Das Zelt auf der Lichtung Landhaus mit traumhafter Aussicht

Gut 120 Jahre alt und bis zu 30 Meter lang sind die Holzbalken, aus denen der Architekt Omer Arbel ein Haus nahe Vancouver baute. Er führte sie zu einer komplexen Dachkonstruktion aus Dreiecken zusammen und entwickelte daraus Form und Grundriss. Das Ergebnis: ein Gebäude, leicht wie ein Zelt, das sich in die weite Landschaft öffnet.

Für Omer Arbel gibt es keine Hierarchie zwischen Design und Architektur. Der Kanadier, 1976 in Jerusalem geboren, führt in Vancouver sein Architekturbüro OAO und ist künstlerischer Leiter der Leuchtenmarke Bocci. Seine Produkte benennt er schlicht mit einer Zahl, egal, ob es sich um eine Lampe oder ein Gebäude handelt. „23.2“ heißt das 500 Quadratmeter große, ungewöhnliche Haus, das er für den Bocci-Besitzer Randy Bishop, dessen Frau und seine drei Kinder 2009 in der Nähe von Vancouver baute – in eine Landschaft, die der Architekt „erhaben“ nennt. Hier erklärt er, wie sie Teil seines ungewöhnlichen Entwurfs wurde.

Architektur & Wohnen: Randy Bishop hat Ihnen fast jede Freiheit beim Bau seines Hauses gelassen – aber ein paar Wünsche hatte er doch, oder? Omer Arbel: Es gab drei Auflagen: Das Haus durfte nur eine Wohnebene haben, es sollte erdverbunden sein und sich flach auf das sehr plane Grundstück legen. Zweitens sollte jeder einzelne Raum eine starke Beziehung zur Außenwelt besitzen. Außerdem bestand Randy darauf, dass wir Balken aus sehr alten Douglastannen wiederverwendeten.

A&W: Warum waren ihm die so wichtig? O.A.: Die Balken sind die Überreste ausgebrannter Lagerhäuser, die Randys Familie gehörten, sie sind 120 Jahre alt – wie unsere Stadt. Aber über diesen emotionalen Bezug zu seinen Vorfahren und deren Besitz hinaus sind sie auch Zeugen der Kulturgeschichte dieses Ortes. Manche dieser Balken sind 100 mal 50 Zentimeter dick und 30 Meter lang, aus einem einzigen Stamm. Die ganze Umgebung von Vancouver bestand einst aus Wald mit solchen majestätischen Bäumen, sie wurden alle abgeholzt und als Baumaterial verwendet. Aber für uns waren diese Balken kostbare Artefakte, die uns als Inspiration dienten. Wir haben sie kaum geschnitten und auch der Versuchung widerstanden, sie aufzuarbeiten und ihre dichte Maserung zur Geltung zu bringen.

A&W: Wie haben Sie dieses eigenwillige Material dann vereinheitlicht? O.A.: Die Balken waren alle verschieden lang und dick, krumm und in keiner Weise zu bändigen. Also mussten wir ein geometrisches Konstrukt erfinden, das es uns erlaubte, sie zu einem Gewebe zusammenzufügen. Wir entschieden uns für das Dreieck, denn seine Form bleibt immer erkennbar, egal wie lang oder kurz die Seiten sind. Aus den verschiedenen Dreiecken haben wir das Dach wie eine zweite Landschaft über das Grundstück drapiert. Die Art, wie diese steigenden und fallenden Dreiecke den Raum darunter komprimieren oder öffnen, wurde dann zu einer komplexen kompositorischen Übung.

Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Manolo Yllera/Photofoyer