen fürchtet.

Seine Frau, die brasilianische Designerin Flávia Alves de Souza, hat die Innenausstattung übernommen. Von ihr stammt etwa die Idee, die Badezimmerwand mit weißen Tellern statt mit Fliesen zu bedecken und eine ganz Wand in der Küche mit Azulejo-Scherben – die blau-weiße Keramik gehört zum portugiesischen Erbe Brasiliens und ist weitverbreitet. Diese Küchenwand macht einen zugleich traditionellen und originellen, unbekümmerten Eindruck, der außerdem auf kostengünstige Weise zustande kam: Die Bruchstücke sind Produktionsabfall. 600 Kilogramm davon haben Zanini und Alves de Souza, die Tochter auf dem Rücksitz, mit einem Anhänger aus einer Fabrik im Bundesstaat São Paulo geholt – ein Ausflug von insgesamt 1300 Kilometern, der ihm offensichtliches Vergnügen machte.

Paraty ist ein beliebtes Feriengebiet und liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Rio und São Paulo; dass er ausgerechnet hier, „inmitten dieser Megalopolis“, sein Naturparadies fand, erscheint Zanini „völlig unlogisch“. Denn mit seiner Frau ist er über die Jahre jeden Meter der brasilianischen Küste abgefahren, auf der Suche nach einem Ort wie diesem: „Ich wollte unbedingt ein unberührtes Stück Land am Meer, wo ich wirklich in der Natur sein konnte.“

Diese Sehnsucht hat ihren Ursprung auf einer kleinen Insel vor Panama. Nach 25 Berufsjahren in Mailand, wo er Partner von Ettore Sottsass war, und sieben Millionen berufsbedingten Flugkilometern, hatte Zanini „das Ganze ein bisschen satt“ und ging für ein großes Projekt auf besagte, unbewohnte Insel. Fünf Jahre lebte er dort, während er unter schwierigsten Bedingungen ein privates Forschungszentrum baute. „Es gab nichts, keinen Strom, nichts.“ Seitdem muss er regelmäßig raus aus der Stadt.

Das Panamaprojekt war ein so kompliziertes Unterfangen, „dass danach alles leicht erscheint“. Für den Hausbau in Paraty erwies es sich damit als die beste Schule. Denn auch hier kämpfte Zanini mit der Logistik: Zwei Kilometer steile, nicht asphaltierte Straße führen zu seinem Haus hinauf. Der erste Bauunternehmer, den er beauftragte, hatte nur ein Motorrad: „Er konnte Hammer und Nägel transportieren, aber schon mit einem Sack Zement schaffte es das Motorrad nicht mehr den Berg hoch!“ Der zweite und der dritte waren nicht besser. Dem vierten – oder war es der fünfte? – stellte Zanini schließlich die Bedingung, sich einen VW-Käfer anzuschaffen – „das einzige Auto ohne Vierradantrieb, mit dem man hier heraufkommt“. Fünf Jahre nahm das Projekt in Anspruch, und seit fünf ist es fertig.

Zanini schildert das alles mit dem gut gelaunten Sportsgeist eines Menschen, der bewusst „dem tropischen Chaos“ den Vorzug gibt vor „der aseptischen Sauberkeit einer deutschen Stadt“. Von Brasilien aus betrachtet, erscheint ihm Europa als ein Ort der sehr begrenzten Möglichkeiten – „für alles braucht es Millionen von Genehmigungen, man kann kaum mehr was machen“. Doch hat er selbst, ganz europäisch, für sein Haus in Paraty alle Genehmigungen eingeholt – er vermutet, als Einziger im ganzen Umkreis. „Das ist hier Wilder Westen.“

Die Möbel stammen fast alle aus Zaninis früherer Wohnung in Mailand. Memphis-Stücke sind nicht darunter. Die stehen in der Wohnung in Rio, wo sie besser hinpassen und die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass sie gestohlen werden. Er lebt noch immer gut mit ihnen: „Sie sind fröhlich, so wie sie damals fröhlich waren.“ Er selbst liebt seit jeher Farbe. Auch sein Haus in Paraty leuchtet, der vorherrschende Ton: ein starkes Blau. „Wir haben Zeichnungen vom Haus gemacht, sie angemalt – und so sah es am schönsten aus.“

Wie beim Fußboden hat die Farbwahl aber noch einen anderen Grund. Das Haus ist nur von wenigen Stellen aus sichtbar, die meisten auf dem Meer und kilometerweit weg. Aus dieser Entfernung betrachtet, vermischt sich das Blau mit dem Blaugrün des Waldes, der Bau ist nicht mehr auszumachen – „die Farbe lässt ihn verschwinden“.

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Autor:
Barbara Baumgartner