Kostbar und Kurios, Antik und Modern Italienische Farbenlehre

Kostbar und Kurios, Antik und Modern: Carlo Dal Biancos Kunstsammlung ist so vielfältig wie überbordend. In seinem Haus in Vicenza zeigt der Designer sie in farbenfrohen Räumen. Das verleiht den Bildern Grandezza - und verbreitet gute Laune.

Die schwere, weiß lackierte Holztüre öffnet sich – und ein korallenrot gestrichenes Entree empfängt den Besucher. Ein Biedermeiersofa unter einem Ölbild aus den 30er-Jahren füllt den kleinen Raum; ein Foxterrier hat sich darauf ausgestreckt und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. So bildet er zusammen mit dem Gipsabguss einer klassizistischen Venusbüste, zwei Wedgwood-Vasen aus den 50ern, einem hölzernen Porträtkopf vom Flohmarkt und einer Vintage-Tischleuchte mit schwarz-weißem Schirm ein Stillleben, das eine Menge über den Hausherrn erzählt.

Hier wohnt jemand, der ein geschultes Auge für Kunst und Design hat, der seine Klassiker kennt und Zeitgenössisches schätzt. Der gekonnt Objekte unterschiedlichster Herkunft kombiniert, ohne Wertvolles museal zu inszenieren. Die Dinge, die er liebt, sind Teil seines Alltags. Und Alltag bedeutet für Carlo Dal Bianco, 46, Architekt und Designer, seit 18 Jahren verheiratet und Vater von vier Kindern: Familie und Arbeit – beides unter einem Dach. Sein Haus in Vicenza, ein unaufgeregter viergeschossiger Bau aus den 50er-Jahren, den er 2004 kaufte und umbaute, beherbergt im Erdgeschoss sein Design-Atelier. Hier entwickelt er Produkte und architektonische Konzepte für den Mosaikhersteller Bisazza oder die Porzellanmanufaktur Fürstenberg. Darüber wohnt die Familie auf drei Etagen und 400 Quadratmetern. Das zweite Geschoss haben die Kinder für sich, in der dritten liegen der Eingang und die Zimmer der Eltern, und ganz oben wird gekocht, gegessen, gewohnt. Leben und Arbeiten bilden eine Einheit, die bunter kaum sein könnte: Ob Sonnengelb oder Taubenblau, Pistaziengrün oder Schokoladenbraun, Tiefschwarz oder Korallenrot – jeder Raum hat eine andere Farbe, und jede wirkt selbstverständlich und sophisticated, nicht eine kommt grell oder unpassend daher.

„Für den Eingang habe ich ganz bewusst einen starken, heiteren Ton gewählt, der den Besucher freundlich stimmt“, erklärt Carlo Dal Bianco. „Ein Kniff, der ursprünglich aus dem Barock stammt.“ Die Farben, die er für einenRaum auswählt, beziehen sich stets auf ein konkretes Objekt. Im Flur war es das Bild des italienischen Malers Otello De Maria über dem Sofa, das sich der Designer und seine Gattin Alessandra Rebellato, eine Restauratorin, zur Hochzeit schenkten. „Für das Biedermeiermöbel suchten wir dann einen Bezugsstoff, der farblich zum Gemälde passt – und auch die Wahl der roten Wandfarbe kam so zustande“, sagt Carlo Dal Bianco. Dass Foxterrier Masai dem Sofastoff reichlich Gebrauchsspuren beigebracht hat, quittiert der Designer mit mildem Lächeln. Das gehört zum Alltag – und tut der Suggestionskraft des Interieurs keinen Abbruch.

Vom Entree aus wandelt man durch eine Raumfolge, die mit ihrer klaren Symmetrie dem Barock entlehnt ist, und man staunt, wie sich Stimmungen ändern, das Gefühl von Distanz und Weite sich mit Konzentration und Nähe abwechselt. Wie sich Raumecken und von der Architektur vorgegebene Grenzen zwischen Vertikalen und Horizontalen aufzulösen scheinen, wenn Carlo Dal Bianco satte, dunkle Töne von den Wänden nahtlos auf die Decken übergehen lässt.

Quadratische weiße Flächen rahmen in der Mitte der Decken große Leuchter – antike venezianische Modelle, Flohmarktfunde, eigene Entwürfe – und räumen nebenbei mit dem Vorurteil auf, dass dunkle Farben Räume kleiner wirken lassen. „Ganz im Gegenteil! Durch die weißen Flächen an der Decke scheinen sich die Zimmer zum Licht zu öffnen und erscheinen so größer, als sie tatsächlich sind“, erklärt der Architekt den Kunstgriff, den er nicht nur in den meisten Räumen im Haus angewendet hat, sondern auf den er auch bei der Gestaltung der Showrooms seines Kunden Bisazza in Miami, Tokio und New York zurückgegriffen hat.

Carlo Dal Bianco hat in Venedig Architektur studiert, bevor er 1993 sein Büro in Vicenza eröffnete. Aus dieser Zeit stammt seine Liebe zur Renaissance, zum Klassizismus und zur Malerei des italienischen Novecento. Es machte ihn zum Sammler und prägt seine Arbeit. Als Designer lässt er sich von historischen Vorlagen inspirieren. Sein Service für die deutsche Porzellanmanufaktur Fürstenberg etwa ist mit sanft geschwungenen Formen und Henkeln und dem grafischen Muster eine moderne Reminiszenz an die Klassik; und auch sein Logo, eine stilisierte Blüte, zitiert eine alte Vorlage. Seit dem Studium tragen er und seine Frau Kunstbände, Gipsabgüsse, Zeichnungen, antike Bilderrahmen, Gemälde und zeitgenössische Objekte von Designern wie Jaime Hayon, Marcel Wanders oder Alessandro Mendini zu einer Kollektion zusammen, die durch An- und Verkäufe, Flohmarktfunde und Souvenirs in ständiger Veränderung begriffen ist. „Vor allem die Bilder der venezianischen Sezessionisten-Gruppe Ca’ Pesaro, die sich um 1900 zusammenfand, faszinieren uns“, sagt der Hausherr. Die Sammlung ist über das ganze Haus verteilt, in Szene gesetzt und zugleich gebändigt durch die Farben: in der schwarz gestrichenen Bibliothek, im taubenblauen Lese- und dem moosgrünen Elternschlafzimmer. Das Mobiliar ist zurückhaltend, ausgesuchte Antiquitäten und skandinavische Möbelklassiker, meist ganz in Weiß.

In der obersten Etage, in der Carlo Dal Bianco Zwischenwände herausreißen, die Fenster zur Nordseite zumauern und auf der Südseite zur Dachterrasse eine Glasfront einbauen ließ, entstand ein lichter, loftartiger Raum zum Wohnen und Essen: das Zentrum des Familienlebens – und für die Kunst. Hier hängen die meisten der 104 Gemälde und Zeichnungen, dicht an dicht auf zwei Wänden beim Essplatz. Die eine, sie bildet das Rückgrat des Raumes, ist dunkelbraun, für die andere wählte Carlo Dal Bianco ein gregorianisches Graublau – „einen Farbton, den man im England des 18. Jahrhunderts häufig benutzte, weil er den perfekten Fond für einen goldenen Rahmen bildet“. Und natürlich auch für den Gipsabguss einer Büste, ein Selbstporträt Antonio Canovas, die der Designer hier auf einer weißen Säule platzierte. Der große venezianische Bildhauer und Vertreter des Klassizismus überblickt den ovalen Esstisch mit den Arne-Jacobsen- Stühlen in verschiedenen Farben – und ist bei jeder Mahlzeit dabei. Kann man seine Verehrung für einen Künstler charmanter, aufrichtiger und souveräner zeigen, als ihm diesen Familienanschluss zu gewähren?

Autor:
Kristina Raderschad
Fotograf:
Bärbel Miebach